Ex-Stasi-Beauftragter
Joachim Gauck sieht die Piraten als Bereicherung
Der ehemalige Stasi-Beauftragte Gauck freut sich über die "dynamische Bewegung" der Piraten. Mit Rot-Grün nach der nächsten Wahl rechnet er nicht automatisch.
Von Thomas Schmid und Claus Christian Malzahn
Die Piratenpartei mischt den Politikbetrieb durcheinander – und die Presse stürzt sich auf sie: Andreas Baum (l.), Berliner Fraktionschef, Marina Weisband (M.), Politische Geschäftsführerin, und Parteichef Sebastian Nerz (r.) bei ihrem ersten Auftritt vor der Bundespressekonferenz am 5. Oktober in Berlin.
Der Ex-Stasi-Beauftragte Joachim Gauck äußert eine gewisse Sympathie für die Piratenpartei. Ein Großteil derer, die sie gewählt hätten, habe zum ersten Mal gewählt. "Unsere Demokratie braucht auch diese naive Bereitschaft von neuen Akteuren. Unsere politische Klasse dünnt sonst aus. Deshalb freue ich mich über diese dynamische Bewegung", sagte Gauck der "Morgenpost Online".
Er sehe die Piraten als "eine Bereicherung auf der politischen Bühne, weil sie die Zuschauerbänke verlassen haben. Nun wollen wir hoffen, dass sie sich nicht im Reich der Träume verlieren."
"Das Element Verantwortung wird sich herausbilden"
Der Stil der neuen Partei erinnere ihn an die Zeit in der DDR vor der Vereinigung. "Da waren unendlich viele Laienspieler unterwegs, die in den Basisgruppen Politik gemacht haben. Da wurden Verfassungen geschrieben, da wurde das Bildungssystem geregelt, das Sportwesen sortiert", sagte Gauck. Viele hätten damals gelächelt und gesagt, Kinder, das Rad sei doch schon erfunden. "Tatsächlich sind aber in der Phase der Ermächtigung zum Bürgersein, in der Ausübung von Verantwortung die Kenntnisse, die man in der Politik braucht, von einem Teil der Bewegung sehr schnell erworben worden", sagte Gauck.
Ein anderer Teil sei abgekippt in Ressentiment und neue Ohnmacht. "An den Piraten interessiert mich, dass da Mitspieler auf den Plan treten, die wir bisher nicht eingeplant hatten. Das Element Verantwortung wird sich herausbilden", sagte Gauck.
Er rechnet nicht automatisch mit Rot-Grün nach der nächsten Bundestagswahl. "Das sehe ich noch nicht, da sind auch die Piraten dazwischengekommen", sagte Gauck der "Morgenpost Online".
Die Zukunft der SPD sieht Gauck in der Mitte des politischen Spektrums. "Die SPD hat sich in den vergangenen Jahren aus Angst vor der Linkspartei eher nach links orientiert – diese Gefahr sehe ich heute nicht mehr. Ich rechne eher mit einer Rückkehr der Schröderianer und der Erkenntnis, dass man Mehrheiten in der Mitte gewinnt", sagte Gauck. Als linkes Projekt habe die SPD keine Zukunft, als Bürgerprojekt schon. "'Mehr Demokratie wagen' wäre ein altneues Motto für sie", sagte Gauck.
Zugleich übte er Kritik an den Grünen: "Das Prinzip Hoffnung spielt zurzeit bei den Grünen eine zu geringe Rolle, die Angst als großer Mobilisator dagegen eine zu große. Darüber mache ich mir Sorgen", sagte Gauck der Zeitung. Er halte dies nicht für innovativ und am Ende auch für beliebig, weil diese Ängste "ja auch politischem Zeitgeist unterliegen".
Lesen Sie das komplette Interview in der Morgenpost Online
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