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25.02.11

Anonyme Geburten

"Babyklappen sind nur was für Gutmenschen"

Der Nutzen von Babyklappen ist umstritten. Noch in diesem Jahr will der Bundestag über ein Gesetz beraten. Gegner und Befürworter streiten heftig.

© picture alliance / ZB/dpa-Zentralbild
Babyklappe

Noch in diesem Jahr wird der Deutsche Bundestag gesetzliche Regelungen zu Babyklappen und anonymen Geburten in Krankenhäusern debattieren. Wie Unionsfraktionsvize Ingrid Fischbach (CDU) bei einer Diskussion des Deutschen Ethikrats in Berlin ankündigte, sollen Vorschläge dazu im Herbst erarbeitet werden, wenn eine Studie des Deutschen Jugendinstituts über die bisherigen Erfahrungen mit den seit zehn Jahren betriebenen Babyklappen vorliegt.

Fischbach gab zu erkennen, dass sie keine Sympathien hegt für Babyklappen, in denen Neugeborene abgelegt werden, oder für anonyme Geburten, bei denen eine Frau ohne Namensnennung im Krankenhaus ihr Kind zur Welt bringt. Stattdessen favorisieren die Familienpolitiker in der Union laut Fischbach die sogenannten vertraulichen Geburten, bei denen die Namen der Mütter für eine gewisse Zeit nur einer Beratungsstelle, nicht aber dem Standesamt bekannt sind. Damit, sowie mit zusätzlichen Betreuungsangeboten, will man auf Notlagen reagieren, in denen Frauen wegen familiären Widerstands oder psychischer Überforderung nicht zugeben können oder wollen, Mutter zu werden.

Allerdings wurden jetzt Zweifel geweckt, ob die erwähnte Studie des Deutschen Jugendinstituts den Politikern überhaupt Aufschluss geben kann über die bisherigen Erfahrungen mit Babyklappen. Denn wie eine Autorin der Studie, die Sozialwissenschaftlerin und Psychologin Joelle Coutinho, mitteilte, hat bislang nur eine Minderheit unter den Betreibern der gegenwärtig rund 80 Babyklappen in Deutschland Interesse signalisiert, an der Untersuchung überhaupt teilzunehmen. Lediglich zu knapp einem Drittel der Klappen haben die Wissenschaftler Antworten auf ihre Fragen erhalten. Viel Licht dürfte daher nicht auf jene verschwiegenen, von Sozialvereinen oder Kirchen betriebenen Institutionen fallen, bei denen die Namen der Mütter nicht weitergegeben werden, wo die ins Unbekannte entschwindenden Frauen meist keine weitere Betreuung erfahren nach diesem extrem belastenden Schritt und die mittlerweile rund 500 betroffenen Kinder ohne Kenntnis ihrer Abstammung bleiben.

Wo solches Dunkel herrscht, bleibt zudem unklar, ob Babyklappen oder anonyme Geburten überhaupt etwas nutzen. Große Zweifel meldete der Ethikrat schon vor gut einem Jahr an, als sich die Mehrheit des 26-köpfigen Gremiums in einer aufsehenerregenden Stellungnahme für die Abschaffung jener Angebote aussprach. Diese würden kein von Aussetzung oder Tötung bedrohtes Kind retten. Denn Kindsmörderinnen seien psychisch derart gestört, dass sie gar nicht die nötige Überlegung aufbringen könnten, um ihr Kind stattdessen in eine Babyklappe zu legen. Diese Klappen würden vielmehr von Frauen genutzt, die niemals töten wollten, sondern die Geburt einfach nicht verarbeitet hätten und deshalb unbedingt Beratung und Hilfe benötigten. Gewiss vertrauliche Hilfe, aber doch Hilfe, die bei den Klappen, wo die Frau hernach in die Anonymität entschwindet, nicht möglich sei.

Den Kindern wiederum werde das Grundrecht auf das Wissen um ihre Abstammung genommen. Und all das nur, weil "das Bauchgefühl von Gutmenschen", so Maria Elisabeth Thoma vom Sozialdienst katholischer Frauen bei der Diskussion des Ethikrats, Babyklappen für ein Mittel des Frauenschutzes und der Kindesrettung halte. Doch die Schärfe, mit der sich die Gastrednerin Thoma gegen die Babyklappen-Betreiber wandte, prägt auch die Auseinandersetzungen innerhalb des Ethikrats. Das zeigte sich, als einige Räte zuvor in einem Pressegespräch die öffentlichen Reaktionen auf jene damalige Stellungnahme resümierten.

So rasch wie scharf folgten da zwischen den Räten Thesen, Gegenthesen und Widerworte aufeinander. Ausgangspunkt war der Befund des Ethikrats, dass man mit dem Inhalt der damaligen Stellungnahme zu den Babyklappen nicht recht zur Öffentlichkeit durchgedrungen sei. Wie eine Untersuchung zum damaligen Medienecho der Stellungnahme ergab, wurde die Sache weithin so dargestellt, als nehme die Mehrheit des Ethikrats den Lebensschutz bei Babys nicht so ernst, als opfere man die Möglichkeit, mit Klappen und anonymen Geburten Kinder zu retten, den Rechten der Kinder auf Wissen um deren Abstammung. "Obwohl die Stellungnahme darlegt, dass Babyklappen gar keine bedrohten Leben retten", beklagte Ethikratsvize Christiane Woopen, "wurde unser Text so verstanden, dass da das Lebensrecht gegen das Informationsrecht des Kindes abgewogen wird."

Sofort aber erntete Woopen Widerspruch von anderen Ethikräten: "Man muss vom Lebensschutz aus argumentieren", warf der Theologe Eberhard Schockenhoff ein und wehrte sich gegen die These, dass Babys nicht durch Klappen gerettet würden. Es gebe bisher nur keine Hinweise darauf, aber ausschließen könne man die lebensrettende Funktion der Klappen nicht. Deshalb hatte Schockenhoff damals in einem Minderheitenvotum für die weitere Zulassung der Klappen als Ultima Ratio plädiert, ebenso die frühere Bundesrichterin Kristiane Weber-Hassemer, die am Mittwoch in Berlin auch eine Chance für die Klappen offen halten wollte, wofür sie Widerspruch von Woopen und der Ethikrätin Ulrike Riedel erntete. Hin und her ging das, ein hoch interessantes, auch lehrreiches Schauspiel. Denn zum einen zeigte sich ja, dass die Medien mit der These vom Streit zwischen Lebensschutz und Informationsrechten den Ethikrat gar nicht missverstanden hatten, sondern dass diese Kontroverse mitten durch den Rat selbst geht. Was wiederum deutlich macht, dass in dem Gremium genau das debattiert wird, was auch die Öffentlichkeit bewegt.

Zum andern war es erfrischend zu sehen, mit welcher Leidenschaft diskutiert wurde. Der Ethikrat, das zeigt dieser Streit deutlicher als durch manch lange Stellungnahme – der Ethikrat funktioniert und ist höchst vital als Forum kontroverser Debatten. An denen brauchen sich jetzt nur noch die Betreiber von Babyklappen zu beteiligen. Sofern sie daran überhaupt Interesse haben.

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