12.02.13

Berlinale

Versteck dich nicht vor den Agenten der Unfreiheit

Der iranische Regisseur Jafar Panahi ist ein Gefangener im eigenen Land und darf keine Filme drehen. Trotzdem zeigt die Berlinale mit "Parde" ein neues Werk von ihm – ein intimes Psychogramm.

Von Hanns-Georg Rodek
Quelle: Die Welt
12.02.13 6:21 min.
Der iranische Regisseur Jafar Panahi hat trotz Hausarrest und Arbeitsverbot erneut einen Film zur Berlinale geschickt. "Pardé" lief im Wettbewerb neben zwei weiteren "klaustrophobischen" Filmen.

Wenn die Kamera am Anfang eines Films durch ein vergittertes Fenster ins Freie starrt, kann man davon ausgehen, dass der Film vom Eingesperrtsein handeln wird, im wörtlichen oder übertragenen Sinn. Als die Hälfte der Welt noch aus Diktaturen bestand, haben wir viele solche Filme bei Festivals gesehen, aus der DDR, der Sowjetunion, aus China, und das Publikum war geschult im Enträtseln der Symbole.

Seit jeder in (fast) jedem Land (fast) alles sagen kann und die neue Zensur in medialer Nichtbeachtung besteht, ist im Kino das Zwischen-den-Bildzeilen-Lesen aus der Mode gekommen – außer in speziellen Fällen. "Parde" (Geschlossener Vorhang) ist ein solcher, er kommt aus dem Iran, und er stammt von Jafar Panahi. Panahi wurde von der Mullah-Justiz aus fadenscheinigen Gründen zu sechs Jahren Gefängnis und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt; bis zum Ende der Berufung ist er unter Auflagen frei, darf das Land aber nicht verlassen und konnte vor zwei Jahren nicht als Juror bei der Berlinale mitwirken. Eine der wichtigsten Auflagen ist ein Maulkorb: Er darf sich nicht öffentlich äußern, nicht mit Aufrufen, nicht in Interviews – und erst recht nicht mit neuen Filmen.

Seit dem Urteil hat es trotzdem zwei neue Panahi-Filme gegeben. "Dies ist kein Film" (2011 in Cannes), eine 75-minütige Dokumentation, zeigt einen Tag im Lebens Panahis, während er über Monate auf seine Verurteilung wartete. Nun geht Panahi ein ungleich größeres Risiko ein. "Parde" entstand in einem abgelegenen Haus am Meer, und damit ja kein Verdacht entstand, wurden sämtliche Fenster abgedunkelt.

Die Verkörperung des freien Denkens

Genau das tut auch der Mann, der im Film in der Villa ankommt. Er schließt alle Vorhänge und hängt schwarzen Stoff vor die vergitterten Fenster; niemand soll Verdacht schöpfen, er könne in dem Haus an einem Drehbuch arbeiten. Sein einziger Begleiter ist ein Hund, und auch er ist ein Verfolgter, hat doch ein Groß-Ayatollah per Dekret verlauten lassen, Hunde seien unrein und hätten in islamischen Haushalten nichts zu suchen.

Der Autor steht natürlich für Panahi, und im weiteren Verlauf von "Parde" wird alles eine doppelte Bedeutung bekommen. Die junge Frau etwa, die ins Haus platzt und Zuflucht vor Verfolgern erfleht und von der ihr Bruder behauptet, sie sei selbstmordgefährdet. Sie ist, das begreifen wir, die Verkörperung des freien Denkens, und sie reißt die Vorhänge von den Fenstern und die Laken von den Panahi-Filmplakaten an den Wänden, und die Bedeutung ist klar: Es nützt nichts, sich vor den Agenten der Unfreiheit zu verkriechen, man muss in die Öffentlichkeit, muss das Risiko der Verfolgung eingehen. In ihr spiegeln sich der Mut, aber auch die Angst, und später wird man sie durch das Fenster vom Anfang ins Meer gehen und untertauchen sehen, ein Selbstmord aus der Furcht heraus, getötet zu werden.

Es ist also gleichzeitig ein Film über den Mut und die Feigheit in der Unterdrückung. "Parde" ist eine Selbstanalyse Panahis, und dass er ein Alter Ego auftreten lässt, wirkt wie ein letzter Schutzmantel vor der völligen Entblößung. Aber dann, nach der Hälfte des Films, läuft plötzlich ein Mann durch das Haus, den wir vorher nicht gesehen haben, und wir erkennen: Es ist Jafar Panahi.

Sein Alter Ego verschwindet, und das Versteckspiel hat sein Ende, nun geht alles voll auf seine Kappe. Nun müssen auch die Besucher Stellung beziehen. Zwei Glaser reparieren ein zertrümmertes Fenster (Einbrecher? Staatsrowdys?), und der eine bittet ausdrücklich um ein Foto mit dem berühmten Herrn Panahi, und der andere bittet um Entschuldigung, dass er nicht mit aufs Foto will.

Ein Psychogramm unter extremem Druck

So gelingt "Parde" das in der Filmgeschichte ziemlich einmalige Kunststück, gleichzeitig allegorisch und konkret zu sein. Gegen Schluss sieht Panahi aufs Meer hinaus, und plötzlich ist er im Wasser und watet ins Meer hinaus, wie vorher die Freiheit. Es ist sein subjektiver Blick, also nur ein Gedankenspiel, und das beendet er mit einem Filmtrick, indem er die Bilder rückwärts laufen lässt, zurück an den Strand.

"Parde" ist ein höchst intimer Film, ein Psychogramm unter extremem Druck. Und es ist eine Momentaufnahme aus dem Leben eines Künstlers, der sich in seiner besten Schaffensperiode befindet und dem viele der Instrumente verweigert werden, mit denen er seine Kunst ausüben könnte. Die digitale Revolution gibt ihm wenigstens eine schwache Stimme – und die Berlinale verstärkt sie in die gesamte Welt.

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