Hackerangriff

Experten - Bundestag muss sein Netzwerk komplett aufgeben

Die Cyber-Attacke auf den Bundestag ist offenbar gravierender als zunächst angenommen. Laut Experten könne das Bundestags-Netzwerk nicht mehr verteidigt werden und müsse ersetzt werden.

Die Cyber-Attacke auf das Computer-Netzwerk des Bundestages hat offenbar einen noch größeren Schaden angerichtet als zunächst gedacht. Die Spezialisten des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) seien zu dem Schluss gekommen, dass das Bundestags-Netzwerk nicht mehr verteidigt werden könne und aufgegeben werden müsse, berichteten "Süddeutsche Zeitung", NDR und WDR am Mittwoch. Laut "Spiegel Online" fließen aus dem Netzwerk weiterhin unkontrolliert Daten ab.

Nach der Mitte Mai bekannt gewordenen Cyberattacke habe das BSI der Bundestagsverwaltung empfohlen, das Netzwerk neu aufzubauen, berichteten "SZ", NDR und WDR. Derzeit könne nicht ausgeschlossen werden, dass aus dem Bundestags-Netzwerk noch immer unbemerkt Daten abfließen, hieß es unter Berufung auf beteiligte Spezialisten.

Dem oder den Angreifern sei es gelungen, den sogenannten Verzeichnisdienst des Bundestages zu übernehmen: In dem Dienst werden die Parlamentsrechner, insgesamt mehr als 20.000 Stück, als Netzwerk organisiert. Der oder die Hacker hätten somit Zugriff auf beliebige Systeme des Bundestages sowie auf alle Zugangsdaten der Fraktionen, Abgeordneten und Bundestagsmitarbeiter.

Experten: Netzwerk muss neu aufgebaut werden

Auch weil die Angreifer mittlerweile Administratorenrechte im Bundestag an sich gebracht hätten, solle nun das alte Netzwerk aufgegeben und ein neues Netzwerk aufgebaut werden, heißt es in dem Bericht des Rechercheverbunds. Die Geheimschutzstelle, der NSA-Untersuchungsausschuss und die Personalverwaltung des Bundestages seien von dem Angriff offenbar nicht betroffen, da sie besonders gesicherte Netzwerke nutzen.

"Die Trojaner sind noch immer aktiv", hieß es laut "Spiegel Online" aus Parlamentskreisen. Nach Angaben von mehreren mit dem Fall vertrauten Quellen fließen demnach weiterhin Bundestagsdaten aus dem "Parlakom"-Netz in unbekannte Richtung ab.

In Parlamentskreisen wird laut "Spiegel Online" bereits von einem drohenden "Totalschaden" gesprochen: Womöglich müsse nicht nur die Software der "Parlakom"-Rechner neu installiert, sondern auch die komplette Hardware ausgetauscht werden. Dies würde Monate dauern und Kosten in mehrstelliger Millionenhöhe verursachen. Als Konsequenz des Hackerangriffs habe das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) inzwischen Teile des parlamentarischen Datenverkehrs über das besser gesicherte Datennetz der Bundesregierung umgeleitet.

Spur führt zu "östlichen Geheimdienstkreisen"

Unterdessen verdichten sich laut "Spiegel Online"Hinweise, dass die Spur der Cyberattacke in "östliche Geheimdienstkreise" führt. Experten lägen Anhaltspunkte dafür vor, dass der russische Auslandsnachrichtendienst SWR hinter der Spähaktion stecke.

BSI-Präsident Michael Hange will die Mitglieder der Bundestagskommission für den Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechniken laut "SZ", WDR und NDR am Donnerstag über die Untersuchungsergebnisse seiner Behörde unterrichten. Auch der Ältestenrat befasse sich dann erneut mit dem Fall, schrieb "Spiegel Online". Die Parlamentarier müssten entscheiden, ob sie Spionageabwehr-Experten des Bundesamts für Verfassungsschutz zur Hilfe rufen. Dagegen hätten zahlreiche Abgeordnete Bedenken geäußert. Auch dem BSI, das einst aus dem Bundesnachrichtendienst hervorging, verweigerten mehrere Mitglieder unterschiedlicher Fraktionen Zugang zu ihren Rechnern.

Der Bundestagsabgeordnete Armin Schuster (CDU) kritisierte laut "Spiegel Online", statt einer Exekutivbehörde Zugang zu gewähren, ließen sich einige Abgeordnete "lieber von einem Geheimdienst ausspionieren". "Es ist zum Verrücktwerden", schimpfte der Innenpolitiker.

"Kaum Kommunikation und große Verunsicherung"

Der Obmann der SPD-Bundestagsfraktion im Ausschuss Digitale Agenda, Lars Klingbeil, sagte der in Halle erscheinenden "Mitteldeutschen Zeitung" (Donnerstagsausgabe), dass die Linksfraktion die Einbindung des Verfassungsschutzes blockiere, halte er "in dieser punktuellen Situation für einen großen Fehler". Er kritisierte zugleich die Informationspolitik der Bundestagsverwaltung hinsichtlich des Spähangriffs: "Gegenüber den Abgeordneten gibt es kaum Kommunikation und große Verunsicherung. Keiner weiß hier so richtig, was los ist."

Der Unions-Obmann in dem Gremium, Tankred Schipanski (CDU), warf der Bundestagsverwaltung in der "Mitteldeutschen Zeitung" eine "merkwürdige Informationspolitik" vor.

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