Klangstudien
Dem Sound der Dinge auf der Spur
Montag, 6. April 2009 01:46 - Von Sören KittelDuu, düü, duu. Die Türen schließen sich und die S-Bahn fährt los: chhhhhhhfffffuuu. Eine weibliche Frauenstimme sagt: "Tschüssi!" Schritte auf der Treppe. Dann poltert es schon wieder los. Die nächste S-Bahn fährt ein. Ein lautes Scheppern. Eine Baustelle?
Etwas raschelt, wie Blätter in einem Baum. In der Ferne ist das schnell näher kommende rhythmische Rauschen zu hören, lauter, dann wieder leiser. Der ICE wird nicht hier halten, an der S-Bahn-Haltestelle Ostkreuz, einem der Orte in Berlin mit den typischsten Geräuschen dieser Stadt überhaupt. Noch einmal: chhhhffffuuu. Duu, düü, duu.
Das Klatschen der Spree
Aufgenommen hat das alles Yukio King, ein bekennender "Rekordist" - so nennen sich Menschen, die Geräusche aus ihrer Umgebung archivieren. King hat Klänge wie diesen vom Ostkreuz zusammengestellt und auf der Internetseite Berlincast.com für alle zugänglich gemacht: das Kindergeschrei vom Görlitzer Park, die weibliche Durchsage-Stimme vom Flughafen Tegel, der leichte Techno-Sound einer Strandbar und das Klatschen der Spree unter der Schillingbrücke. "Jeder Raum schafft seine ganz eigenen Atmosphäre - auch der öffentliche Raum", sagt der 28 Jahre alte gebürtige Kalifornier. "In meinem Projekt wollte ich zeigen, wie in verschiedenen Teilen Berlins jeweils typische Geräuschkulissen entstehen."
Zusammengenommen ergibt das alles eine sehr genaue Klangstudie dieser Stadt - und man kann sagen, dass Yukio King inzwischen Experte für den Klang Berlins geworden ist. "Einige Dinge gibt es so nur hier", sagt er, "zum Beispiel den großen Unterschied zwischen Straßenlärm und plötzlicher Stille in einem Berliner Innenhof." Eben noch laut und chaotisch, sind plötzlich genau die Stimmen von Menschen unterscheidbar und ganz andere Klänge dominieren die Umgebung. "In Paris, London oder New York ergibt sich schon aus der jeweiligen Architektur eine ganz andere 'Klang-Landschaft'."
Dieser Begriff der Klang-Landschaft, im englischen "Soundscapes" genannt, ist sehr zentral für Rekordisten und Klangforscher. Er wurde in den 60er-Jahren von dem kanadischen Komponisten Raymond Murray Schafer geprägt - und wird seit sieben Jahren auch in dem Studiengang der Universität der Künste "Sound Studies" gelehrt. Er bezeichnet die Gesamtheit aller Klänge in einer bestimmten Umgebung - die vor allem in der modernen Musik oft benutzt und verfremdet werden. Wie jede andere Wissenschaft versucht auch dieser Studiengang, dem Studienobjekt "Geräusch" zunächst neutral gegenüberzutreten.
Yukio King, der seinen Master in "Sound Studies" gemacht hat, will vor allem gegen das Vorurteil vorgehen, dass Straßenlärm per se etwas Schlechtes ist. "Wer sagt denn, dass ein 'schhhhhh' im Hintergrund wirklich störender ist, nur weil es nicht von einem Wasserfall kommt, sondern von einer Autobahn?" So hätten Wissenschaftler herausgefunden, dass ein gewisser Straßenlärm im Hintergrund das subjektive Sicherheitsgefühl erhöhen könne, besonders in unbelebten Gegenden. Schließlich bedeutet das Geräusch eben auch: Da gibt es noch andere, ich bin nicht allein.
"Lärm" oder Heimatgefühl
Für einige, geht King noch weiter, kann es sogar Heimatgefühle erzeuge, wenn sie diesen ganz bestimmten Klangmix hören, der sich ergibt, wenn Tram, U-Bahn, Autos und Stimmengewirr zusammenkommen, wie täglich am U-Bahnhof Eberswalder Straße. Was für einige Anwohner der "Lärm" eines Wochenmarkts ist, erzeugt für andere ein wohliges Gefühl, weil sie hören, wie in ihrer Heimatsprache Tomaten und Bananen angeboten werden. Der "Türkenmarkt" vom Maybachufer gehört zu Yukio Kings Lieblingsstücken.
Es sind genau Töne wie diese, die anderen Menschen so egal sind, dass sie beinahe ausschließlich mit Kopfhörern im Ohr durch die Stadt laufen. Derzeit sind sogenannte In-Ohr-Plugs im Trend, mit denen man jegliche Klänge von außerhalb abstellen kann. Manche Jugendliche nehmen nicht einmal für ein Gespräch einen Kopfhörer aus dem Ohr.
"Für sie ist es eben wichtig", sagt King nüchtern, "immer mit dem eigenen Soundtrack im Ohr herumzulaufen." Auch hier will er dieses Verhalten nicht bewerten, bleibt ganz Wissenschaftler. Die Stadt biete vielleicht einfach nicht genug klangliche Abwechslung, vermutet er, der selbst inzwischen ohne Kopfhörer durch die Stadt fährt. "Es zeigt aber auch, wie wichtig Menschen ist, was sie hören."
Dass er gegen tragbare Abspielgeräte nichts einzuwenden hat, lässt sich letztlich auch an seinem Berlincast-Projekt ablesen. Es war ursprünglich dafür gedacht, dass sich jeder die Klang-Dateien kostenlos aus dem Internet herunterladen kann und auf seinem Gerät abspielt. Dann könnte man in Kapstadt, Singapur oder Buenos Aires unterwegs sein und trotzdem echtes Berliner S-Bahn-Klingeln im Ohr haben. Tragbare Erinnerung zum Herunterladen.
Inzwischen kann Yukio King mit dem Wissen um Klänge auch sein Geld verdienen und veranstaltet zusammen mit Kollegen selbst Lehrgänge zu diesem Thema. Am 24. und 25. April wird er an der Universität der Künste wieder einen Workshop zur "Stadt-Klang-Planung" anbieten. Dabei kommen Architekten und Stadtplaner zusammen und diskutieren über ihre Möglichkeiten, den Klang einer Stadt in ihre Konzepte für Gebäude oder Plätze einzubinden. "Die Atmosphäre einer Gegend wird eben sehr entscheidend davon geprägt, wie sie klingt", sagt Yukio King. "Darauf bei der Planung zu achten, das ist erst seit Kurzem modern."
Dorffest am Potsdamer Platz
Fast könnte man meinen, er sei verliebt in die Klänge, die Zwischentöne und Nuancen eines Gebiets. Der Postdamer Platz klingt in der Aufnahme fast wie ein Dorffest: Pferdetrappeln, Wasser eines Springbrunnens, viele Stimmen und im Hintergrund eine Gitarre, die eine Melodie spielt. "I just called to say I love you". Und gerade, als man denkt, das könnte jetzt auch in einem Dorf stattfinden, ruft jemand: "Hier entlang zum Brandenburger Tor!"























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