20.04.11

Straßennotizen

"Hier wohnen nur Idioten. Parken Sie vor der Einfahrt"

Es ist gerade Mitternacht, als Joab Nist noch einmal rausgeht, um nach Nachrichten zu suchen. Er geht in Hinterhöfe, schaut hinter Elektrokästen und geht nah an jede Mauer heran. Manchmal findet er in einer Stunde drei Notizen, manchmal in zwei Stunden keine einzige. Doch in dieser Nacht in Prenzlauer Berg läuft es ganz gut.

Von Sören Kittel

Neben einer Hauseinfahrt an der Schönhauser Allee hat jemand einen Zettel gehängt: "In diesem Haus wohnen nur Idioten. Bitte parken Sie vor der Einfahrt!". Nur ein paar hundert Meter weiter, auf der Danziger Straße, hängt wieder ein Zettel an einer Hauswand: "Dreibeinige Katze vermisst! Finderlohn!" Die dritte Notiz findet er kurz darauf in einem Hausflur: "Bitte, liebe Hausbewohner, stellen Sie ihren Müll so ab, wie es in der Hausordnung steht. Wer glauben Sie denn, holt sonst den Müll ab?"

Zuhause dann überspielt Joab Nist diese Foto-Fundstücke auf seinen Computer und stellt sie auf seine Internetseite "Notes of Berlin" - die es in nur sechs Monaten auf mehrere tausend Nutzer täglich schafft. Rund 200 Fotos hat er dort jetzt versammelt, täglich kommen neue hinzu. Sie erzählen die Geschichten von seltsamen Jobangeboten ("Suche Schläge von jungen Frauen"), von bedrohten Fahrraddieben ("Wir kriegen Dich!") oder einfach von ganz großer Liebe ("Daniel, ich vermisse Dich!"). Für Joab Nist sind diese Zettel typisch Berlin. "Es gibt sie deutschlandweit nur hier in der Stadt so häufig", sagt er, "als ob es hier ein Bedürfnis der Bürger gibt, ihre Wünsche und Informationen öffentlich jedem mitzuteilen."

Zum ersten Mal kam er mit 19 Jahren von München nach Berlin, das war im Jahr 2002, er hat damals bei Freunden gewohnt und ist sieben Tage pro Woche mehrmals zu Lesungen, Theater- oder Kinovorstellungen gegangen. Hat die Stadt aufgesaugt eben. Heute, neun Jahre später studiert er an der Freien Universität Kunst- und Medienmanagement, wohnt er in seiner eigenen Wohnung in Prenzlauer Berg und saugt noch immer die Stadt in sich auf - aber eben in Form von Zetteln, die an Wänden und Straßenschildern geklebt sind. Besonders häufig werde er in Friedrichshain, Kreuzberg, Neukölln, Mitte und Prenzlauer Berg fündig, sagt er. "Gerade am Kottbusser Tor oder am Rosenthaler Platz kann ich mehrmals am Tag vorbeigehen und schon sind die Abreißzettel wieder mit neuen überklebt." Diese großen Kreuzungen sind so etwas wie die Schwarzen Bretter der Stadt.

Ein Wunschzettel für alle

Der Berliner Stadtsoziologe Hartmut Häußermann findet an dieser Art der Mitteilung vor allem den Ton bemerkenswert. "Die meisten dieser Meldungen klingen so locker und lässig, als würden sie immer das 'Du' als Anrede voraussetzen", sagt er. Die Schreiber gingen offenbar davon aus, dass sie in einer Umgebung wohnen, in denen viele genauso denken, wie sie selbst. "Wenn jemand 'Bald ist der Winter vorbei - versprochen' auf eine öffentliche Treppenstufe kritzelt, dann geht er ganz selbstverständlich davon aus, dass jemand anderes sich über diesen Satz ebenso freut wie er selbst." Die Bürger hätten das Gefühl, dass sie in einer sehr homogenen Gemeinschaft leben, in der viele den gleichen Humor haben. Dass sich diese Kommunikationsform vor allem in Berlin etabliert hat, hält Häußermann für einen normalen Prozess, weil Berliner immer schon lockerer miteinander umgegangen seien.

Joab Nist selbst hat auch schon Zettel aufgehängt. Er wollte einmal sehen, wie die Menschen reagieren, wenn an der Haltestelle zum Beispiel ein Wunschzettel hängt. Einen Tag später hatten unter der Überschrift "Liebes Christkind, ich wünsche mir zu Weihnachten" Passanten geschrieben, sie wünschen sich "einen beheizbaren Fahrradlenker" oder "einen besseren Freund für Sarah". Das war zwar im eigentlichen Sinne keine Mitteilung, ist aber trotzdem typisch für diese Stadt. Genau wie die Zettel im Hausflur, die davor warnen, dass es "heute einmal lauter" werden könne, wegen einer Geburtstagsfeier. Joab Nist: "In Berlin schreiben sie dann noch dazu, dass sie die Kosten für Ohropax gern übernehmen."

Da er nicht immer selbst auf die Suche nach Mitteilungen gehen kann, hat Joab Nist inzwischen einige regelmäßige Einsender gefunden, die in ihren Stadtteilen, Wohnhäusern oder an Laternen Ausschau nach solchen Mitteilungen halten. Pro Tag erreichen ihn zwischen zwei und zehn E-Mails mit angehängten Fotos von Straßenmitteilungen. Nicht alles ist dabei lustig, sondern manchmal suchen Menschen auch nach einem Freund, der seit einer Woche verschwunden ist. "Kennen Sie diesen Mann?", steht dann dort über einem Bild eines fröhlich lächelnden Mannes. Joab Nist weiß, dass solche Bilder auch immer wieder an Laternenpfählen hängen, er fotografiert nicht jedes, aber auch sie sind eben Nachrichten an den unbekannten Berliner.

Demnächst werden viele dieser Fotos als Sammlung in einem Buch erscheinen. Doch schon von Mittwoch an zeigt das "BASE_camp" Unter den Linden 10 eine Auswahl der Bilder. In den kommenden zwei Wochen werden dann die Fotos auf eine Leinwand projiziert, die man auch von außen gut einsehen kann. Joab Nist ist das noch nicht genug. Das Projekt soll weiter wachsen. Die Idee eines anderen Bloggers, etwas Ähnliches in München zu veröffentlichen, ist aber zunächst gescheitert. "Ich nehme an, dass es dort einfach nicht genug Zettel in den Straßen gab", sagt Joab Nist, "vielleicht, weil die Stadt einfach nicht interessant genug ist". Oder es liegt an einem Mangel an Themen, die man auf Zetteln am besten kommunizieren kann, so wie bei dem roten Stück Papier, das Joab Nist auf einem seiner Nachtspaziergänge am Lausitzer Platz in Kreuzberg entdeckt hat. An einen Stromkasten hatte jemand einen verstörenden Aufruf an die Mieter geklebt: "'Das mit dem Hauskauf hat geklappt, nur alle Mieter sind ziemlich aso, da müssen wir was machen.' Aufgeschnappt von einem gut gekleideten Herrn, neulich hier am Platz. Wehrt Euch!"

Wer selbst eine Notiz einsenden will, schickt eine E-Mail an notes@notesofberlin.com

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