29.01.13

Serie "Berliner Kaffeehäuser": Teil 2

Goethe hinter Glas

Zu Besuch im legendären Stammhaus des Cafés "Einstein" an der Kurfürstenstraße

Von Christine Eichelmann

Der Senator hat sich mit seinem Gegenüber ins hinterste Zimmer zurückgezogen. Fast wie im Séparée sitzt er dort ins Gespräch vertieft. Ohnehin nimmt niemand von ihm Notiz. Geschäftsleute mit der Cappuccinotasse neben dem Laptop, Mittfünfziger aus der Mitte der Mittelschicht in gelöster Frühstücksrunde, Zeitungsleser, ein junger Mann mit vom Fahrradfahren zerzaustem Haar, der offenbar auf der Suche nach seiner Verabredung durch die Räume streift: An diesem Vormittag ist im Café "Einstein" Stammhaus jeder ganz mit sich beschäftigt.

Für Pia Frankenberg gehört die taktvolle Indifferenz, mit der sich Personal wie Publikum im Kaffeehaus an der Kurfürstenstraße untereinander begegnen, zur gepflegten Kultur des Hauses. Das "Einstein", sagt die 55-Jährige, "ist sich immer treu geblieben als Ort, wo jeder hingehen kann. Wo man alles trifft, vom Prominenten über Familien bis zu älteren Leuten." Frankenberg schätzt die betonte Lässigkeit im Umgang mit dem Renommee, welches das 1978 eröffnete Café schnell zu einer Berliner Institution machte: "Das zeichnet gute Orte eben aus, dass alle gleich viel gelten." Da schadet es nicht, dass die Touristenströme zu Hauptstadtzeiten längst Richtung Mitte abgewandert sind. Und im Namensvetter an der Straße Unter den Linden – tatsächlich nach dem Vorbild der Tiergartener Institution gegründet, aber gesellschaftlich getrennt – einen Blick auf Führungspersönlichkeiten der Berliner Republik zu erhaschen suchen.

Als auch international bekannt darf das viel ältere "Einstein" Stammhaus dennoch gelten. 2008 war das Kaffeehaus sechs Tage lang geschlossen. US-Regisseur Quentin Tarantino drehte dort einige Szenen für den Kino-Kassenschlager "Inglourious Basterds". Die roten Samtvorhänge an den Fenstern zeugen noch von diesem Intermezzo. "Das Studio Babelsberg hat die Räume in besserem Zustand verlassen, als sie vorher waren", sagt "Einstein"-Geschäftsführer Hubertus Buchinger schmunzelnd. Im Film hatte das Café als Pariser Kaffeehaus der 40er-Jahre gedient. Den Gründern des "Einstein" hätte das sicher als Kompliment gegolten. Gleich am Eingang, gegenüber vom Tresen, hängt ein Foto von Alberto Giacometti, wie er über einem Bistrotisch in Paris sinniert. Es bleibt schon deshalb im Gedächtnis, weil Bilder rar sind an den hohen, stuckgerahmten oder von Spiegeln und Holzvertäfelungen gezierten Wänden der Caféräume.

Die wenigen Bilder, die ins Auge fallen, transportieren mehr von der Philosophie der Cafébetreiber als von künstlerischem Ehrgeiz. Ein Gegenmodell zur "künstlerischen Kneipenkultur" Berlins wollten diese schaffen, mit dem "weltstädtischen Anspruch des literarischen Kaffeehauses". Im als Bibliothek geltenden Nebenraum, der erst mittags öffnet, stehen Werkausgaben von Goethe, Schopenhauer oder Theodor Storm in verglasten Bücherschränken. Die Neorenaissance-Villa, in der die Österreicherin Uschi Bachauer das "Einstein" unterbrachte, war für ein Kaffeehaus ihres Anspruchs nicht die schlechteste Adresse. In den 30er-Jahren residierte hier ein geheimer Spielklub, in dem das Großbürgertum und die bessere Gesellschaft verkehrten, wo sich Aristokraten, Fabrikanten und Stars trafen. Zur Showprominenz gehörte die Stummfilm-Diva und Filmproduzentin Henny Porten. Bis heute hält sich das Gerücht, Porten habe in dem Haus sogar gewohnt.

"Wenn so eine Geschichte in der Welt ist, dann wird sie irgendwie immer am Leben erhalten", weiß Kirstin Buchinger. Die Frau des Geschäftsführers hatte anlässlich des 30. Geburtstags des Cafés "Einstein" in den Archiven die Geschichte der Kurfürstenstraße 58 erforscht. Auch mit Nachbarn sprach die promovierte Historikerin. Alte Menschen zum Teil, die ihr ganz ernsthaft berichteten, wie sie selbst "die Porten" in ihren Privaträumen gesehen hätten. Aber auch wenn das Legenden sind, wird die Schauspielerin im "Einstein" gleichwohl als "Hausheilige" geehrt. Ihr Foto hängt neben der Allegorie auf die Kaffeehauskultur mit Alberto Giacometti.

Neben all dem Nimbus und den nostalgischen Anleihen bei Traditionen der Donaumonarchie lockt heute aber auch etwas vermeintlich Profanes die Menschen ins Café "Einstein": guter Kaffee. Wilhelm Andraschko, Mitbegründer des Kaffeehauses, röstet in seiner Kreuzberger Kaffee-Manufaktur die Espressobohnen, deren Aufguss an der Kurfürstenstraße in die Tassen fließt. Fiaker oder Pharisäer, Einspänner oder Eiskaffee, keine der klassischen Kaffeespezialitäten fehlt in der Karte. Sechs Sorten Kaffeebohnen kann man auch mit nach Hause nehmen. Dazu werden selbst gebackene Kuchen und warme Speisen serviert. Ohne überflüssige Experimentierwut, findet Pia Frankenberg: "Das ist einfach solide Qualität. Wenn ich amerikanischen Freunden einen echten Kaiserschmarrn bieten will, dann komme ich mit denen ins ,Einstein'."

Café "Einstein" Stammhaus, Kurfürstenstraße 58, 10785 Berlin, geöffnet 8 bis 1 Uhr, Tel. 26 39 19 18

Lesen Sie morgen: Die "Berliner Kaffeerösterei" an der Uhlandstraße

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