07.11.12

US-Wahl

Der Gewinner der Präsidentenwahl heißt Twitter

Der Internet-Kurznachrichtendienst spielt inzwischen eine ähnliche Rolle wie Umfragen. Der nächste Test kommt 2013: die Bundestagswahl.

Foto: dpa

„Four more years“ - Das Foto von Michelle und Barack Obama geht um die Welt. 640.000 Menshen leiten den Tweet im Internet weiter
"Four more years" - Das Foto von Michelle und Barack Obama geht um die Welt. 640.000 Menshen leiten den Tweet im Internet weiter

Das Netz hat es schon vorher gewusst: Seit dem 30. Oktober lag US-Präsident Barack Obama im Twitter-Index vorn, mit dem der Betreiber des Internetdienstes täglich mehrere Hunderttausend Tweets zum Wahlkampf analysiert hat. Positive und negative Äußerungen zu den beiden Kandidaten Barack Obama und Mitt Romney wurden dort auf einer Skala von null bis 100 bewertet.

"Es scheint so, dass Twitter ein verlässliches Prognose-Instrument für die Präsidentschaftswahl gewesen ist", sagt die kalifornische Politikwissenschaftlerin Jennifer Ramos. Dazu müssten allerdings noch genauere Studien geführt werden. Sofern in Betracht gezogen werde, dass der Internetdienst vor allem von jüngeren Bürgern mit relativ hoher Bildung genutzt werde, könnte Twitter durchaus für Wahlvorhersagen infrage kommen und dabei eine ähnliche Verlässlichkeit wie Meinungsumfragen erreichen.

Mehr als 31 Millionen Tweets am Wahltag

Twitter ist neben Obama der zweite Sieger des Wahlabends in den USA. Mehr als 31 Millionen sogenannte Tweets, kurze Äußerungen mit der Begrenzung auf 140 Zeichen, registrierte der Dienst am Wahltag – ein Rekord für politische Ereignisse in den USA. Das Foto von der Umarmung seiner Frau, mit dem Obama seinen Wahlsieg feierte, teilten mehr als 640.000 Twitter-Nutzer mit ihren eigenen Kontakten, ein persönlicher Rekord für Obama, der seit seinem ersten Wahlkampf 2008 auf Twitter vertreten ist. Fast 200.000 Menschen vergaben ein Sternchen für eine besonders gute Nachricht.

Auf Obamas offizieller Facebook-Seite heimste das Foto innerhalb weniger Stunden Millionen "Gefällt mir"-Klicks ein. Am Mittwochnachmittag deutscher Zeit knackte es die Drei-Millionen-Marke. Ein absoluter Rekord: Das sei das Foto mit den meisten Daumen-hoch-Zeichen aller Zeiten, teilte Facebook mit.

Obama habe im Wahlkampf wesentlich mehr Erfahrung mit den Internetmedien bewiesen, sagt Politikwissenschaftlerin Ramos. Künftig würden Politiker aller Parteien ihre Kompetenz im Netz weiter verbessern. Das wird sich wahrscheinlich auch schon im nächsten Jahr zeigen, wenn in Deutschland ein neuer Bundestag gewählt wird. Der netzpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Konstantin von Notz, ist sich sicher: "Ganz klar wird Twitter den kommenden Wahlkampf beeinflussen."

"Lasst uns das jetzt gewinnen"

Welche Auswirkungen der Kurznachrichtendienst hat, ließ sich am Wahlabend verfolgen. Kurz vor Schließung der Wahllokale setzt der US-Präsident einen letzten Wahlkampfaufruf ab: "Lasst uns das jetzt gewinnen!" – von seinen Anhängern wurde das mehr als 4000 Mal als "Favorit" markiert und rund 19.000 Mal weiterverbreitet. Deutlich weniger Resonanz fand sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney mit einem Foto bei seiner Stimmabgabe und der Feststellung: "Das war's, stellt sicher, dass ihr heute wählt."

In den ersten Stunden nach Schließung der Wahllokale an der Ostküste sitzen die US-Bürger vor den Fernsehgeräten. Romney gewinnt die ersten der 50 US-Staaten für sich, aber noch ist nichts Entscheidendes passiert. Smartphone, Tabletcomputer oder Notebook dienen als "Second Screen": Auf dem zweiten Bildschirm werden die im Fernsehen verfolgten Informationen kommentiert, die Anhänger beider Lager sprechen sich Mut zu.

Die meisten Tweets bringen entweder Ratlosigkeit oder Hoffnung zum Ausdruck. Obama oder Romney? Stundenlang ist die Antwort unklar, die Spannung steigt.

Obama mobilisiert die letzten Reserven

Als bereits 15 Staaten ausgezählt sind, ohne eindeutig erkennbare Tendenz, twittert der Texaner Gabe Williams: "Ich habe das Gefühl, als ob mein Magen explodiert. Die Spannung ist riesig!" Für Ryan Seacrest ist die Wahlnacht "pures Adrenalin". Etlichen US-Bürgern ist die Aufregung erkennbar zu viel. Cayla Cook aus Tennessee bittet schließlich: "Kann ich nicht einfach nach Deutschland umziehen?"

Da mobilisiert Obama noch einmal die letzten Reserven – schließlich sind die Wahllokale nur an der Ostküste geschlossen, im Westen sind sie weiter geöffnet. "Letzte Chance, um dabei zu helfen, diese Wahl zu gewinnen: Greift zum Telefon und ruft Wähler in Schlüsselstaaten an!"

Die Wahlnacht treibt einer Entscheidung zu. Es sehe nicht gut aus für Romney, wird getwittert. Gegen 23.19 Uhr Ortszeit (5.19 Uhr MEZ) schlagen die Fernsehsender NBC und Fox in ihren Berechnungen die entscheidenden Staaten Obama zu. Bevor der neue und alte Präsident vor die Kameras tritt, jubelt er ganz bescheiden auf Twitter: "Vier weitere Jahre" – dazu stellt er das Foto, das ihn selbst zeigt, in einer innigen Umarmung mit seiner Frau Michelle. Jetzt laufen die Server heiß. Twitter transportiert um 11.19 Uhr exakt 327.453 Tweets mit Bezug zur Wahl.

Auf den Profilen von Herausforderer Mitt Romney herrschte dagegen erst einmal Schweigen. Einige Stunden später erschien ein Foto des gescheiterten Kandidaten auf seiner Facebook-Seite. "Vielen Dank", lautete die Nachricht an Romneys Unterstützer. Dafür vergaben immerhin gut 160.000 Menschen ein "Gefällt mir".

Und auch die Gratulationen kamen natürlich über Twitter.



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