07.01.12

Im Wartestand

Gauck, der inoffizielle Bürgerpräsident der Deutschen

Im Juni 2010 wäre Joachim Gaucks Wahl ein politisches Wunder gewesen. Seitdem ist der 71-Jährige im Wartestand. Mit dieser Republik ist er noch lange nicht fertig.

Von Claus Christian Malzahn
Foto: dpa/DPA
Wird 2012 das Jahr von Joachim Gauck? Mit der anhaltenden Kritik an Christian Wulff fällt sein Name als möglicher Nachfolger immer öfter
Wird 2012 das Jahr von Joachim Gauck? Mit der anhaltenden Kritik an Christian Wulff fällt sein Name als möglicher Nachfolger immer öfter

Bürger Gauck rast durch die Republik. Er liest in Schweinfurt und Saalfeld aus seinen Erinnerungen, er hält freiheitliche Reden in Rhauderfehn, er signiert seine Bücher in Dollgow und Pforzheim, er weiß inzwischen sogar, wo in Nordhorn oder Nartum die Versammlungshäuser stehen.

Seit der ostdeutsche Theologe im Juni 2010 für das höchste Staatsamt kandidierte und gegen Christian Wulff im dritten Wahlgang unterlag, ist er in jeden noch so dunklen Winkel Deutschlands gereist. Noch im Januar wird Gauck 72. Zwischen den Jahren hat ihn zu Hause in Berlin eine Grippe ans Sofa gefesselt. Zu Silvester hat er sich deshalb vorgenommen, "demnächst ein bisschen kürzerzutreten". Diesen Vorsatz fasst er freilich öfter. Gehalten hat er sich daran noch nie. Denn Joachim Gauck ist noch lange nicht fertig mit dieser Republik.

Drei, vier Übernachtungen in fremden Betten pro Woche

Sein durchschnittliches Reisepensum liegt bei zehn Buchhandlungen, Stadthallen oder Theatern im Monat, bei drei, vier Übernachtungen in fremden Betten pro Woche. Der ehemalige Kandidat hat den dichten Terminkalender eines Bundespräsidenten, Auslandsreisen inklusive: Am 19. Februar spricht er im Stadttheater von Wien, Mitte April im Südtiroler Kulturinstitut in Bozen.

Seine Botschaft ist überall dieselbe. Es ist die Geschichte des Bürgers Gauck, der in seinem Leben erst die äußere, dann die innere Diktatur abgeschüttelt hat. Einen Subtext birgt diese zeitraubende Tournee im deutschsprachigen Europa-Raum natürlich auch. Sie lautet: Ich kann. Ich will. Ich werde sein. Mag sein, dass er das Duell gegen Wulff stimmenmäßig verloren hat. Das Sprechamt eines inoffiziellen Bürgerpräsidenten übt er trotzdem aus.

Über den "ersten Termin im neuen Jahr" freut sich der ehemalige Bürgerrechtler und gelernte Theologe denn auch "ganz besonders". Gauck steht am Freitag auf der Burg Stargard 90 Meter über dem Meeresspiegel, für Mecklenburger Verhältnisse eine mächtige Erhebung in der gebügelten Landschaft. "Die höchste Höhenburg weit und breit und mit 900 Jahren die älteste dazu!", erklärt ihm Rainer Prachtl stolz. Prachtl ist Vorsitzender des Dreikönigsvereins in Neubrandenburg.

Seit 1991 wird an jedem Dreikönigstag ein prominenter Redner in die Stadt nahe der Seenplatte eingeladen und bei dieser Gelegenheit Geld für Hilfsprojekte gesammelt: 60.000 Euro gehen in diesem Jahr an ein Hospiz und einen Jugendnotdienst.

Wolfgang Schäuble hat hier schon gesprochen, Michail Gorbatschow, Klaus Töpfer und Rita Süssmuth. Im vergangenen Jahr hatte die Kanzlerin die Bühne in Neubrandenburg. Heute kommt Gauck. So viel Andrang war selten. Das liegt natürlich auch an dem Mann, über den Joachim Gauck nie spricht und der wie kein anderes Staatsoberhaupt der Bundesrepublik ins Gerede gekommen ist.

Selbst engen Freunden vertraut Gauck nicht an, was er über den Niedersachsen, dessen Reden und Kreditgeschäfte denkt. Gauck hat seine Grundsätze, und er ist nicht dumm: Welches Bonmot über Christian Wulff er auch in die Welt setzen würde, es käme flugs als Bumerang zurück. Also schweigt er – das Reden über den Mann in Bellevue besorgen ja eh die anderen.

"Wir begrüßen heute den Präsidenten der Herzen!", ruft Prachtl seinem Ehrengast im Turmzimmer der Burg Stargard zu. Gauck macht dazu sein Präsidentengesicht – interessiert, aber nicht zu fröhlich – und blickt von der rot geklinkerten Höhenburg gut gelaunt in die nordostdeutsche Tiefebene. Der Horizont ist grau verhangen, im Burggraben wachsen Pfützen. Schietwetter, wie man hier sagt.

Als der Bürgerrechtler dann selbst zum Mikrofon greift, um nach dem Hauptgang im Restaurant ein paar Worte an die Honoratioren der Region zu richten, reißt wie in einem Kitschroman der Himmel auf. Die Burg leuchtet wie der Morgenstern und Gauck predigt über Verantwortung und Freiheit und darüber, wie schön Freiheit und Verantwortung hier beim Dreikönigsverein in Neubrandenburg zusammenpassen.

Er gibt den Bürger-Animateur

Den ganzen Tag verbringt er in der gebeutelten Region; allein die Stadt Neubrandenburg ist in den vergangenen 20 Jahren von circa 90.000 auf 65.000 Einwohner geschrumpft. Aber einer wie Gauck ist nicht gekommen, um im Jammertal auch noch lauthals zu klagen. "Manche im Westen glauben, wir würden hier den Mond anheulen!", ruft Gauck, der ganz in der Nähe in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist, seinen ostdeutschen Zuhörern zu.

"Aber im Westen", fährt er fort, "heulen die den Mond auch an. Da heißt das bloß ,kritischer Diskurs'." Das Publikum ist amüsiert, Gauck provoziert noch eine Handvoll solch erbaulicher Lacher. Er gibt den Bürger-Animateur: Wer mit hängenden Schultern seine Veranstaltung betritt, geht anschließend erhobenen Hauptes mit Gaucks Autobiografie (14,99 Euro für das Paperback) unter dem Arm wieder nach Hause. Kann es eine bessere Arbeitsplatzbeschreibung für einen Bundespräsidenten geben, als der Bürgergesellschaft Mut zu machen?

Bevor die Festgesellschaft die Burg verlässt, spricht der Weihbischof von Hamburg, Dr. Hans-Jochen Jaschke, noch ein Tischgebet. Er kommt jedes Jahr zum Dreikönigstag in die nordostdeutsche Provinz, in der man katholische Feiertage eigentlich kaum kennt. Die Steilvorlage, dass Gauck neben ihm sitzt und sich der Bundespräsident in argen Schwierigkeiten befindet, verwandelt Jaschke beim geistlichen Wort: Man sei "enttäuscht von den staatlichen Spitzen", die "nicht glaubwürdig" agierten.

Dann zitiert er den katholischen Dissidenten Hans Küng: "Mit dem Vertrauen stirbt die Freiheit, mit der Freiheit stirbt das Vertrauen." Amen. Tuscheln in der Festgesellschaft. Deutlicher kann ein Würdenträger das Staatsoberhaupt nicht abwatschen.

Bevor Joachim Gauck in der Neubrandenburger Stadthalle seine große Rede hält, will er noch ins Neubrandenburger Marktplatzcenter, um den Dreikönigssängern zuzuhören. Da stehen der Protestant und der Weihbischof nun mit königlich kostümierten Kindern in bester ökumenischer Eintracht und lauschen unter einer riesigen Tafel mit der Aufschrift "Mehr Shopping!" dem schüchternen "Gloria in excelsis Deo" des Jugendchores. Es gibt noch viel zu tun in der ostdeutschen Bürgergesellschaft, aber Gauck packt es wenigstens an.

Der Kandidat im Wartestand zieht sich noch für zwei Stunden ins Hotel zurück, die Grippe meldet sich zwickend zurück. Während Gauck im Badehaus am Tollensesee den kurzen Schlaf des Termingerechten schläft und die Sonne in der mecklenburgischen Pampa versinkt, hat der Bewohner von Bellevue keine ruhige Minute.

Gauck in der Kritik

Wulffs Empfang der Sternsinger gerät zum Spießrutenlauf. Inzwischen sind nicht nur seine Kreditgeschäfte, sein Mailboxanruf und sein TV-Interview im Gerede, selbst die geliehenen Kleider seiner Frau scheinen eine Nachricht wert. Gauck muss das Berliner Gewese eigentlich nicht kümmern. Aber wer in Berlin kümmert sich eigentlich noch um Gauck?

Diejenigen, die ihn im Frühsommer 2010 gegen Wulff in Stellung brachten, zögerten nach Bekanntwerden der Wulff-Affäre auffällig lange, seinen Namen erneut in die Debatte zu werfen. Der Konservative Gauck war als Gegenkandidat zu Wulff das größte vorstellbare Ärgernis für die Bundeskanzlerin, ein genialer taktischer Punktsieg für Rot-Grün. Doch tatsächlich im Amt wollten ihn dann wohl doch nicht so viele Abgeordnete der Bundesversammlung sehen, die damals für ihn die Hand gehoben haben – wohl wissend, dass eine Mehrheit für Gauck einem politischen Wunder gleichgekommen wäre.

Nachdem der ehemalige Kandidat im Herbst sich dann auch noch die Occupy-Bewegung kritisch vorknöpfte, kühlte die Liebesbeziehung zwischen dem rot-grünen Lager und dem unberechenbaren Freigeist weiter ab. Und als Gauck Ende des Jahres ausgerechnet dem Enfant terrible Thilo Sarrazin "Mut" attestierte und der deutschen Politik empfahl, von ihm zu lernen, war die Stimmung gänzlich im Keller. "Der geht nicht mehr", hieß es in höchsten Oppositionskreisen.

Aber ein bisschen was geht ja immer. Gaucks Zitate über Sarrazin sind, bei Licht besehen, eine politische Binse. Gemeint hat er Folgendes: Wenn die Politik ein Thema verschläft, muss sie sich nicht wundern, wenn es trotzdem hochkommt. So weit, so Gauck.

Ein "besserer", ein "idealer Bundespräsident"

Die Karenzzeit scheint jedenfalls vorbei. Sowohl SPD-Chef Sigmar Gabriel wie Grünen-Frontfrau Claudia Roth haben die rot-grüne Omertà zu ihrem ehemaligen Kandidaten an diesem Wochenende durchbrochen – allerdings mit Blick zurück. Gauck wäre ein "besserer Bundespräsident" (Gabriel), ein "idealer Bundespräsident" (Roth) gewesen. Gewesen? Kolportiert wird freilich auch: Wenn die Kanzlerin den Protestanten vorschlägt, weil Wulff unhaltbar geworden ist, stimmen Sozialdemokraten und Grüne auf der Bundesversammlung zu – wenn auch nicht mehr mit heißem Herzen.

Von all den Berliner Planspielen, die offiziell natürlich streng dementiert werden, weiß Joachim Gauck noch nichts, als er zu den Klängen der "Petersburger Schlittenfahrt" in die Neubrandenburger Stadthalle einzieht. Vor 600 Zuhörern, flankiert vom örtlichen Jugendmusikorchester, wettert er gegen die deutsche Angst. "Wir haben furchtbare Sorge, einmal mehr keine Angst haben zu dürfen", ruft er den Mecklenburgern zu. Er mahnt die nach 20 Jahren Einheit und Demokratie müde gewordenen Wutbürger, wieder wählen zu gehen.

Den Unternehmern im Saal schreibt er hinter die Ohren, dass ein Betrieb zwar "Profit machen muss, aber auch das Gemeinwohl im Blick haben" sollte. Und den Jugendlichen und Kindern hinter ihren Trommeln, Geigen und Trompeten prophezeit er, dass "zwei oder drei von euch wahrscheinlich irgendwann im Bundesjugendorchester spielen werden". Der Präsident der Herzen hat für jeden eine Ermunterung parat. Nach einer Dreiviertelstunde Emphase bekommt der Redner minutenlang stehenden Applaus.

Und Gauck selbst? Wovor soll er Angst haben? Am Ende könnte es egal sein, von wo aus er seine Botschaften ins Volk sendet. Gehört werden sie allemal, ob in Karlsruhe, Rheine, Schwäbisch Hall, Kiel, Bielefeld – oder doch noch in Bellevue.

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