10.02.13

CDU-Politikerinnen

Merkel und Schavan - ziemlich beste Freundinnen

Annette Schavan und Angela Merkel haben sich stets beschützt. In der Plagiatsaffäre aber war die Staatsräson stärker als die Freundschaft.

Von Thomas Vitzthum und Florian Kain
Foto: REUTERS

Offensichtlich: Die Enttäuschung über das Ende der Zusammenarbeit steht Annette Schavan und Angela Merkel ins Gesicht geschrieben
Offensichtlich: Die Enttäuschung über das Ende der Zusammenarbeit steht Annette Schavan und Angela Merkel ins Gesicht geschrieben

Wenn Angela Merkel aus ihrem Büro blickt, sieht sie auf eine Baustelle. Schräg gegenüber vom Kanzleramt wird dort, wo die Spree eine Kurve in Richtung Hauptbahnhof beschreibt, das neue Bundesministerium für Bildung und Forschung errichtet. Ein auffallender Bau, stattlich und an einer Stelle gelegen, die täglich Tausende Menschen passieren, zu Lande und zu Wasser.

Annette Schavan hat für dieses Gebäude den Grundstein gelegt, sie wollte ihn auch eröffnen und dort einziehen. Irgendwann in der nächsten Legislaturperiode, als Ministerin. Dann hätte sie als einziges Kabinettsmitglied vom Amtssitz auf das Zentrum der Macht blicken können, hinüber zu ihrer Freundin Angela Merkel.

Es passt nicht zu den beiden Frauen, dass sie sich je über so etwas Gefühliges Gedanken gemacht haben. Beide neigen nicht dazu, in schönen Zufällen und passenden Analogien zu schwelgen. Darin sind sie einander, die 57-jährige Schavan und die 58-jährige Merkel, ziemlich ähnlich.

Emotionaler Abschied

In den neun Minuten aber, die für beide die schwersten ihrer bald 20 Jahre währenden Freundschaft sind, ist alles anders. Da geht es nicht ohne Gefühle, ja, da braucht es Gefühle, weil Politik sonst so unmenschlich wäre, wie sie manchmal beurteilt und wahrgenommen wird. Diesen Sonnabendnachmittag erzwingen die Gesetze des politischen Betriebs, das Wahljahr und das, was man in der Politik unter Verantwortung versteht.

Der Moment, in dem Angela Merkel im Kanzleramt den Rücktritt von Annette Schavan vom Amt der Bildungsministerin verkündet, steht nicht für das Scheitern der Politik Schavans, schon gar nicht für das Zerbrechen einer persönlichen Beziehung, für das Ende einer Freundschaft. "Freundschaft", sagt Schavan, "hängt nicht an Amtszeiten, wirkt über diesen Tag hinaus." Beide Frauen lächeln.

Schavan und Merkel sind tief bewegt, Schavan wirkt älter als noch vor wenigen Wochen, ihre Haare, die schon lange grau sind, leuchten weiß, geben sich widerspenstig, ihre Augen sind rot unterlaufen. Während sie spricht, blickt Angela Merkel beständig hinüber, fixiert sie.

Wäre dies eine Szene ohne Ton, gäbe es nur das Bild zweier einander so nahen und vertrauten Personen – sie könnte die Ernennung einer neuen Ministerin darstellen, aber es ist ein Abschied.

Merkel nimmt Rücktritt "schweren Herzens" an

Nach der Aberkennung ihres Doktortitels durch die Universität Düsseldorf am Dienstag vergangener Woche kann Schavan nicht im Amt bleiben. Nach ihrer Rückkehr von einer fünftägigen Dienstreise durch Südafrika bot sie Freitagnacht Merkel den Rücktritt an. "Ich habe diesen Rücktritt sehr schweren Herzens angenommen", sagt Merkel. Zu der Entscheidung der Universität sagt sie nichts.

Das erledigt einige Stunden später stattdessen Jan-Hendrik Olbertz, der Präsident der Berliner Humboldt-Universität – auch er arbeitet seit Jahren eng und vertrauensvoll mit Schavan zusammen, er war mit auf dem Kapstadt-Trip. Olbertz erklärt: "Persönlich bin ich der Ansicht, dass auf der gegenwärtigen Verfahrensgrundlage die Aberkennung des Doktortitels nicht gerechtfertig ist." Annette Schavans Rücktritt sei gerade im Angesicht ihrer außerordentlichen Leistungen für die deutsche Wissenschaft damit nicht folgerichtig.

Seine Kritik an der Universität Düsseldorf erhält er aufrecht: "Es mangelt an der nötigen Tiefe, wenn isolierte Textmodule verglichen werden, ohne sie in den Gesamttext und die übergreifende Gedankenführung der Arbeit einzuordnen." Ihm fehle auch eine kritische Selbstthematisierung der Fakultät, schließlich habe sie seinerzeit die Arbeit von Frau Schavan angenommen und für gut befunden.

"Wenn dies ein Fehler war, ist nur schwer einzusehen, dass er jetzt nach über 30 Jahren allein auf den Schultern der inzwischen renommierten Wissenschaftsministerin ausgetragen wird." So hätten mindestens zwei externe Gutachten eingeholt werden müssen, die fachwissenschaftlich und textanalytisch vorgehen und dann bewerten, ob und in welchem Umfang die erhobenen Vorwürfe berechtigt sind.

Eigene Logik der Politik

Hierzu wären auch Textvergleiche zu anderen wissenschaftlichen Abhandlungen mit ähnlicher Thematik aus der fraglichen Zeit notwendig gewesen. "Doch die Politik hat, zumal im Zeichen des nahenden Bundestagswahlkampfes, ihre eigene Logik, die zu akzeptieren ist", so Olbertz. Schavan zitierte diesbezüglich zuvor schon ihren Mentor, den einstigen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Erwin Teufel, der gesagt hat: "Zuerst das Land, dann die Partei, dann ich selbst."

Rückblick: Es war 1995, als Teufel die Rheinländerin Schavan in sein Kabinett nach Stuttgart holte, zehn Jahre war sie dort Kultusministerin. Ebenfalls Mitte der Neunziger wurden Schavan und Merkel einander von Kanzler Helmut Kohl vorgestellt. Die Basis für das gegenseitige Vertrauen wurde wenige Jahre später gelegt, in der CDU-Spendenaffäre.

Die Frauen, die Kohl zueinander gebracht hatte, wandten sich nun gegen ihn – auch damals schon wissend, dass wechselseitige Dankbarkeit gegen die Logik des Politikbetriebs steht. Angela Merkel, die "Kohls Mädchen" und Generalsekretärin war, versuchte, die Affäre zu bewältigen und die alten Geister weniger sichtbar zu machen.

Schavan trat an ihre Seite. "Er schadet der Partei ganz massiv", sagte sie über Kohl. Die CDU müsse "von den Wurzeln her erneuert" werden. Später ermunterte sie Merkel, für den Vorsitz zu kandidieren. Das war die Grundlage für alles Weitere. Auch anderen Kollegen galt Schavans Loyalität, obwohl ihr zuletzt immer wieder ihr Satz im Zusammenhang mit der Plagiatsaffäre von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vorgehalten wurde: "Ich schäme mich nicht nur heimlich."

Guttenberg hat das nach CSU-Lesart den "Todesstoß" versetzt, intrigant war es trotzdem nicht. Damals quälte Schavan sich in Gesprächen über den Kollegen in Wahrheit mit jedem Wort. Sie suchte in den Gesichtern der Anwesenden nach jenen, die sie zu Komplizen ihres Unwillens machen konnte.

Nur Floskeln waren ihr zu entlocken – und immer wieder der Satz, dass jeder eine (zweite) Chance verdient habe. Sie stützte Guttenberg als Kollegen und suchte dennoch nach einem Ventil für den Groll der Wissenschaft, den sie als zuständige Ministerin kanalisieren musste. Also Scham. Ein Gefühl, das man bis heute bei Guttenberg vermisst.

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