07.11.12

US-Wahl

Soul ist der Soundtrack zum Wahlsieg von Obama

Barack Obama hat immer wieder die Nähe zur Popkultur gesucht. Davon profitieren nicht nur der US-Präsident, sondern auch die Stars.

Foto: picture alliance / abaca /pictur

Der alte und neue US-Präsident hatte viele prominente Unterstützer: Unter anderem bekannte sich die "Sex and the City"-Darstellerin Sarah Jessica Parker öffentlich dazu, wem sie ihre Stimme gab.

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Wir wollen nicht vergessen: Ein Hoch auf Stevie Wonder! Bevor der wieder gewählte Präsident in Chicago erschien, um die Nation einzuschwören, erklang einmal mehr Barack Obamas Triumph-Lied, "Signed, Sealed, Delivered". Stevie Wonders Refrain lautet: "Unterschrieben – besiegelt – geliefert – Ich gehöre Dir". Danach trat Familie Obama auf. "I'm yours", singt Wonder. Gemeint ist auch "Ich gehöre Euch".

Das Lied begleitet Obama seit Langem. Während der Wahlkampagne war es zu hören, zuletzt am Sonntag, als Stevie Wonder (62) mit Obama in Cincinnati auftrat und der Präsident den Rhythmus enthusiastisch mitklatschte. Schon im Wahlkampf 2008 erklang das Lied stets nach den Obama-Reden. Der damalige und jetzige Kopf der Kampagne, David Axelrod, hörte es als Klingelton, wenn Obama anrief. Und nur, wenn Obama anrief.

Musik als Statement

Es ist ein Lied der Hingabe, mehr noch der Unterwerfung. Eigentlich handelt es davon, dass der Sänger seine Liebe fast verspielt, zu lange gezögert hat und nun fleht: Ich stehe zu meinem Wort. Versprochen ist versprochen. Großer Ausruf: "Du trägst meine Zukunft in deinen Händen". Die Selbstkritik ist deutlich zu hören. Es geht mit der ersten Zeile los: "Wie ein Dummkopf habe ich mich zu lange rumgetrieben." Ach ja?

Ein Liebeslied, klar. Aber zu Obamas politischen Anspruch passt der Text nicht so richtig. Mittendrin singt Wonder: "Ich habe eine Menge Blödsinn angestellt / ich wollte es gar nicht tun, nicht wahr?". Beim Wort genommen funktioniert der Song keineswegs, auch nicht als Familien-Hit der Obamas. Wäre da nicht die Musik. Und die Historie.

Denn die Soul-Hymne "Signed, Sealed, Delivered" reißt das Publikum mit, hält zum Schnippen, Wippen, Klatschen, Tanzen an, treibt die Zuhörer zusammen. Das "Wir sind eine große Familie" des Soul ist ein Gesellschafts-Statement, Stevie Wonders Musik umarmt alle Amerikaner. 2009 spielte Stevie Wonder im Weißen Haus, die Obamas und Vizepräsident Joe Biden saßen in der ersten Reihe und klatschten brav mit, in den hinteren Reihen aber tanzten beglückt die Zuhörer. Sollen die bemitleidenswerten Chefs doch repräsentieren. Let's party.

Barack Obama ist ein erklärter Fan von Stevie Wonder, seinem "musikalischen Helden". Der blinde Musiker veröffentlichte "Signed, Sealed, Delivered" 1970, damals 20 Jahre alt, es gehörte zu seinen ersten selbstproduzierten Stücken. Auf dem Cover der Single trägt Wonder den gleichen Kurzhaarschnitt wie Obama jetzt. Es ist in den USA eines seiner populärsten Lieder, es transportiert auf lässige Art die große Erzählung von der Integration der Schwarzen seit den 60er-Jahren, der Durchmischung der sozialen Milieus. Der Groove berichtet von Lebensfreude und Fortschritt-Idealen und Coolness, alles essenzielle Bestandteile von Obamas Image.

In den letzten Tagen hat die erste Garde des amerikanischen Showbusiness noch einmal deutlich gezeigt, wem die Herzen und Stimmen zufliegen sollen. Obama schaffte auch bei den Musikstars, die ihm im Wahlkampf begleiteten, die große Umarmung. Neben Stevie Wonder und Rocker Bruce Springsteen für Zuhörer, die noch wissen, dass die Popkultur einst mit Rebellentum und mit einem politischen Aufbegehren einherging, traten Künstler mit jungem Gefolge auf.

Sängerin Katy Perry zwängte sich in deutlich zu enge und zu kurze Latexkleider, auf denen Wahlempfehlungen für Obama zu lesen waren. HipHop-Mogul Jay-Z sang für den Präsidenten, seine Frau Beyoncé veröffentlichte ein Foto von sich mit einem T-Shirt "Texaner für Obama", beide hatten schon Geld für den Wahlkampf gesammelt. Scarlett Johansson trommelte für Obama, ebenso Gwyneth Paltrow, Cameron Diaz, Sarah Jessica Parker.

Nach Obamas Sieg lief über Twitter ein ganzer Haufen von Glückwünschen. Die Musiker Lady Gaga, Cher, Justin Bieber, Will.I.am und die Schauspieler Eva Longoria, Zoe Zaldana, Ricky Gervais äußerten sich begeistert. Natürlich steht das Gros der Unterhaltungsindustrie traditionell auf Seiten der Demokraten.

Clint Eastwood steht allein

Prominente Unterstützer der Republikaner sind in Hollywood und in New York rar. Als Clint Eastwood seine verunglückte Rede für Mitt Romney beim Republikaner-Parteitag hielt, erklärte er, es gäbe weit mehr Befürworter der konservativen Sache als gedacht. Aber es meldeten sich in der Folge keine Stars, deren politische Zugehörigkeit man nicht schon gekannt hätte. Die Liebe der Stars zu Obama war in den vier Jahren Präsidentschaft abgekühlt. Dies erinnert an die Verachtung, mit der britische Pop-Musiker nach der ersten Amtszeit von Tony Blair abrückten. Dazu kam es in den USA nicht. Womöglich wegen Mitt Romney und dem allgemeinen Zustand der Republikaner reihten sich auch Zweifler wieder hinter Obama ein und trommelten, als gelte es den leibhaftigen Satan abzuwehren.

Der schwarze Komiker Chris Rock drehte einen kleinen Film, in dem er die weiße Wählerschaft scherzhaft daraufhin wies, dass Obama viel weißer sei als viele andere und schon deshalb wählbar. Er spiele Golf und Bowling, übe Bodysurfing, trage altmodische Mammi-Jeans und tanze im Fernsehen unbeholfen mit Ellen DeGeneres. "Wie weiß ist das denn?" Polarisierung gehört zum Geschäft, das wissen natürlich auch die Stars. Es war eine Win-win-Situation. Für alle Beteiligten.

Obama hat während seiner Präsidentschaft immer wieder die Nähe zur Popkultur gesucht. Er hat Bob Dylan einen Orden umgehängt, Musiker ins Weiße Haus eingeladen, hat selbst bei einem Fundraising-Dinner in einem kurzen, im Internet gefeierten Moment einen Song von Soul-Legende Al Green gesungen.

Noch stärker als Bill Clinton nutzt Obama die Kultur als Brücke. Ohne Anbiederung und Dünkelhaftigkeit pflegt er seine Coolness, ganz ähnlich wie mit den offiziellen Fotos aus dem Weißen Haus. Das Berühmteste zeigt Obama, wie er einer Putzkraft mit der Faust einen Check gibt. Gegen derartige Inszenierung musste Romneys ziemlich uncooles Auftreten ins Leere laufen.

In dieser demonstrativen Einigkeit mit der Unterhaltungsbranche, die in den USA wirtschaftlich und ideologisch sehr viel mehr Einfluss hat als in Europa, hat Obama eindeutig Maßstäbe gesetzt. Das Unangestrengte Obamas überdeckt ein wenig die politischen Probleme. In "Signed, Sealed, Delivered" heißt es im Refrain "Uhoo, baby, here I am". Hier bin ich. Barack Obama gibt ein Versprechen ab. Die Wiederwahl ist unterschrieben und besiegelt. Auch die Stars für Obama werden denken: Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt zu liefern.

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