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21.02.12

Künftiger Bundespräsident

CSU stößt Debatte über Gaucks "wilde Ehe" an

Muss ein Bundespräsident verheiratet sein? Joachim Gauck ist es, er lebt aber seit vielen Jahren mit der Journalistin Daniela Schadt zusammen. Einige Unions-Politiker scheint das zu verwirren.

Getty Images/Getty

Sie ist die Frau an der Seite des neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck - und damit die neue First Lady: Daniela Schadt.

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Muss ein Bundespräsident "ordentliche" Lebensverhältnisse haben? Und was heißt das eigentlich? Nach Joachim Gaucks Nominierung für das Amt ist eine Debatte darüber entbrannt, ob er sich von seiner Frau scheiden lassen und seine langjährige Lebensgefährtin heiraten soll. "Es dürfte wohl im Interesse des Herrn Gauck selbst sein, seine persönlichen Verhältnisse so schnell als möglich zu ordnen, damit insoweit keine Angriffsfläche geboten wird", sagte der CSU-Familienpolitiker Norbert Geis der "Passauer Neuen Presse".

Die Reaktionen kamen prompt und eindeutig: Vom Bundesaußenminister über SPD und Grüne bis hin zur Linken bekam der CSU-Politiker Stillosigkeit bescheinigt. Gaucks Lebenspartnerin, die Nürnberger Journalistin Daniela Schadt, sagte, sie wolle ihr Privatleben "nicht ventilieren".

Der 72 Jahre alte Gauck ist seit 1959 verheiratet und hat vier Kinder. Von seiner Frau lebt er aber seit 1991 getrennt. Seit zwölf Jahren ist er mit Schadt liiert, die ihn im Falle seiner Wahl zum Bundespräsidenten am 18.März als First Lady ins Schloss Bellevue begleiten würde. Vor seiner Kandidatur 2010 hatte Gauck versichert, seine Lebensgefährtin heiraten zu wollen, wenn er Präsident werde. Die Ehe mit seiner ersten Frau ist aber noch nicht geschieden.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) schaltete sich in die Debatte über Gaucks "wilde Ehe" ein. "Die Kritik an den persönlichen Lebensverhältnissen des nominierten Bundespräsidenten ist stillos", sagte er der "Rheinischen Post". Deutschland sei ein modernes Land, sagte Westerwelle, der mit dem Unternehmer Michael Mronz in einer eingetragenen Partnerschaft lebt.

SPD-Innenexperten Dieter Wiefelspütz äußerte sich scharf. "Ich kann meinem Freund Norbert Geis nur zurufen: Halt den Mund!" sagte Wiefelspütz der "Mitteldeutschen Zeitung". "Das ist eine abwegige Diskussion. Als ob wir keine anderen Sorgen hätten!"

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, sagte: "Wie Herr Gauck sein Privatleben lebt, geht niemanden etwas an. Und es bildet einen Teil der Realität ab, dass auch Unverheiratete zusammen leben. Ich erwarte da von Herrn Geis den entsprechenden Respekt." Gaucks Privatleben sei geordnet, aber eben "anders geordnet".

Klaus Ernst, Chef der Linken, die Gauck nicht mitwählen wollen, nannte die Debatte überflüssig. Im Kurznachrichtendienst Twitter schrieb er: "Was für eine mittelalterliche Debatte! Es gibt viel, was gegen Gauck als Präsident spricht, seine Lebensverhältnisse gehören nicht dazu."

Die angehende First Lady selbst ist noch nicht aus dem Staunen heraus gekommen. "Ein bisschen unwirklich" findet Gaucks Lebensgefährtin den Gedanken an eine Zukunft im Schloss Bellevue. Was künftig alles auf sie zukomme, vermöge sie sich nicht recht vorzustellen, sagte Schadt. "Ich muss mich noch ein bisschen sortieren." Für diese Woche habe sie sich Urlaub genommen, um zu ihrem Partner nach Berlin zu fahren.

Gauck über Gauck
In seiner Biografie "Winter im Sommer – Frühling im Herbst. Erinnerungen" (Siedler Verlag, 2009) und seiner Gedankensammlung "Freiheit" (Kösel, 2012) bietet Joachim Gauck Einblicke in sein Leben als Prediger, Bürgerrechtler und Stasi-Unterlagen-Beauftragter – und seine Gedankenwelt, in der die Freiheit die zentrale Rolle spielt. Morgenpost Online dokumentiert Auszüge.
Freiheit: Es ist meine tiefe Überzeugung, dass die Freiheit das Allerwichtigste im Zusammenleben ist und erst Freiheit unserer Gesellschaft Kultur, Substanz und Inhalt verleiht.
Verantwortung: Ich nenne die Freiheit der Erwachsenen "Verantwortung". Wenn ich für Freiheit als Verantwortung werbe, gerade bei Menschen, die nicht in politischen Ämtern stehen, mache ich das so: Wir können das eigentlich alle. Wir alle haben dies erlebt, wenn wir einen anderen Menschen lieben. Mit einem Mal bin ich mir selbst nicht mehr der Wichtigste, sondern will alles tun für den geliebten Menschen. (...) Am deutlichsten erleben wir das wohl, wenn wir ein eigenes kleines Kind haben.
Toleranz: Es ist wichtig, zu begreifen, dass wir der Toleranz nicht dienen, wenn wir unser Profil verwässern, sondern indem wir uns umgekehrt unserer eigenen Werte wieder vergewissern.
Demokratie und Kapitalismus: Ja, es gibt auch Mängel in unserer Demokratie und Marktwirtschaft. (...)Aber es ist ein lernfähiges System, das Vorbildcharakter hat.
DDR-Diktatur: Wir, die wir diese Bürgerrechte nicht hatten, waren zwar auch wertvoll und hatten auch unsere Würde – aber Bürger waren wir nicht. Wir haben uns über jeden Besuch, jeden Brief und jedes Geschenk aus dem Westen in einer Weise gefreut, die der gesättigten Gesellschaft unserer Brüder und Schwestern unbegreiflich war. Abgeschottet, hinter der Mauer lebend, brauchten wir diese Zuwendung als Zeichen, dass wir nicht vergessen waren.
1989: Im Herbst 1989 wuchs ich Schritt für Schritt in eine politische Rolle hinein. (...) Binnen Kurzem nannte mich eine Rostocker Zeitung "Revolutionspastor".
Stasi-Unterlagen-Behörde: Wir waren stolz und froh, dass wir das Bedürfnis nach Aufklärung befriedigen konnten.
Frieden: Frieden ist zweifellos eines der ganz großen politischen Ziele und eine große theologische Vision. In konkreten Situationen aber kann Verzicht auf Gewalt auch bedeuten, der Gewalt von Unterdrückern und Aggressoren den Weg zu ebnen oder ihren Terror zu dulden.
Glaube: Ich lernte, dass das kritische Denken nicht das Wichtigste, nicht die letzte Wahrheit ist in meinem Leben. Das kritische Denken mag damit nicht zufrieden sein, aber es zieht oft gegenüber der Kraft, die aus Glaube und Liebe erwächst, den Kürzeren.
Quelle: dpa/dapd/EPD/sei
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