09.02.13

Schavan-Nachfolge

Johanna Wanka ist mehr als eine Notlösung

Johanna Wanka wird neue Bundesbildungsministerin. Mit der selbstbewussten Ostdeutschen könnte die Kanzlerin über die Bundestagswahl kommen.

Foto: REUTERS

Johanna Wanka und Bundeskanzlerin Angela Merkel verbinden gemeinsame Erfahrungen. Nicht nur deswegen ist Wanka mehr als nur ein Ersatz für Anette Schavan
Johanna Wanka und Bundeskanzlerin Angela Merkel verbinden gemeinsame Erfahrungen. Nicht nur deswegen ist Wanka mehr als nur ein Ersatz für Anette Schavan

Anders als Annette Schavan liebt Johanna Wanka den großen Auftritt. Bescheiden im Hintergrund zu bleiben, ist nicht ihr Ding. Die 61-Jährige gehört wie Bundeskanzlerin Angela Merkel zu jenen hoch qualifizierten ostdeutschen Frauen, die sich ihren Weg in der Politik selbst- und machtbewusst nach oben gebahnt haben.

Die gebürtige Sächsin kam erst im Jahr 2000 in die Politik: Damals holte der damalige CDU-Landeschef Jörg Schönbohm die Rektorin an der Fachhochschule Merseburg (Sachsen-Anhalt) nach Brandenburg – als Kultur- und Wissenschaftsministerin. Sie war ein Tipp des damaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD). Einst in der DDR-Bürgerbewegung engagiert, hatte Johanna Wanka das "Neue Forum" mitgegründet, blieb aber parteilos. Nicht lange in Brandenburg, trat sie 2001 dann in die CDU ein. "Für die Union habe ich mich aus zwei Gründen entschieden", sagt sie. "Sie ist die Partei der deutschen Einheit und die christlich-demokratischen Positionen sind auch meine."

Wanka fand rasch Gefallen an der Politik – und vor allem am Ministerinnenamt. Unter ihr baute Brandenburg die Zahl der Studienplätze in der noch junge Brandenburger Hochschullandschaft aus. In Wissenschaftskreisen erarbeitete sie sich rasch einen guten Ruf. In der rot-schwarzen Regierungskoalition, die Matthias Platzeck von 2000 an führte, erwies Wanka sich als pragmatisch. Einige in der Brandenburger CDU hielten ihr sogar eine zu große Nähe zur SPD vor. Eines ihrer Credos: "Die Wähler wollen nicht den Streit zwischen den Parteien, sie wollen den Wettbewerb um die besseren Lösungen."

Merkel und Wanka - zwei Quereinsteigerinnen

Die für sie wohl schwierigste Aufgabe stand ihr bevor, als sie den Vorsitz der CDU Brandenburg übernahm. Es gelang ihr, zumindest nach außen Ruhe in den notorisch zerstrittene Partei zu bringen.

Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel verbindet sie nicht nur ihre Erfahrungen mit der märkischen CDU. Merkel hatte im November 1991 selbst einmal für den Parteivorsitz kandidiert – und fiel gegen den Westberliner Ulf Fink durch. "Wir sind beide nach der Wende als Quereinsteiger in die Politik gekommen, als Frauen mit beruflicher Erfahrung, die mitten im Leben stehen. Und wir haben beide nicht die Tippeltappeltour in der Partei hinter uns", sagte Wanka einmal. Sie ist manchmal schnippisch. Wenn ihr etwas nicht passt, lässt sie sich das anmerken.

Merkel ist Physikerin, Wanka Mathematikerin. Beide sind mit Hochschuldozenten verheiratet. Wankas Mann arbeitet als Mathematik-Professor in Merseburg, er war mit ihr nach Potsdam gezogen. Von dort hatte sie im April 2010 der damalige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff in die schwarz-gelbe Landesregierung geholt. Wanka zögerte damals keinen Moment. Im Herbst 2009 hatte sie nach der Landtagswahl in Brandenburg ihr Ministeramt verloren, eine herbe Enttäuschung für sie. Obwohl sie sich bemühte, es zu verbergen: Sie litt sehr darunter, nicht mehr Ministerin zu sein.

Nicht Ministerpräsident Matthias Platzeck selbst, sondern der damalige Finanzminister Rainer Speer (SPD fuhr während der Koalitionsverhandlungen zu ihr in ihre Potsdamer Wohnung in der Berliner Vorstadt, um ihr die Nachricht zu überbringen: Platzeck wolle zehn Jahre Rot-Schwarz beenden. Er hatte sich dafür entschieden, zum ersten Mal in Brandenburg eine rot-rote Regierung zu bilden. Wanka fügte sich in ihre neue Rolle als Oppositionsführerin.

Merkel und Wanka - zweite Ostdeutsche im Kabinett

Als Wulff sie nach einigen Monaten als erste Ostdeutsche in ein westdeutsches Kabinett berief, war dies eine tiefe Genugtuung für sie. Doch dort ereilte sie ein ähnliches Schicksal. Mit der Landtagswahl im Januar musste sie die Regierung verlassen. Dieses Mal, weil der Wähler die CDU als führende Partei abwählte. Auch dieses Mal ist Johanna Wanka zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Schneller als erwartet hat sie mit dem Rücktritt von Anette Schavan eine Anschlussverwendung gefunden.

Wanka ist keine Notlösung: Merkel hat gute Chancen, mit ihr über die Bundestagswahl hinaus im Herbst eine mehr als passable Bildungsministerin gefunden zu haben. 2005 war sie als brandenburgische Kultusministerin auch Vorsitzende der Kultusminister-Konferenz gewesen.

Regionaler Proporz hat für Merkel wie schon bei der Ernennung des Saarländers Peter Altmaier zum Umweltminister erneut keine Rolle gespielt: Allerdings hatten die ostdeutschen CDU-Landesverbände mehrfach darauf verwiesen, dass es außer der Kanzlerin selbst keinen Minister aus den neuen Ländern im Bundeskabinett gebe. Diese Lücke schließt die CDU-Chefin nun.

Merkel und Wanka - zwei Pragmatikerinnen

Auch nach dem Wechsel in den Westen genoss Wanka etwa als niedersächsische Wissenschaftsministerin einen Ruf als pragmatische, unideologische Politikerin. Besondere Akzente setzte sie in ihren beiden Jahren in Hannover aber nicht mehr. Dass etwa die renommierte Universität Göttingen ihren Status als Exzellenz-Universität verlor, wurde noch ihrem Vorgänger angelastet.

Ausdrücklich machte sie sich in Niedersachsen aber für eine Öffnung der Hochschulen für "bildungsferne Schichten und Migranten" stark. Deshalb sollte auch über einen Hochschulzugang für Studenten ohne Abitur nachgedacht werden – eine Position, die in der CDU umstritten ist.

Im Zentrum der parteipolitischen Debatten stand Wanka in den vergangenen Monaten vor allem deshalb, weil sie bis zuletzt zusammen mit McAllister an den Studiengebühren in Niedersachsen festhielt.

Quelle: mit dpa
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