27.08.10

Tel Aviv

"Ich fühle mich hier sehr sicher"

Als die ersten Schüsse fielen, dachte Gal B. (17), jemand knalle mit einer Spielzeugpistole herum. Die israelische Jugendliche befand sich an jenem 1. August 2009 im "Bar-Noar", einem Treffpunkt für junge Schwule und Lesben in Tel Aviv, als ein maskierter Mann hereinstürmte und mit einem Sturmgewehr auf die Besucher schoss.

Von Johannes Wiedemann

Sein Motiv: Hass auf Homosexuelle. Vermutlich. Der Täter wurde nie gefasst.

Bei der Bluttat starben zwei Menschen, 15 weitere wurden verletzt. Eine Kugel traf Gal in den Oberschenkel, doch sie schaffte es, den Club zu verlassen. Draußen versteckte sie sich in einem Müllcontainer. "Der Täter kam raus, sah mich und zielte wieder auf mich, doch er hatte keine Munition mehr und ging weg", erzählt sie. Bis heute leidet sie. "Die Angst ist immer in meinem Kopf."

Zurzeit erholen sich Gal sowie zehn weitere junge Schwule und Lesben aus Tel Aviv, die das Massaker miterleben mussten, in Berlin. Sie sollen einen angstfreien Urlaub in der Hauptstadt verbringen. Vertreter des Stadtrats, der Polizei und homosexueller Anti-Gewalt-Projekte aus Tel Aviv tauschen sich dabei mit ihren Berliner Kollegen aus. Möglich gemacht hat die von Sponsoren finanzierte Reise das Projekt "Regenbogenbrücke". Die Jüdische Gemeinde zu Berlin, das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo und Tom Schreiber (SPD), Mitglied des Abgeordnetenhauses, haben zusammen mit den Städten Tel Aviv, Potsdam und Köln diese Initiative gestartet. Ziel ist es, Erfahrungen im Kampf gegen Homophobie sowie Hassgewalt auszutauschen und Toleranz zu fördern.

"Berlin ist wie Tel Aviv eine offene und tolerante Stadt, aber auch wir müssen jeden Tag dafür kämpfen, dass das so bleibt", sagte Schreiber bei einer Gedenkveranstaltung zu Ehren der Opfer von Tel Aviv. Die Zusammenkunft fand am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen am Tiergarten statt, gegenüber dem Holocaust-Mahnmal. Yael Dayan, Vorsitzende des Stadtrates von Tel Aviv, betonte, dass die beiden Berliner Denkmäler eine Mahnung seien, Toleranz gegenüber allen Menschen zu zeigen - ungeachtet ihrer Ethnie, Religion oder sexuellen Orientierung. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, verurteilte den "widerlichen Anschlag" von Tel Aviv und sprach den Jugendlichen Mut zu: "Ich hoffe, dass Ihre Seelen in Berlin Kraft schöpfen können und Sie genießen, wie offen unsere Stadt ist."

Der 21-jährige Yoni G. macht das. Ihn traf bei dem Attentat eine Gewehrkugel, an seinem linken Unterarm zeichnet sich eine lange Narbe ab. "Ich hatte ein sehr hartes Jahr und habe Angst, dass so etwas wieder passiert. Der Mörder wurde ja nie gefasst", sagt er. Umso besser gefalle ihm Berlin, denn die Stadt sei gegenüber Homosexuellen sehr tolerant. "Ich fühle mich hier sehr sicher. So sicher fühle ich mich in Tel Aviv manchmal nicht." Auch die 22-jährige Mor Rosen, die bei der Bluttat ihren besten Freund Nir verlor, hat eine gute Zeit in Berlin: "Ich liebe es hier."

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