21.08.09

Unternehmen

Monster, Elfen und Piraten

Hier in den Büroräumen der Computerfirma "Frogster" an der Charlottenburger Hardenbergstraße ist die Welt noch in Ordnung. Gesaugte Fußböden, geputzte Fenster und an der Tür das lustige Logo der Firma: der Fußabdruck eines Froschs.

Von Sören Kittel

Herren in legerem Büro-Outfit drücken zur Begrüßung freundlich die Hände, am Empfang sitzen lächelnde Damen, die als "Seele des Hauses" bezeichnet werden. Im Konferenzzimmer dann Kekse, Kaffee und frisches Sprudelwasser.

Doch an den Wänden hängen Plakate, die schon Hinweise auf das geben, was sich hier eigentlich abspielt, auf das, womit die 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Berliner Firma seit rund drei Jahren ihr Geld verdienen. Zu sehen sind brüllende Monster, Feuer speiende Drachen, fliegende Fabelwesen und knapp bekleidete Damen, die stolz ihre funkelnden Waffen präsentieren. Eine Welt, die nicht mehr ganz in Ordnung ist.

Diese Welt heißt "Runes of Magic" und bezeichnet ein Computerspiel, das weltweit regelmäßig rund 1,5 Millionen Menschen spielen. Tendenz steigend. Es funktioniert ähnlich wie das bekannte Online-Rollenspiel "World of Warcraft" der Firma Blizzard, das mehr als zehn Millionen Mitspieler hat. "Runes of Magic" allerdings kommt trotz des englischen Namens nicht aus den USA, sondern aus Charlottenburg - von hier aus tritt es als kleiner Konkurrent den Weg nach Rest-Europa, nach Südkorea und seit kurzem auch nach Amerika an.

Aktuell präsentieren sich die Berliner auf Europas führender Messe für interaktive Spiele, der GamesCom in Köln, die gerade für die Besucher geöffnet wurde. In Halle 9 sind 23 Computer aufgebaut, um so vielen Menschen wie möglich zu zeigen, dass es das kleine Frogster mit dem Giganten Blizzard aufnehmen kann. Vor allem, weil die Berliner das "Zweite Kapitel" aufschlagen - und Spieler ab September dann auch überall in die Rolle von Elfen schlüpfen können. Das ganze wird kostenlos bleiben, inhaltlich oder grafisch setzt sich das Programm weniger stark ab, was Teil einer Strategie ist. "Das wäre auch problematisch", sagt Axel Schmidt von Frogster, "denn Fans reagieren schnell irritiert, wenn Elfen nicht aussehen wie sie es gewohnt sind." Die Ohren müssten also auf eine ganz bestimmte Art spitz sein. Auch in anderen Eigenschaften ähneln sich die Computerspiel-Konkurrenten. Auch in "Runes of Magic" müssen sich die Spieler für einen Charakter entscheiden, ihn einkleiden und ihm Fähigkeiten beibringen - je nachdem, ob sie als Krieger, Magier oder Ritter durch die Welt laufen.

Berlin ist ein wichtiger Standort

Die Strategie der Berliner Firma ist, das Spiel kostenlos anzubieten. Sämtliche Regionen des Spiels, von der Küste der Wehklagen über die Heulenden Berge bis zum Staubteufel-Canyon, lässt sich alles ohne zu bezahlen betreten. Man kann ständig neue Aufgaben annehmen und Monster bekämpfen. Bezahlen müssen die Kämpfer nur für Extras. Einer der Gründer Dirk Weyel spricht dann gern von einer "Motivationskette". "Um zum Beispiel schneller einen bestimmten Gegner zu besiegen", sagt er, "oder um ein schönes Haustier zu besitzen, dafür geben die Spieler schon gern etwas Geld aus." Kleine Beträge sind das zunächst, 50 Cent oder einige Euro. Aber über die Wochen kann sich da schon etwas ansammeln - auch wenn bei diesem Geschäftsmodell nur rund zehn bis 20 Prozent der Nutzer bereit sind, etwas zu zahlen.

Doch der Markt ist inzwischen sehr unübersichtlich geworden - und hart umkämpft. Deutschland ist mit einem Umsatz von rund 2,7 Milliarden Euro im Jahr der zweitwichtigste Markt innerhalb Europas. Eine aktuelle Studie der Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers sagt ein Wachstum von rund sieben Prozent für die Branche voraus. Zudem prognostizieren die Wirtschaftler, dass in diesem Jahr in Deutschland erstmals mehr Geld für Videospiele als für CDs oder Musikdownloads ausgegeben werde. Berlin ist für die Videospiele-Branche schon seit längerem ein wichtiger Platz. Hier haben sich zwar nicht die größten Firmen angesiedelt, aber eine Vielzahl kleinerer Entwickler - und eine der wichtigsten Ausbildungsstätten, die "Games Academy" in der Nähe des Alexanderplatzes.

Innerhalb des Computerspiel-Marktes wiederum ist der Online-Rollenspielmarkt der am schnellsten wachsende, da die Welten ständig erweitert werden können und sich in Echtzeit auch andere Spieler durch ähnliche Abenteuer kämpfen. Hinzu kommt, dass Jugendliche oft nur über ein Taschengeld verfügen, mit dem sie sich die 12 bis 15 Euro Abonnenten-Kosten für Bezahl-Rollenspiele nicht leisten können. Bei Spielen wie "Runes of Magic" können sie auch einmal testweise in eine Elfenhaut schlüpfen.

Das Aufhören wiederum soll schwieriger gemacht werden. Dafür hat Dirk Weyel ein anderes Wort aus seinem Spiele-Theorie-Alltag: "das Balancing". Alles muss ausbalanciert sein - die Möglichkeit, höhere Level zu erreichen, die Schwierigkeitsgrade der Gegner, die Entfernung zur nächsten Attraktion und die Verfügbarkeit neuer Waffen. "Wenn irgendetwas nicht gut ,balanced' ist", sagt er, "dann merken das die Spieler und gehen zu einem anderen Spiel."

Rund 80 professionelle Online-Rollenspiele gibt es aktuell im Internet, und es werden immer mehr. Auch das Berliner Haus Frogster bietet schon jetzt vier Spiele an, um nicht nur die reinen Fantasy-Spieler zu befriedigen. Neben dem Steinzeit-Comic "StoneAge 2" und der Endzeit-Fantasie "The Chronicles of Spellbourn" bietet Frogster noch das Seefahrer-Spiel "Bounty Bay Online" an. Dabei kann ein Spieler als fahrender Kapitän in einer historischen Entdeckerwelt zum Beispiel mit Gütern handeln. Auch hier wieder schillernde 3D-Grafiken und die Möglichkeit, sein Schiff mit dem Einsatz von wenigen Euro weiter voran zu bringen. Doch mussten die Macher am Anfang einige Fehler in Deutschland zurücknehmen. "Wir fügten einmal ein Jetpack in das Spiel ein", sagt Axel Schmidt. Damit hätte man bequem über die Christoph-Kolumbus-Welt fliegen können. "Doch die Spieler wollten lieber Authentizität." Vor allem in Deutschland habe man nicht diesen Humor, einmal zu vergessen, dass man sich gerade im 16. Jahrhundert befindet. "In Asien fand man das Jetpack lustig."

Spielergruppen sind Sportvereine

Auch die sprechenden Fliegenpilze, die einst bei "Runes of Magic" eingebaut wurden, gibt es inzwischen nicht mehr - wohl aber laufende Pilze, die man mit einem goldenen Lasso einfangen muss. Das ist eine der ersten Aufgaben für Neulinge in der Online-Welt, in der Sprache der Spieler und Hersteller "Quest" genannt. Viele Quests ergeben dann die von Dirk Weyel benannte Motivationskette. Und sollten die Aufgaben einmal nicht genug motivieren, dann übernehmen die anderen Spieler die Motivationskette. Die Einzelkämpfer können sich zu Gruppen zusammenschließen und auch gemeinsam Abenteuer erleben. Axel Schmidt von Frogster kommt dann regelrecht ins Schwärmen: "Das ist wie bei einem Sportverein", sagt er. "Die einzelnen Mitglieder spielen zum Beispiel die gleiche Aufgabe durch, bis sie richtig gut darin sind." Außerdem seien sie oft privat befreundet - sogar erste Spieler-Ehen soll es geben. Und doch, trotz all der ungewöhnlichen Dinge, Monster und Fabelwelten, mit denen sich die Macher und Spieler von Frogster jeden Tag beschäftigen, betont Schmidt: "Wir sind eine ganze normale Firma."

Wer einmal den zweistöckigen Bürokomplex aus mehreren zusammengelegten Charlottenburger Wohnungen besucht hat, glaubt das gern. Labyrinthartig verstecken sich Programming, Community Management und Customer Support in miteinander verbundenen Räumen. Die Mitarbeiter dort sprechen nicht nur Englisch, sondern auch Spanisch, Türkisch, Französisch und inzwischen auch osteuropäische und asiatische Sprachen. Das werde sehr wichtig in den kommenden Monaten, weil sämtliche Neuerungen der Spiele-Welt in die unterschiedlichen Sprachen übersetzt werden müssen. Dafür sei Berlin sehr praktisch, sagt Gründer Dirk Weyel. "Die Stadt zieht einfach Leute aus aller Welt an."

Dass das so ist, hat sich auch mit "Balancing" und "Motivationsketten" zu tun. Aber wohl weniger mit virtuellen Elfen oder Piraten.

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