Logo der Berliner Morgenpost
http://www.morgenpost.de/printarchiv/berlin/article1199346/Lieber-Spree-als-Alster.html
Link in E-Mail oder Instant-Message einfügen close

Modemarkt

Lieber Spree als Alster

Es ist einer dieser typischen sanierten Altbauten. Von außen sieht man gar nicht, was sich drinnen so alles verbirgt. Die verschwitzten Bauarbeiter im Hof und das marode Treppengeländer im Flur täuschen genauso wie die schlichte Fassade - die Wohnung von Designer Manuel Kirchner ganz oben ist nämlich ziemlich schnieke.

Holzparkett, deckenhohe Fenster, alle Möbel perfekt aufeinander abgestimmt und sogar Emma, die französische Bulldogge, wirkt wie ein niedliches Accessoire. Vom Balkon aus sieht man die Kräne auf dem zukünftigen BND-Gelände an der Chausseestraße. Früher hat Kirchner die Alster in seiner Nähe gehabt. Aber Hamburg hat er vor einigen Wochen den Rücken gekehrt - die Hansestadt passte nicht länger zu seinen Plänen.

Nach fast sechs Jahren in Hamburg hat der gebürtige Würzburger seine kleine, feine Boutique in Rotherbaum zugemacht und ist in die Hauptstadt übergesiedelt. "In Berlin gibt es einfach mehr Kreativität", sagt Kirchner und schiebt sein Markenzeichen, die große, schwarzrandige Brille, zurecht, die auf Modefotos auch seine Models gern mal aufhaben. Sein Ziel ist klar definiert: Im Januar will er auf der Mercedes-Benz Fashion Week seine neue Kollektion präsentieren. Darauf arbeitet er nun zielstrebig hin.

Anzeige

PR-Profi als Designer

Kirchner ist nämlich einer, der nichts dem Zufall überlassen mag. Der beste Beweis dafür ist, wie der heute 31-Jährige überhaupt zum Modedesigner wurde. In München hat er eigentlich Kommunikation und PR studiert, danach in Hamburg für Marietta Andreae gearbeitet, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit von Chanel kümmert. "Meine Leidenschaft war es aber schon damals zu designen. Dabei kann ich nicht einmal nähen!" Machte anscheinend nichts, denn Kirchner tat sich mit einem Partner zusammen, ersann den Markennamen Tulpen Design ("guter Wiedererkennungswert"), entwarf hübsche Abendkleider und engagierte halt eine Schneiderin. Als die erste Kollektion dann noch nicht einmal in irgendwelchen Läden zu kaufen war, bewarb er sich 2004 - ganz PR-Profi - beim "New Faces Award" von Burda. Und Tulpen Design gewann auch noch.

Fortan fanden sich natürlich auch gleich so einige Schauspielerinnen und Moderatorinnen, die die femininen Roben gern auf den roten Teppichen der Republik tragen wollten - und die damit gleichzeitig für das Label warben. Collien Fernandes, Sonya Kraus, Frauke Ludowig, Mareile Höppner - "Celebrity Dressing" heißt das im Fachjargon, und immer mehr Agenturen spezialisieren sich längst darauf, die Kleider ihrer Kunden unter das prominente Volk zu bringen.

Ein wenig erinnert Kirchners Geschichte an die von Wahl-Berliner Guido Maria Kretschmer, der ebenfalls Liebling vieler Aktricen ist, die immer öfter seine glamourösen Kleider ausführen. Bei beiden wird es nicht nur am Talent liegen, wunderbar weibliche Roben zu machen. Es ist vielmehr diese verbindliche, freundschaftliche Art, die den weiblichen Kunden signalisiert: "Ich kann aus Dir eine Diva machen."

In Kirchners Fall entstanden wichtige Synergien durch seinen Zweitjob als Stylist für die namhafte Agentur Louisa-Models, der ihn kreuz und quer durch die Welt führte. Manchmal waren es "40 Flüge in drei Monaten". Für die NDR-Sendung "Die Modemacher" nahm er zusätzlich noch weibliche Kleiderschränke unter die Lupe. "Diese Arbeitsbelastung wurde aber irgendwann zu viel. Das war auch ein Grund, warum ich den Laden in Hamburg aufgab - ich war einfach zu selten vor Ort, dabei ist das alles sehr personenbezogen." Von seinem Geschäftspartner hatte er sich außerdem getrennt.

Nun also der Neuanfang in Berlin. Kirchner will sich ganz auf Abendmode konzentrieren und wie üblich zweimal im Jahr eine Kollektion herausbringen. "Wir haben uns damals einfach verzettelt. Blusen, Hosen, das war alles zu viel." Hinzukommen sollen allerdings noch Kleider für den Tag, eines davon hängt auf einer Kleiderpuppe in seinem Arbeitszimmer. Schräger Ausschnitt, weiter Ärmel, Farbverläufe von Apricot bis Braun. Tragen wird dieses Stück auch eine Münchner Moderatorin, die beim "Perfekten Promi-Dinner" auftritt. Wieder keine schlechte Werbung.

"Damenbesuch" kommt wie in Hamburg auch in Berlin vorbei, denn Kirchner entwirft Outfits auch nach Maß. Damals in Hamburg, da war die älteste Kundin über 70 Jahre alt, die jüngsten stattete er für den Abschlussball aus. Fast immer nimmt er auch die Rolle des Typberaters ein. "Ich gehe manchmal sogar los und suche mit der Kundin die passenden Schuhe und den richtigen Schmuck aus." Der Gesamteindruck muss schließlich stimmen, alles soll genau zusammenpassen, nicht anders als bei ihm selbst, da sind sogar seine lila Socken ein modisches Statement. "Ich richte mich nicht nach Trends, will Kleider machen, die zeitlos sind", sagt Kirchner. Und die man nicht nur einmal trage, dafür seien sie nämlich zu teuer - so ein bodenlanges Abendkleid kann schon mal bei über 2000 Euro liegen. Kokett bemerkt er, dass er mit dieser Einstellung wohl ziemlich bodenständig wirke und so anders als etwa Karl Lagerfeld, den er übrigens glühend bewundert und dem er immerhin schon mal die Hand schütteln durfte.

Ehrgeizige Pläne

Der 31-Jährige weiß genau, wo seine Kundinnen sitzen. Dubai sei zum Beispiel ein großer Markt. Seine Fühler will er aber auch in Richtung Paris ausstrecken. "Und mit The Corner hier in Berlin möchte ich auch Gespräche führen." Vertreten ist Kirchner derzeit im Concept-Store der Modemesse Premium F95. Der Internet-Shop ist bald fertig und ein eigener Laden auch nicht ausgeschlossen. Selbstbewusstsein hat Kirchner jedenfalls genug. Das zeigt sich auch, wenn es um die kommende Fashion Week geht: "Promis, die zu meiner Modenschau kommen, sind nicht das Problem." Dass er auch fachlich überzeugen kann, setzt er voraus.

Nähen lässt er seine Mode übrigens immer noch in Hamburg. Und wenn man ihn danach fragt, wie ihm denn der viel beschworene "Berlin-Style" so gefalle, atmet er tief aus, und es klingt ein bisschen wie ein Seufzen. "Gegenfrage, was ist denn der Berliner Stil? Ich will nicht sagen, dass viele Looks schlampig aussehen, schließlich ist manches auch witzig und inspirierend. Aber ich würde es eigentlich schon eher trashy nennen." Da kommt sie irgendwie doch durch, die hanseatische Prägung.

Anzeige

MORGENPOST.TV - Die Berlin-News

Hertha BSC
Funkel will von Abstiegsduell nichts wissen
Anzeige
Heute Morgen Übermorgen
Heute
 |  13°
Morgen
 |  13°
Übermorgen
 |  11°

Der Berliner Kriminalitäts-Atlas

Anzeige
Zeitreise über Berlin mit dem Rosinenbomber

BVG


Bitte füllen Sie das folgende Formular aus um eine Fahrinformation zu erhalten. Das Ergebnis wird in einem neuen Fenster angezeigt.
absenden

Kalenderblatt

Code Einbetten: