24.02.13

Schulstress

Auch Eltern leiden unter dem Leistungsdruck ihrer Kinder

Laut einer Studie des Familienministeriums werden Mütter immer mehr zu "Hilfslehrern". Die Belastung spüren am Ende alle Beteiligten.

Von Dorothea Siems und Claus Christian Malzahn
Foto: dpa

Der Schulfrust in Deutschland wächst rapide. Nicht nur bei Schülern
Der Schulfrust in Deutschland wächst rapide. Nicht nur bei Schülern

Experten schlagen Alarm: Nicht nur Schüler, auch Eltern und Lehrer sind immer unzufriedener mit dem deutschen Bildungssystem. Der Schulfrust in Deutschland wächst rapide. Zu diesem eindeutigen Befund kommt eine vom Bundesfamilienministerium und der Konrad-Adenauer-Stiftung in Auftrag gegebene Studie mit dem Titel "Eltern – Lehrer – Schulerfolg". Die alarmierenden Ergebnisse werden am Montag in Berlin veröffentlicht, der Berliner Morgenpost liegen sie schon heute vor.

Laut Studie monieren Väter und Mütter vor allem einen zunehmenden Leistungsdruck, der durch die Verkürzung der Gymnasialzeit (G8) in der letzten Zeit noch verstärkt worden ist. Damit die Kinder nicht scheitern, rutscht ein Großteil der Eltern, insbesondere der Mütter, ungewollt und ungefragt im Laufe der Schulzeit in die Rolle eines "Hilfslehrers". 75 Prozent der Frauen mit schulpflichtigen Kindern geben laut Studie an, sich durch die Schule belastet zu fühlen.

Eltern sollen alles können und schaffen

Die Gründe: Die Eltern sollen plötzlich nicht nur Erzieher und Ratgeber in allen Lebenslagen sein, sondern auch noch als Experten in Mathematik, Deutsch, Latein oder Biologie fungieren. Unter diesem Hochleistungs-Schulalltag leidet vor allem die Mittelschicht – und da besonders die Mütter. Wenn die Kinder nach Hause kommen, kontrollieren die Mütter die Schularbeiten und lernen mit. Wer sich diesem "Unterstützerzwang" verweigert, steht zunehmend unter Rechtfertigungsdruck, heißt es in der Studie.

Der Grund für den steigenden Druck: Für 75 Prozent der Eltern ist das Abitur der angestrebte Abschluss für ihren Nachwuchs. Um dieses Ziel zu erreichen, wird tief ins Portemonnaie gegriffen. Damit die Kinder die Hochschulreife erreichen, werden inzwischen Millionensummen in Nachhilfeunterricht oder Privatschulen investiert. Fast jedes zwölfte Kind besucht eine nicht staatliche Lehranstalt in Deutschland – Tendenz steigend.

Das Engagement der Mütter führt laut Studie dazu, dass die betroffenen Frauen gar nicht oder nur Teilzeit arbeiten. Eine Entwicklung, die angesichts des Fachkräftemangels auch von Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt kritisch gesehen wird. Er fordert deshalb mehr Kita-Plätze und Ganztagsschulen. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder sieht die Entwicklung mit Sorge. "Viele Eltern haben das Gefühl, dass ihre Kinder immer seltener einfach nur Kind sein können, sondern dass alles schon bei den Kleinsten immer 'höher, schneller, weiter' gehen muss", sagte die CDU-Politikerin.

Der Pisa-Schock hat das Bildungsbürgertum elektrisiert

Schröder hält Wahlmöglichkeiten für wichtig – wie zum Beispiel in Hessen. Dort können sich Eltern und Schüler zwischen dem kurzen Weg zum Abitur G8 und der ein Jahr längeren Schulzeit G9 entscheiden. Dies biete die Chance, "besser auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Kinder, aber auch auf die Lebenssituation der Eltern einzugehen", sagte die Familienministerin.

Der "Pisa-Schock" habe das Bildungsbürgertum elektrisiert und bei diesen Eltern den Eindruck erweckt, dass man sich in dem Konkurrenzkampf noch mehr anstrengen müsse", sagt Heinz-Peter Meidinger, der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes. Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern erhalten hingegen kaum Unterstützung durch ihre Familien. Dort herrscht Resignation.

Wie entscheidend das Elternhaus für die Schulkarriere ist, zeigt die Statistik. 2011 hatten laut Mikrozensus 61Prozent der Gymnasiasten Eltern, die selbst die Hochschulreife haben. Dagegen ist nur jedes zehnte Kind an diesen Schulen ein Arbeiterkind. An den Hauptschulen ist das Verhältnis umgekehrt: 56 Prozent der Schüler haben Eltern mit Hauptschulabschluss, nur zwölf Prozent wachsen bei Eltern mit Abitur oder Fachhochschulreife auf. Das Elternhaus sei von entscheidender Bedeutung, sagt Meidinger. Einerseits gebe es "Helikopter-Eltern", die ihren Nachwuchs besorgt überwachen. Andererseits die bildungsfernen, die ihren Kindern keinerlei Unterstützung gewähren, erklärte der Verbandsvertreter.

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