27.02.13

Neuer Service

Bundestag stellt Parlamentsgeschichte ins Netz

1,2 Millionen Seiten eingescannt: Jetzt stehen erstmals die Sitzungsprotokolle der Wahlperioden von 1949 bis 1976 digital zur Verfügung.

Von Florian Kain
Foto: dpa
Blick in den Bundestag: Ab sofort können Geschichtsinteressierte online jedes Sitzungsprotokoll finden und durchsuchen
Blick in den Bundestag: Ab sofort können Geschichtsinteressierte online jedes Sitzungsprotokoll finden und durchsuchen

Wann war das noch mal genau, als Deutschlands späterer Außenminister Joschka Fischer (Grüne) dem Parlamentspräsidenten Richard Stücklen (CSU) auf dem Höhepunkt einer hitzigen Debatte "Herr Präsident, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch" entgegenschleuderte?

Was hielten die Stenografen des Bundestags in der Nacht vom 24. auf den 25. November 1949 fest, als der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Kurt Schumacher den Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) in einem Zwischenruf als "Kanzler der Alliierten" schalt, wofür ihm dann 20 Tage Sitzungsverbot aufgebrummt wurden?

Und wer meldete sich alles zu Wort, als der Bundestag am 27. Februar 1955, also vor genau 58 Jahren, in einer schier endlosen Marathonsitzung über die "Pariser Verträge" debattierte, mit denen das Besatzungsstatut für die Bundesrepublik beendet wurde?

Lückenlose Recherche möglich

Solche Fragen lassen sich ab sofort lückenlos im neuen elektronischen Archiv des Bundestags recherchieren, das Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) am Mittwoch vorgestellt hat. Es enthält sämtliche Drucksachen und Plenarprotokolle des Deutschen Bundestags seit der 1. Wahlperiode, mit Ausnahme der Protokolle der Ausschusssitzungen.

Zwar hat der Bundestag solche Dokumente auch bislang schon digital zur Verfügung gestellt. Aber die ersten sieben Wahlperioden von 1949 bis 1976 waren ein "blinder Fleck".

Wer hier etwas nachschauen wollte, musste sich in die Tiefen der Dokumentationsabteilung im Bundestag begeben und die alten, zum Teil vergilbten Bände durchblättern. Der besondere Clou des neuen Systems ist aber nicht seine Vollständigkeit, sondern die besser zu bedienende Benutzeroberfläche, die an die Google-Suchmaschine erinnert.

Bequemer als der Gang ins Archiv

So kann man den Dokumentenbestand nach speziellen Zitaten, Daten und Schlagworten durchsuchen. Die Trefferlisten, die dann angezeigt werden, lassen sich mit Filtern weiter verfeinern. Zwar ist weiterhin nicht gleich auf den ersten Blick erkennbar, welches Dokument nun das richtige ist, da in den Trefferlisten nur die Namen und Drucksachennummern der Dokumente selbst aufgeführt sind, aber nicht die jeweilige Fundstelle. Dennoch ist das neue Verfahren deutlich bequemer als der Gang ins Archiv.

Der Aufwand, der für die Digitalisierung der ersten Wahlperioden betrieben wurde, war enorm: In der Bundesdruckerei, der man dafür 270.000 Euro überwies, mussten zunächst mit Spezialmaschinen die Buchrücken der Protokollbände aufgeschnitten und dann zwei Jahre lang insgesamt 1,2 Millionen Seiten eingescannt werden.

So mancher Geschichtsstudent dürfte dafür noch dankbar sein – aus im Ausland. Denn natürlich lassen sich die Protokolle auch mit Übersetzungsprogrammen analysieren.

Lammert selbst sprach von einer "beachtlichen Ergänzung des Serviceangebots". "Es würde mich nicht verblüffen, wenn wir damit unseren guten Ruf bei den Partnerparlamenten weiter ausbauen." Der Bundestag habe in Sachen Transparenz und Dokumentation eine Vorreiterfunktion.

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