Fehlende Transparenz
Babyklappe zu, alle Kinderdaten weg?
Anonym können Neugeborene in Babyklappen abgegeben werden – doch was passiert dann? Die Klappen-Wirte informieren darüber nach Belieben.
Von Matthias Kamann
Was wurde aus den Kindern? Diese Frage stellt sich, seit "Morgenpost Online" über eine Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) berichtete , laut der in Deutschland 973 Kinder in Babyklappen abgelegt wurden oder bei anonymen Geburten in Kliniken ohne Erfassung der mütterlichen Identität zur Welt kamen.
Bei einem Fünftel dieser Fälle machten die befragten Träger jener Angebote keine Angaben, ob die Mütter später identifiziert wurden, ob die Kinder zur Adoption freigegeben oder den Eltern zurückgegeben wurden. Wo sind die Kinder geblieben?
Eine ähnliche Lücke klafft bei den für die Studie befragten Jugendämtern: Sie teilten mit, dass bei 376 anonym geborenen Kindern ein Adoptionsverfahren eingeleitet wurde. 45 dieser Kinder wurden durch die leiblichen Eltern zurückgenommen. Was ist mit den übrigen der 973 Kinder?
Ethikrat – "Außerordentlich erschreckend"
Solche Wissenslücken hatte der Deutsche Ethikrat bereits vor zwei Jahren in einer Stellungnahme zu den anonymen Angeboten beklagt, was einer der Gründe war, warum die Mehrheit des Gremiums deren Abschaffung forderte. Die neue DJI-Studie "bestätigt die Analysen und Empfehlungen des Ethikrates", sagte nun dessen stellvertretende Vorsitzende, die Medizinethikerin Christiane Woopen, gegenüber "Morgenpost Online".
Woopen geht es vor allem um "die offensichtliche Intransparenz bei vielen Einrichtungen und die daraus folgende Notwendigkeit für den Staat, seiner Schutzpflicht gegenüber den betroffenen Kindern nachzukommen".
Es sei "außerordentlich erschreckend, dass bei einem Fünftel der Kinder der weitere Verbleib nicht geklärt ist. Dies ist nicht hinnehmbar, und deshalb folgt aus der Verantwortung des Staates für die Kinder, dass jene Einrichtungen geschlossen werden", sagte Woopen.
Keine offizielle Statistik
Zwar muss man bei den ungeklärten Fällen nicht gleich an Kinderhandel denken. Denn die DJI-Studie ist keine offizielle Statistik, sondern wertet freiwillige Angaben von Jugendämtern und Angebotsträgern aus, die zu jeweils einem Viertel gar keine Auskünfte gaben. Zudem kann bei den oft kleinen Trägern – gemeinnützige Vereine oder Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege – auch bloß eine mangelhafte Dokumentation für die Unklarheiten verantwortlich sein.
Auch beruht auf diesem gesetzlich ungeregelten Feld die Datenerfassung auf freiwilligen Übereinkünften zwischen Jugendämtern und Trägern, und diese Übereinkünfte existieren nicht überall.
Ja, mancherorts gibt es laut DJI-Studie "Interessenkonflikte" zwischen Ämtern und Trägern, etwa dann, wenn "der Träger gleichzeitig die Adoptionsvermittlung durchführte" oder "für das Kind kein Amtsvormund, sondern ein Vormund aus den Reihen des Trägers gewählt wurde", wie es in der Studie heißt.
Zahl der Kindestötungen nicht gesunken
Freilich ist all dies, auch wenn sich nichts Übles dahinter verbergen sollte, an sich schon bedenklich. Da im Übrigen die Zahl der Kindestötungen seit Einführung der Babyklappen nicht gesunken ist und die dort abgegebenen Kinder ihre Herkunft nur extrem schwer erfahren können, spricht nach Ansicht von Woopen nichts mehr für jene Angebote, zumal den Frauen "nicht geholfen" werde.
Man entlasse die das Kind abgebenden Mütter "in eine Anonymität, in der sie mit ihrer Not unverändert allein bleiben und in der sie ihre eigentlich ja vorhandene Fürsorgeabsicht gegenüber dem Kind nicht umsetzen können".
Daher, so Woopen, sei "jetzt umzusetzen, was die Mehrheit des Ethikrates vor zwei Jahren gefordert hat: Hilfsangebote für Schwangere in Notlagen müssen ausgebaut und besser bekannt gemacht werden, eine gesetzliche Grundlage für eine vertrauliche Kindesabgabe muss geschaffen werden, und die anonymen Angebote sollten beendet werden".
Justizministerin – "Ärzte benötigen Rechtssicherheit"
Am Entwurf einer gesetzlichen Grundlage für die vertrauliche Geburt wird derzeit im bayerischen Justizministerium gearbeitet. Ressortchefin Beate Merk (CSU) sagte dieser Zeitung, dass "Ärzte beim Umgang mit Frauen in extremen Notlagen Rechtssicherheit benötigen und dass vor allem klar sein muss, wie mit den persönlichen Daten der Frauen umzugehen ist".
Man wolle nun "einen schonenden Ausgleich zwischen dem Rechtsanspruch der Kinder auf Kenntnis ihrer Herkunft einerseits und wirksamen Angeboten für die Mütter andererseits schaffen – zum Schutz des Lebens der Kinder".
Am besten eigne sich dafür "eine vertrauliche Geburt, bei der die Daten der Mutter erfasst, aber bis zum 16. Lebensjahr des Kindes nicht offengelegt werden. Wichtig ist dabei, dass die Frauen keinerlei Druck ausgesetzt werden." Eine Pflichtberatung der Mütter "lehnen wir ab", sagte Merk, forderte aber "eine wesentlich bessere Betreuung der Frauen auf freiwilliger Basis".
Anders als der Ethikrat will Merk kein Ende der anonymen Angebote: "Klar ist für uns, dass alles dafür getan werden muss, dass das Kind überhaupt geboren werden darf. Deshalb wollen wir Babyklappen und anonyme Geburten nicht abschaffen." So argumentiert auch die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann, die in ihrer Zeit als Bischöfin in Hannover das "Netzwerk Mirjam" gründete, zu dem eine Babyklappe gehört. Käßmann sagte dem Evangelischen Pressedienst, dass die Klappe für die Frauen "ganz offensichtlich ein Ausweg in höchster Not" gewesen sei.
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