Kanzlerin bei der JU
CDU-Nachwuchs sorgt sich um erschöpfte Merkel
Beim Deutschlandtag der Jungen Union wirkt die Kanzlerin abwesend. Einige fragen: Wie lange hält sie das noch durch?
Von Thomas Vitzthum
Sein Amt übernahm Ursula von der Leyen (CDU), bis dahin Bundesfamilienministerin. Neue Familienministerin wurde...
"Frau Merkel steht schon vor der Tür, allerdings telefoniert sie noch", verkündet ein Mitglied der Tagungsleitung am Samstag kurz nach 15 Uhr. Man wisse nicht, wie lange es dauert, schickt der Politiker der Jungen Union (JU) hinterher. Ein Raunen geht durch die Braunschweiger Stadthalle, in der sich die JU zu ihrem Deutschlandtag getroffen hat.
Sollte sich etwa eine Szene wiederholen, wie sie sich am Donnerstag zugetragen hat? Da warteten die Kultusminister auf Merkel. Die kam und kam doch nicht; denn sie entstieg nie ihrer Limousine, sondern ließ den Fahrer um die Blöcke an der Berliner Friedrichstraße kurven , während sie mit Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy über eine Aufspaltung des Euro-Gipfels auf zwei Tage verhandelte.
Um acht Minuten nach drei ist das Telefonat beendet. Zu einem Rocksong der Gruppe The White Stripes marschiert Merkel unter Jubel in die Stadthalle. Sie lächelt, schüttelt wenige Hände. Im Flutlicht, als die unerbittlichen Kameras sie in den Fokus nehmen und auf Kinoformat vergrößern, kann dann jeder sehen, welche Spuren Macht und Machtlosigkeit hinterlassen. Merkel sieht sehr erschöpft aus, ihre Augen sind glasig, sie ist stark geschminkt. Immer wieder wirkt sie abwesend, um sich mit einem gequälten Lächeln sogleich wieder zum Aufpassen zu disziplinieren.
"Du musst mehr auf dei Dirndl aufpassen"
Beim Treffen der JU gilt Merkel manch sorgenvolle Bemerkung. "Wie ist das alles zu schaffen?", fragt einer. "Wie lange hält sie das noch durch?", ein anderer. Schon auf dem Parteitag der CSU vor zwei Wochen wirkte Merkel während ihres Gastauftritts angeschlagen. Offiziell hieß es, sie habe eine Erkältung. Ein Delegierter um die 70 trat damals nach ihrer Rede auf den ebenfalls anwesenden CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe zu und ergriff ihn am Arm: "Du musst mehr auf dei Dirndl aufpassen, die packt des sonst nimma", mahnte er Gröhe, der verlegen, doch wissend nickte.
Je länger die Krise dauert, desto mehr weicht die Sorge der Basis, ob Merkel es denn überhaupt kann, der Frage, ob sie den Herausforderungen physisch und psychisch gewachsen ist. Politisch liegen die Junge Union und die Parteivorsitzende oft weit auseinander, menschlich allerdings kommt der Nachwuchs am Wochenende der Kanzlerin ganz nahe. Der JU-Vorsitzende Philipp Mißfelder, eigentlich keiner übertriebenen Merkel-Huldigung verdächtig, stärkt die Kanzlerin. Man hätte Verständnis gehabt, wenn sie abgesagt hätte, sagt er. Ein bemerkenswerter Satz.
Vor zwei Jahren hatte Merkel tatsächlich den Besuch des Deutschlandtags verweigert. Damals wurde gerade der Koalitionsvertrag mit der FDP entworfen, und die Vorsitzende berief sich auf schwierige Verhandlungen. Die JU aber wollte lieber glauben, dass Merkel beleidigt war. Hatte sie sie doch in einer Erklärung zu einem "massiven Kurswechsel" aufgefordert. Die Union müsse ihren Anspruch, die Partei der sozialen Marktwirtschaft, der christlichen Werte zu sein, wieder stärker herausstellen, so forderte es der Nachwuchs. Das Verhältnis war danach auf einem Tiefpunkt.
Und diesmal? Nach der Preisgabe von Unionskernthemen wie der Wehrpflicht, der neuerlichen Energiewende und Euro-Rettungsmaßnahmen, die auch jungen Ordnungspolitikern Schauer verursachen? "Es steht eine Minute vor zwölf in Europa", sagt Philipp Mißfelder. "Deshalb sollen alle sehen, dass Angela Merkels Junge Union entschlossen hinter ihr steht." Es sind Sätze, die Merkel sichtbar rühren.
"Angie, Angie"-Rufe
Wann hat sie das schon gehört in dieser chaotischen Woche, die viele Zweifel an ihrem Krisenmanagement zurückgelassen hat: Am Mittwoch gab es ein unerfreuliches Gespräch mit Nicolas Sarkozy, am Donnerstag sagte Merkel eine Regierungserklärung für den kommenden Freitag ab, sie versetzte die Kultusminister und machte in der Not aus einem EU-Gipfel zwei.
Am Freitag habe sie dann auch noch CSU-Chef Horst Seehofer in einem ergebnislosen Koalitionsausschuss eingestehen müssen, dass etwas grundfalsch gelaufen sei in der Kommunikation zwischen den Koalitionspartnern – und sie daran Schuld habe. So erzählen es zumindest CSU-Spitzenpolitiker. Seehofer hatte sich bitter beklagt , dass Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), ohne mit der CSU zu sprechen, ein Konzept zur Steuersenkung vorgestellt hatten.
Sie sei gerne gekommen, sagt Merkel in Braunschweig. Jetzt, da sie gehört habe, dass es auch Verständnis für eine Absage gegeben hätte, sei sie sogar noch lieber hier. Der Saal lacht, und Merkel ist hellwach. In ihrer Rede schlägt sie einen Bogen vom Fall der Mauer bis zur Schuldenkrise in Europa. Die Zuhörer sind schließlich begeistert, nur ganz wenige bleiben sitzen, blättern in Zeitungen, während die Mehrheit rhythmisch klatscht und "Angie, Angie, Angie!" ruft. Das hat sie lange nicht gehört.
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