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Serie: Wir sind ein Volk - Wir sind Berlin, Teil 30

"Freunde, irgendwie verwandt, im selben, doch im anderen Land"

Wann haben sie zum ersten mal voneinander gehört, der Superstar Udo Lindenberg und der Silly-Musiker Uwe Hassbecker? Hassbecker, "Baujahr 60", hat mit zwölf Jahren, also 1972, angefangen Schlagzeug zu spielen. Da war Udo schon ein Star, auch in der DDR, und seine Platten kursierten unter den Jugendlichen.

"Jemandes Oma hat eine Platte mitgebracht, und dann hat es einer dem anderen überspielt. Ich hatte ein altes Tonband, "Smaragd" hieß das. Wir konnten in Halle an der Saale NDR2 empfangen."

Und Udo Lindenberg? Silly mit ihrer genialen Sängerin Tamara Danz kannte er von Platten, persönlich kennengelernt hat er die Musiker wohl erst 1989. Damit war er früh dran im Vergleich zu anderen westdeutschen Rockmusikern. Denn anders als durchschnittliche Angehörige seiner Generation war er immer stark interessiert am Leben jenseits der Mauer. "Ich hab das damals so empfunden: Ich wollte zu meinen Freunden, die ich aber noch nicht kannte. Freunde, irgendwie verwandt, im selben, doch im anderen Land." Udo Lindenberg interessierte sich für die Musik des Ostens und fuhr nach drüben, auch wenn es schwierig für ihn war: "Jahrelang war ich ja hier staatlich anerkannter Staatsfeind und hatte nur alle paar Jahre dann mal, schwer bewacht, die Möglichkeit, mich manchmal kurz umzugucken."

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Zu Udos frühesten Begegnungen, wohl schon bei seinem ersten Besuch in Ost-Berlin 1973, gehörte Wolf Biermann in seiner Chausseestraßen-Wohnung. Dort lebte auch Biermanns Stieftochter, Nina Hagen, ein Teenager damals. "Sie lag da, so wie gemalt, auf dem Billardtisch. Sie sagte: Ich heiße Nina Hagen, ich werde mal ein großer Star. Und ich sagte: So siehst du aus!" Der Song "Mädchen aus Ost-Berlin" über die Absurdität der Mauer und darüber, dass Menschen, die sich lieben, nicht ganz normal zusammen sein können, war das Echo dieses ersten Besuches von 1973.

Lindenberg interessierte der deutschsprachige Rock in der DDR

DDR-Rockbands, ob prominent wie Puhdys und Karat, ob unbekannter wie die Renft-Combo, interessierten Udo Lindenberg nicht zuletzt wegen ihrer Songs, die durchwegs deutschsprachig waren - anders als in der Bundesrepublik, wo außer Udo Lindenberg "breitensportlermäßig überhaupt nicht deutsch getextet wurde". Uwe Hassbecker erinnert sich: "Deutsche Texte waren in der DDR Vorschrift. Es gab staatliche Lektorate, eine Textkommission. Da wurden die Texte zerpflückt. Englisch ging gar nicht, erst ganz zum Schluss der DDR durfte man das. Das Kuriose ist, dass sich durch diesen Zwang in der Käseglocke teilweise was Besonderes entwickelt hat. Das Schlimmste war bei der Zensur das Fernsehen. Das Zweitschlimmste war der Rundfunk. Da ging eigentlich nichts. Am liberalsten war noch die Plattenfirma Amiga." Udo Lindenberg meint: "Quadratisch, praktisch und ungefährlich musste es wohl sein."

Silly, die Band, in der Hassbecker spielt, ist Udo Lindenberg sofort aufgefallen durch ihre Lead-Sängerin Tamara Danz, "diese hinreißende, leider sehr, sehr jung verstorbene große Sängerin, deren Stimme, Attitüde, deren Sound und auch deren Courage, wie man sie so mitkriegte, herausragend waren". Er hat damals gespürt, dass Silly "gern noch ein bisschen krasser an die Texte rangegangen wären". Silly half sich mit Tricks gegen die DDR-Zensur. "Tamara hat das als grüne Elefanten bezeichnet, Sätze, die für den Text gar nicht wichtig waren, aber über die unsere Zensoren stolpern mussten. Die wurden dann bereitwillig rausgenommen - und der eigentliche Text konnte so bleiben." Udo Lindenberg, der Erfinder einer ganz neuen Rockmusik-Lyrik, schätzte die Metaphern und die Symbolsprache und die mehrdeutigen Geschichten der DDR-Rockbands.

Wie nahe war seine Sicht damals auf die DDR? 1981 bis 1986, während seiner West-Berliner Zeit, war er ganz dicht dran. "Ich wohnte im ,Interconti' in der Budapester Straße, kam gerade aus New York, hatte die Erfahrung gemacht, wie praktisch es ist, im Hotel zu leben, keine Wohnung und trallala und so, sondern nach dem Motto: Hätte Bach den Mülleimer persönlich runtertragen müssen, hätte er so manche Kantate nicht geschrieben. Also, leben im Hotel - mit Rollschuhen. Es war in der Rollschuhzeit. Ich habe mir da so eine Eck-Suite ausgesucht. Da konnte ich dann auch Richtung Mauer und Ost-Berlin gucken."

In der Köthener Straße, im berühmten Hansastudio, wo auch David Bowie arbeitete, nahm Udo Lindenberg Schallplatten auf. Es ist die Straße am Potsdamer Platz, die Höhe, wo jetzt das Musical-Theater steht. Ein bisschen weiter rüber verlief die Mauer. "Und ich konnte von der Köthener Straße, da war ja ein riesenleerer Platz, die Typen sehen, die rumstanden. Und dann bin ich da öfter mal hin und hab denen ein Ständchen gebracht, mit meiner Schalmei. Packt den Scheiß ein, ihr könnt bald nach Hause gehen. Und die guckten ziemlich ratlos, etwas durchgestutzt."

In seiner Berliner Zeit ist Udo Lindenberg einmal zum 1. Mai hinübergefahren, dem "Kampftag der Arbeiterklasse", wie Hassbecker ironisch einwirft. Romy Haag war dabei, ganz in Weiß, Lindenberg ganz in Schwarz. "Und da saßen wir so am Straßenrand, und da marschierten die vorbei." Wodka und Champagner flossen. Bald legten die Ost-Berliner Autoritäten dem Paar dringend nahe, wieder in den Westen zu fahren. Ihr Betragen sei "zu provokant".

Längst war Udo Lindenberg eine Kultfigur für die DDR-Jugend geworden.Wie die DDR damit umging, wie sie ihn so lange wie möglich an einem Auftritt in Ost-Berlin hindern wollte, wie daraus der historische Song "Sonderzug nach Pankow" wurde, wie Udo eine alte Rockerjacke aus dem Ruhrgebiet von den Freeway Riders in einen Schuhkarton packte und an "Honecker, SED-Oberindianer" schickte - das ist inzwischen das, was man "historisch" nennt. Nicht Pop-, sondern politische Geschichte. Der legendäre "Sonderzug"-Text? "Wieso soll ich da nicht singen, was soll das alles? Das fiel mir dann irgendwann mal gut umnachtet in irgendeiner Nacht ein." Hassbecker erlebte, was drüben draus wurde: "Schwer verboten."

Und doch gab es danach eine Art Entspannung zwischen der offiziellen DDR und Udo Lindenberg. Sein demonstrativer Pazifismus führte zur Einladung zum Festival "Rock für den Frieden", wo er freilich nur vor FDJ-Blauhemden singen durfte. Er hatte zwar einen Vertrag für eine Tournee durch Fußballstadien in der Tasche, aber die wurde wieder abgesagt. "Das hab ich dann aus der ,Tagesschau' erfahren, nicht von denen persönlich." Bei den Moskauer Weltjugendfestspielen gab es erfreulichere Erlebnisse. "Nach dem 20. Wodka gab's so kleine versteckte good news, also deren Einschätzung, was kommen würde." Im Umfeld Gorbatschows hörte Udo Lindenberg, "dass diese Scheißmauer nicht mehr lange steht."

Mit Songs wie "Tausend Augen" war die Stasi gemeint

Wie ging es Silly in dieser Endzeit der DDR? Hassbecker ist 1986 zur Band gestoßen. "Das war noch die Zeit, wo es wirklich schwer war mit den Texten, wo versteckte Zeilen oder Metaphern die Botschaft transportieren mussten. In 'Tausend Augen' zum Beispiel, da geht's eben um die Stasi. Das hat unser Publikum total verstanden." Überhaupt war es schwer, Platten zu veröffentlichen. "Kontrolliert war alles, mehr oder weniger. Man merkte es nicht unbedingt immer, aber man kann eigentlich davon ausgehen, dass über jedes Konzert Berichte geschrieben oder weitergegeben wurden." Udo Lindenberg meint: "Die hatten ja Tausendschaften allein auch dafür. Ich meine, die ganzen Stasi-Akten sind ja meterhoch, jede Kleinigkeit." 1988 nahm Silly das Album "Februar" auf. In Hassbeckers Erzählung eine kuriose, für das Labyrinth der grenzüberschreitenden Rockmusik typische Episode.

Silly konnte durch diverse Tricks parallel auch im Westen veröffentlichen. Die DDR-Tonstudios waren wenig effizient, die Arbeitsbedingungen schlecht. 1988 setzte Silly durch, dass sie im Westen produzieren konnten. Eine Koproduktion zwischen Amiga und Ariola. "Das Studio kostete jeden Tag, war ja alles gebucht. Es mussten ganz schnell neue Texte ran. Da hat Tamara einen Liedermacher kennengelernt, Gerhard Gundermann. Er wurde uns als guter Texter empfohlen. Und so haben wir also die Sachen in West-Berlin eingespielt und sind täglich hin- und hergefahren. Zu Hause bei uns wurden zur gleichen Zeit die Texte geschrieben und am nächsten Tag eingesungen. Das hatte zur Folge, dass das Lektorat der staatlichen Plattenfirma Amiga jeglichen Zugriff verlor. Deswegen sind da Sachen drauf, wo sich Leute oft fragen: Wie ging denn das zu der Zeit?"

Das Album kam im Februar 1989 heraus. Es wird von den Fans im Osten oft als Soundtrack zur Wende bezeichnet. "Es sind eben viele doppel- oder auch eindeutige Sachen drauf: 'Verlorene Kinder', 'S.O.S.' und 'Es geht ein Gespenst in der Mitropa um'."

Als die Massenflucht die DDR erschütterte und die Demokratiebewegung im Sommer und Herbst immer stärker auf Konfrontation mit dem SED-Staat ging, war Silly mittendrin: "Auf der einen Seite war es für uns eine unerträgliche Situation, dass Bekannte und Freunde massenhaft wegrannten und das Land ausblutete nach dem Motto: Der Letzte macht das Licht aus. Wir haben dann versucht, mit gemeinschaftlichen Aktionen von Künstlern, Schauspielern, Musikern, Liedermachern, die Staatsführung noch irgendwie zur Einsicht zu bringen. Aber die hinkten immer drei Schritte hinter den Leuten her, die schon drei Schritte weiter waren." Die Leute von Silly und einige andere Künstler verlasen diese Resolution bei den Konzerten. "Man hätte dabei eine Stecknadel fallen hören können. Bei kleineren Veranstaltungen hat man die Leute teilweise von der Bühne herunter verhaftet. Es gab ja auch Pläne, aufmüpfige Künstler und Intellektuelle in Internierungslager zu stecken. Wir haben uns immer so geschützt gefühlt durch unser Publikum, vielleicht naiv gedacht. Es hat zum Glück funktioniert, aber es hätte auch anders kommen können."

Am 4. November, bei der Millionendemonstration auf dem Alexanderplatz, war Tamara Danz eine der Mitorganisatoren. Für Udo Lindenberg wurde das Jahr 1989 mit dem Ende der deutschen Teilung und dem Sieg der Freiheit und der Normalität so etwas wie die Erfüllung seiner Prophezeiungen. Hatte er nicht herbeigesungen, was dann schlagartig Wirklichkeit wurde?: "Und die Mauer muss auch noch weg und so, die ganze Vision. Diese Träume, wir kriegen das irgendwie hin."

In München, wo Lindenberg gerade unterwegs war bei einer Fernsehproduktion, erreichte ihn am 9. November abends ein Anruf: Mach mal die Glotze an, das glaubst du nicht! "Ja, und da wurde ein dicker Schampi aufgemacht! So eine Art Lebenstraum wurde wahr, der mit zu meinen größten gehört. Es gibt da einen Text, von mir, dieses: Ich hab da viele Freunde und viele Verwandte, und ich kenn die auch noch nicht ... Ich freute mich total, dass ich die dann demnächst mal kennenlernen kann. Ich wusste: das werden so wunderbare Begegnungen. Und irgendwann ist die Scheiß-Mauer weg." Wenn ein Lebenstraum in Erfüllung geht, muss der Träumer ins Zentrum der Ereignisse. Udo nahm den nächsten Flieger nach Berlin. "Gut getarnt, radikal getarnt, Bart angeklebt, angemalt und so, unter so 'ner Thälmannmütze als Tarnmütze. Sonst hätte ich da nicht reingehen können in diesen Menschenauflauf."

Lindenberg wandert verkleidet durch die Feiernden in Berlin

Lindenberg wanderte, den Mantelkragen hochgeschlagen, bewusst anders sich bewegend und stumm, um sich nicht zu verraten, durch die Menschenmengen in Berlin. "Und dann da richtig rein in den ganzen Pulk und in die ganze Freude und das ganze Hoch-die-Tassen. Mir war auch derartig schwindlig. So breit war ich überhaupt noch nie. Aber es war derartig schön, Freudentränen und alles so was. Ich war da mittendrin und natürlich von manchen erkannt und von den meisten wieder nicht. Die hätten mich ja sonst zu Tode umarmt."

Silly und Udo Lindenbergs Panik-Orchester machten ein gemeinsames Konzert. Joe Cocker war dabei und viele andere Künstler aus Ost und West. Hassbecker erinnert sich, dass alles ganz schnell improvisiert wurde. Das Problem war, mit dem Bühnenequipment überhaupt durch die Stadt zu kommen, alles war verstopft. Seit damals kennen sie sich persönlich.

Hassbecker lag am Abend des 9. November auch schon im Bett und schaute ins Fernsehen: "Das kann doch nicht sein. Das glaube ich jetzt nicht. Dann haben wir uns angezogen und sind so gegen 23 Uhr zum Checkpoint Charly, das war nicht weit von unserer Wohnung, und stellten uns in die Schlange. Und dann haben wir drüben mit allen gefeiert. Ein Grenzer sagt zu uns: "Na schönen Dank auch, da habt ihr uns eine schöne Scheiße eingebrockt."

Wie ging es weiter mit Silly in den Monaten danach, als sich die DDR buchstäblich Stück für Stück selbst auflöste? Hassbecker: "Es ging von heute auf morgen im Osten quasi gar nichts mehr." Silly hatte Glück, die Band hatte viele Anfragen, im Westen zu spielen. "Wir waren viel in Dänemark und in Schweden auf Festivals. In Amerika haben wir gespielt. Aber im Osten ging gar nichts mehr. Das gesamte System ist zusammengebrochen. Alle Veranstalter, alle Veranstaltungen waren weg."

Bei Udo Lindenberg geschah das Gegenteil. Für das Panikorchester ging es riesig los, schon im Januar 1990. Die erste große DDR-Tournee, Thüringen, Suhl, dann gleich Leipzig. "Das waren die emotionalsten Konzerte, die ich überhaupt je erlebt habe. Da waren so viel Tränen, die Leute kamen fast mit Schwimmflossen in die Halle rein. Wir wateten durchs Tränenmeer. Der Sänger konnte selber auch nicht weiter singen, und ich war auch selber so emotional und so berührt von der Situation, dass nun endlich nach Jahrzehnten dieser ganze Traum wahr geworden war."

Hassbecker sagt: "Die Leute hatte so lange gewartet, sie haben alles das natürlich verschlungen, was ihnen jahrelang verwehrt wurde." Und Udo Lindenberg erzählt vom Freudenrausch im Frühjahr 1990: "Nach den Shows sind wir auch zu den Leuten nach Hause. Ja, genau. Ich wollte auch sehen, wie die Leute da so leben. Da lernten wir auch die ganzen Rotkäppchen- und Biersorten kennen. Das sind heute, 20 Jahre danach, immer noch wirklich rührendste Begegnungen, wenn ich so in Cottbus oder irgendwo in Neubrandenburg bin in der Provinz. Nach den ganzen Jahrzehnten. Man liegt sich in den Armen. Das ist immer noch echt. 1990, die erste große Show, die haben wir wirklich jenseits der Drei-Promille-Grenze gemacht - also, ehrlich, völlig in einem echten Rausch. Die Nächte durchgefeiert. Im Bus ein bisschen gepennt, in der Garderobe - ich weiß noch, Rostock, fünf vor halb, Udo, es ist gleich Show-Time, und ich schlief noch. Ich lag da noch in der Ecke. Aber das war damals irgendwie scheißegal. Man war irgendwie da. Die Band drehte auf, und dann ging das ab, und dann kam der Song, und alles hat sich gefreut und getanzt. Das gehört zu den schönsten Zeiten meines Lebens."

Die Realität der DDR war noch ärmlicher, als er es sich vorgestellt hatte. Aber was zählte das gegenüber der Dramatik der großen Politik: "Für mich war absolut irre, dass es tatsächlich auf diese Einheit losging. Als die Russen sagten, okay."

Der DDR-Bürger Hassbecker verfolgte die Einheitsdramatik weniger euphorisch. "Zu der Zeit waren wir sehr skeptisch. Und wir waren auch nicht glücklich mit vielen Entwicklungen, zum Beispiel die Arbeit der Treuhand. Zu allererst sind die Schmarotzer in Scharen eingefallen. Man verstand ja gar nicht alles und bekam auch nicht alles mit. Wir versuchten, uns um uns selbst zu kümmern. Aber was da abgelaufen ist, das war nicht mehr normal. Wie Sachen verscherbelt wurden, kaputt gemacht wurden. Es war ein totaler Ausverkauf. Es hätte keine andere Lösung gegeben, darum geht's überhaupt nicht. Aber wie es passiert ist, das war schon deprimierend mitzuerleben. Ich glaube, dass da eine Menge in vielen Leuten zerbrochen ist."

Der eine sah den Ausverkauf, beide hofften auf Erneuerung

Udo Lindenberg, der ganz und gar Glückliche hier, Uwe Hassbecker, glücklich über die Freiheit, nicht ganz so glücklich mit der Abwicklung seines ehemaligen Landes. Lindenberg stellte sich vor, nun käme etwas ganz Neues: "Ich dachte immer, das Gute von beiden Ansätzen, von der Demokratie und von echtem Sozialismus, müsste man jetzt zusammenlegen. Deutschland müsste eine Art Modellland werden. Das ist ja nicht ganz so gekommen, obwohl die bunte Republik, denke ich, manchmal auf einem ganz guten Weg ist. Ich bin da nicht so skeptisch."

Was er am 3. Oktober gemacht hat, weiß Hassbecker nicht mehr. Jedenfalls keine Fähnchen vor dem Reichstag geschwenkt. Auch Lindenberg kann sich an den Abend der Einigung nicht erinnern. Für beide überragt der 9. November 1989 alles.

Was hat sich für die beiden Rockmusiker verändert durch die deutsche Einheit? Nicht wirklich etwas für den Rock-Titan Udo Lindenberg; er hatte seine Mission als Schöpfer einer neuen "Gebrauchslyrik" und eines genuin deutschen, nicht mehr epigonalen Rock 'n' Roll längst vollendet.

Bei seinem ostdeutschen Kollegen waren zuerst die Mühen der Ebene beschwerlich. Hassbecker sagt, Silly habe Zeit gebraucht, bis man sich zurechtgefunden hatte, wie andere Menschen auch. "Wir mussten uns an viele Sachen gewöhnen. Ich wusste nicht, was Umsatzsteuer ist und Steuererklärung und dass ich jetzt alle Zettel sammeln muss."

Musikalisch aber machten sie das Gleiche wie zuvor: "Wir haben wie immer versucht, gute Musik zu machen. Wir haben uns auch nie als Ost-Rock-Band verstanden. Die Plattenfirma meinte, Silly müsse jetzt komplett anders sein, im Westen verstehe niemand die Texte. Sie meinten damit München, wo sie saßen."

Das Publikum ist der Band über all die Jahre treu geblieben. Erstaunlicherweise auch dann, als nach 1996 mit dem Tod von Tamara Danz die Mitte, der Kopf und das Herz der Band verschwunden war. Aber zuerst war Stille. "Wir haben neun Jahre pausiert, bis wir den Mut hatten, wieder anzufangen." 2005 hat Silly wieder angefangen zu spielen, mit einer grandiosen Tour vor allen Dingen in den neuen Bundesländern, die für Uwe Hassbecker seine alten sind. Aber jetzt möchten sie auch den Rest des Landes musikalisch erobern. Mit der neuen Sängerin Anna Loos veröffentlicht Silly Anfang 2010 das erste neue Album nach knapp 14 Jahren.

Uwe Hassbecker trauert der DDR nicht nach, aber sie ist Teil seines Lebens. Die Einigung? "Ich bin sehr glücklich, dass ich das erfahren durfte und dass das letztendlich so friedlich abgegangen ist. Außerdem ist es doch geil, dass wir jetzt hier sitzen und uns was zu erzählen haben." Und Udo Lindenbergs Fazit? Er freut sich über die enorme Erweiterung seines Freundeskreises. Und über das Kennenlernen der historischen Orte wie Weimar und Wittenberg: "Da kommst du dahin zum ersten Mal, von Goethe bis Thomas Mann ... An die Stätten musste ich natürlich sofort ran. Sofort mit Luther an einen Tisch." Was wir in diesen Einigungsjahren gemeinsam erlebt haben, sind prägende Erlebnisse. Und dann sagt er etwas über sie, das Wahrheit und Poesie in einem ist, so schön wie in einem Lindenberg-Song: "Die sind wie ein Tattoo. Deswegen verblassen die auch nicht. Es ist so tief drin, wie wir das erlebt haben."

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Einmal fuhr Udo Lindenberg zum 1. Mai hinüber, dem "Kampftag der Arbeiterklasse", wie Hassbecker ironisch einwirft. Romy Haag war dabei, ganz in Weiß, Lindenberg ganz in Schwarz. "Wir saßen am Straßenrand, und da marschierten die vorbei." Wodka und Champagner flossen. Bald legten Ost-Berliner Autoritäten dem Paar nahe, wieder in den Westen zu fahren

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