24.02.13

Schulfrust

Die Angst, wenn das Kind auf einer Neuköllner Schule landet

Abitur muss sein – dieser Anspruch erzeugt Druck bei Schülern, Eltern und Lehrern in Berlin. Reformen belasten zusätzlich, zeigt eine Studie.

Von Dorothea Siems
Foto: Reto Klar

Schulstress nimmt für alle Beteiligten zu
Schulstress nimmt für alle Beteiligten zu

Friederike Fischer gehört zu denen, die sich nicht unterkriegen lassen. Die 44-Jährige unterrichtet an der Birger-Forell-Grundschule im bürgerlichen Wilmersdorf eine vierte Klasse. Ihre Schützlinge erhalten in diesem Schuljahr erstmals Noten. Seither mache sich zunehmend Panik breit, beobachtet die Pädagogin. "Schon bei einer Drei auf dem Zeugnis beschweren sich Eltern, und manche Kinder weinen stundenlang, wenn sie mal nicht ganz vorne liegen."

Der Druck auf die Schüler, aber auch auf die Lehrer habe enorm zugenommen, sagt Fischer. Einige Väter drohten gleich mit dem Anwalt. Andere brächten ein Gutachten, das ihrem Nachwuchs eine Lese- und Rechtschreibschwäche attestiert, sodass die mangelhaften Leistungen nicht zensiert werden dürften.

Auch wenn in Berlin die Grundschulzeit, anders als etwa in Bayern oder Niedersachsen, sechs Jahre dauert und die Zeugnisse der vierten Klasse somit noch gar nicht darüber entscheiden, welche weiterführende Schule ein Kind später besuchen kann, beginnt der Stress heute oft schon in den unteren Klassen. "Ein Vater fragte mich, ob ich etwa wolle, dass sein Kind auf einer Sekundarschule in Neukölln lande – bloß weil sein Kind nicht nur Einsen und Zweien hat", erzählt Fischer.

Eine der zusammengelegten Haupt- und Realschulen an einem sozialen Brennpunkt der Hauptstadt – dieses Schreckgespenst geistert vielen Eltern durch den Kopf. "Das ist schon Hysterie", sagt Fischer. Manche Kollegen trauten sich schon gar nicht mehr, faire Noten zu verteilen.

Studie zeigt Stress, der von Schule ausgeht

Wie sehr Familien deutschlandweit unter Druck stehen, zeigt die Studie "Eltern – Lehrer – Schulerfolg" , die vom Bundesfamilienministerium und der Konrad-Adenauer-Stiftung in Auftrag gegeben wurde. In stundenlangen Einzelinterviews haben knapp 200 Eltern aus verschiedenen Milieus und unterschiedlichen Regionen sowie 65 Lehrer dargelegt, wie ihr Schulalltag heute aussieht.

Demnach fürchten die Eltern, dass ihre Kinder auf dem Bildungsweg unter die Räder kommen könnten. Das Abitur gilt für eine große Mehrheit als der einzig akzeptable Schulabschluss, um später gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Und um dieses Ziel zu erreichen, setzen die Familien alle Hebel in Bewegung: Sie büffeln am Nachmittag und an den Wochenenden gemeinsam mit ihren Sprösslingen, teilen die Freizeit ihrer Kinder entsprechend den Klassenarbeiten ein und bezahlen Unsummen für Nachhilfeunterricht, Auslandsaufenthalte oder Privatschulen.

So wird die Schule zum Taktgeber nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern. Die unzähligen Reformen der vergangenen Jahre, so die Studie, habe die Lage keineswegs verbessert, sondern nur die Familien verunsichert und die Lehrer zusätzlich belastet.

Seit dem Pisa-Schock im Jahr 2001, als Deutschland im internationalen Schulvergleich nur ein sehr mäßiges Zeugnis erhielt, ist "mehr Bildung" nicht nur in der Politik, sondern auch in der Gesellschaft zum allgemein akzeptierten Leitspruch geworden. "Für immer mehr Eltern hat die Schule die Rolle und Bedeutung einer zentralen Zuweisungsstelle für Lebenschancen", stellt die Studie fest.

Und nahezu alle klagten über einen "gewaltigen Druck", der durch die Verkürzung der Gymnasialzeit (G8) noch massiv zugenommen habe. Ungefragt fordere die herrschende Schulkultur von den Eltern, insbesondere von den Müttern, ihre Kinder intensiv beim Lernen zu unterstützen, kritisieren die Wissenschaftler. Wer sich dem "Unterstützungszwang" verweigere, stehe zunehmend unter Rechtfertigungszwang.

Die Angst sitzt im Nacken

Die Studie zeigt, dass die verschiedenen sozialen Milieus ganz unterschiedlich auf die Situation reagieren. Eltern aus der Oberschicht, erfolgreiche Manager, Politiker oder Verbandschefs, ziehen oftmals von vornherein private, oftmals internationale Schulen dem als miserabel empfundenen staatlichen Angebot vor. Dass viele öffentliche Lehranstalten baufällig sind, deren Ausstattung oft nur mäßig und die Klassen groß sind, werten diese Eltern als Indiz dafür, dass Vater Staat viel zu wenig in die Bildung und damit in die Zukunft des Landes investiert.

Nur wenn die Regelschule einen guten Ruf hat, kommt sie infrage. Bei Problemen setzen die Gutbetuchten auf professionelle Hilfe und engagieren Nachhilfelehrer oder gar Mentoren für ihren Nachwuchs. Um die Erfolgschancen der Töchter und Söhne macht sich die Elite im Land wenig Sorgen, weil sie von deren Erfolg überzeugt ist.

Ganz anders ist die Situation in der breiten Mittelschicht. Hier sitzt vielen die Angst im Nacken, dass ihre Kinder es in dem Wettbewerb eines globalisierten Arbeitsmarktes nicht schaffen könnten. Um dem Nachwuchs möglichst gute Startchancen zu verschaffen, setzt das Gros der Eltern vor allem die eigene Zeit ein, um die Kinder gut durch die Schule zu bringen. Mütter mehr noch als Väter akzeptieren die Rolle des Hilfslehrers, der den Unterrichtsstoff permanent mit den Kindern wiederholt.

Da werden nicht nur Vokabeln abgefragt, sondern auch gemeinsam Referate vorbereitet, Grammatik wiederholt oder Hausarbeiten gemacht. 75 Prozent aller Mütter fühlten sich durch Schule belastet, stellt die Studie fest. Doch auch die Väter sind eingespannt. Viele Eltern teilen sich Fächer auf: Der eine paukt Mathematik und Latein, die andere Deutsch und moderne Sprachen. Spätestens in der Mittelschule aber müssen Eltern oft passen, weil der Stoff zu anspruchsvoll wird. Dann lassen auch die Mittelschichteltern den Nachhilfelehrer kommen.

Resignation am sozialen Rand

"Die Inflationierung des Abiturs führt dazu, dass Noten immer wichtiger geworden sind", konstatiert Heinz-Peter Meidinger, der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, der die Gymnasiallehrer vertritt. Schließlich gelte heutzutage für einen Großteil der Studiengänge eine Zugangsbeschränkung. Weil der Notenschnitt im Abitur somit darüber entscheide, an welcher Universität man welches Fach studieren könne, komme der Abitur-Note heute eine weit größere Bedeutung zu als noch vor einigen Jahren.

Am unteren sozialen Rand sieht der Schulalltag für Eltern und Kinder in aller Regel ganz anders aus. Hier, so stellt die Adenauer-Studie fest, herrsche Resignation vor. Die Familien fühlen sich früh abgehängt. Die Mütter sehen das Engagement der Bildungsbürger skeptisch, zumal vielen die zeitlichen, finanziellen und Bildungsressourcen fehlen, um bei diesem Wettbewerb mithalten zu können. Viele Mütter sind alleinerziehend oder leben in Patchwork-Beziehungen und erhalten nur wenig Unterstützung durch die Väter. In Migrantenfamilien gibt es zudem vielfach Verständigungsprobleme, weil die Eltern kaum Deutsch können.

Friederike Fischer kennt die erschwerten Startbedingungen der Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern. Denn die Grundschullehrerin hat früher jahrelang in Spandau an einer Schule unterrichtet, in der das Gros aus sozial schwierigen Verhältnissen kam. Das mangelnde Interesse der Eltern sei erschütternd, sagt sie rückblickend: "Beim ersten Elternabend kamen noch alle, beim zweiten noch acht und beim dritten gerade mal noch zwei Eltern."

Die fehlende Unterstützung durch die Väter und Mütter habe katastrophale Folgen. Regelmäßig schnitten die Klassen in der Spandauer Lehranstalt bei Vergleichsarbeiten aller Berliner Schulen miserabel ab. "Die meisten dieser Kinder haben es nicht mal annähernd geschafft, alle Aufgaben anzufangen, geschweige dann richtig zu beantworten", erinnert sich Fischer. Schlechte Noten seien Kindern und Eltern oft vollkommen gleichgültig. Einmal habe sie Zeugnisse, die sie Stunden zuvor ausgeteilt habe, im Park gefunden.

Wie entscheidend das Elternhaus für die Schulkarriere der Kinder ist, zeigt die Statistik. 2011 hatten laut Mikrozensus 61Prozent der Gymnasiasten Eltern, die selbst die Hochschulreife besitzen. Dagegen ist nur jedes zehnte an diesen Schulen ein Arbeiterkind. Die enge Koppelung des Schulerfolgs an das Bildungsniveau der Eltern wird in Deutschland seit Jahren beklagt.

Hausaufgabenhilfe "suboptimal"

Während die sozial schwachen Eltern das Schulthema gerne verdrängen und gegebenenfalls das schlechte Abschneiden ihrer Sprösslinge häufig auf deren mangelndes Talent zurückführen, sehen die Autoren der Studie den größten Schulfrust bei den Mittelschichteltern. Denn viele Mütter und Väter haderten mit dem Leistungsdruck und fühlten sich gegen ihren Willen als Mittäter. "Die Eltern schwanken zwischen Bullerbü und Global Player", sagt Co-Autorin Christine Henry-Huthmacher.

Einerseits wolle man eine "glückliche Kindheit" für seinen Nachwuchs. Die Schule sollte die Selbstentfaltung ermöglichen und individuelle Betreuung gewährleisten. Andererseits aber verlangten die gleichen Eltern eine optimale Vorbereitung auf die Berufskarriere und bewirkten zudem mit ihrem eigenen Engagement am Nachmittag, dass sich das Hamsterrad immer schneller drehe. Tatsächlich stellt die Studie fest, dass die elterlichen Hilfslehrer ihre Kinder keineswegs immer richtig unterstützen: In 84 Prozent der Familien sei die Qualität der Hausaufgabenbetreuung "suboptimal".

Wie der Alltag an vielen Schulen zeigt, lösen indes auch Ganztagsangebote viele Probleme nicht. Lehrer, nicht nur in sozialen Brennpunktschulen, kritisieren, dass sie sich zunehmend in die Rolle eines Erziehers gedrängt fühlen, weil Schüler immer wieder aus der Rolle fallen. Auch die Berliner Grundschullehrerin Fischer klagt, dass Prügeleien nicht selten seien und man deshalb Schüler zu Konfliktlotsen ausbilde. Doch ohne die Eltern erreiche man wenig.

Im Jugendamt könne man nicht nur Familienhilfe, sondern auch kostenlosen Nachhilfeunterricht für das Kind beantragen. "Aber anrufen müssen die Eltern schon selbst. Doch die wenigsten lassen sich helfen."

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
17 Meter lang Hier wird ein Wal zerlegt
Kalifornien Start-up präsentiert erste schwebende Lautsprecher
Baumkronenpfad Hier gibt es Konzerte in luftiger Höhe
Kompliziert Dieses Sofa möchte nicht einsteigen
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Hüllenlos

Schöne Strände für ungetrübten FKK-Genuss

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote