08.02.13

Familienpolitik

Das Märchen der "Fördermillionen" vom Staat

Kaum ein Land pumpt so viel Geld in seine Familien wie Deutschland. Doch in Wahrheit kommt nicht so viel an, als man denkt.

Foto: dpa

Wer sorgt für die Kinder, Papa oder Vater Staat?
Wer sorgt für die Kinder, Papa oder Vater Staat?

Es ist ein verqueres Bild, das in den vergangenen Tagen entstanden ist: Da sind auf der einen Seite die Familien, die vom Staat angeblich mit "Fördermilliarden" überschüttet werden, ohne dass dies auf der anderen Seite "Wirkung" für den Staat zeigen würde. Die Geburtenrate liegt auf konstant niedrigem Niveau – obwohl kaum ein Land mehr Geld für den Nachwuchs ausgibt als Deutschland.

Dieses scheinbare Missverhältnis beschäftigte schon Ursula von der Leyen (CDU), als sie noch Bundesfamilienministerin war. Mit großem medialen Wirbel gründete sie ein "Kompetenzzentrum familienpolitische Leistungen", das das Dickicht der verschiedenen Maßnahmen durchdringen sollte.

2009 wurde im Koalitionsvertrag vereinbart, die familienpolitischen Leistungen zu überprüfen und noch unter von der Leyen eine Evaluation in Auftrag gegeben. Erklärtes Ziel war dabei nicht eine höhere Geburtenrate, sondern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Wahlfreiheit bei der Betreuung, wirtschaftliche Stabilität für die Familien und die Erfüllung von Kinderwünschen.

Von der Leyens Nachfolgerin Kristina Schröder (CDU) kündigte bereits kurz nach Amtsantritt an, die Prüfung voranzutreiben. Dann hörte man nicht mehr viel vom Thema. Dabei ist im Ministerium sogar ein ganzes Referat damit befasst, die Evaluation zu begleiten. Nachdem der "Spiegel" einen Teil der Ergebnisse Anfang der Woche bekannt machte, wuchs der Druck auf die Ministerin. Nun kündigte das Ministerium an, ein erstes Gesamtergebnis noch in dieser Legislatur veröffentlichen zu wollen.

Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Riesensumme, die unter dem Stichwort "Familienförderung" läuft: 2010 waren es 200,3 Milliarden Euro, die der Staat dafür ausgab. Denn zu den 158 "familienbezogenen Leistungen und Maßnahmen", die die Regierung für 2010 auflistet, gehören auch acht "ehebezogene Leistungen". Letztere machten allein 74,8 Milliarden Euro jährlich aus. Schwierig ist auch die Definition. So ist unter den 22 steuerrechtlichen Maßnahmen im Katalog des Familienministeriums zwar die Erbschaftsteuer, nicht aber die Pendlerpauschale dabei.

Die wirkliche Förderung von Familien fällt deutlich geringer aus, als die Milliardensumme vermuten lässt. Das zeigt die genaue Aufschlüsselung. Die Berliner Morgenpost hat die größten Posten unter die Lupe genommen:

Die Witwen- und Witwerrente

Sie ist der größte Einzelposten der "Fördermilliarden", hat aber mit Familienpolitik wenig zu tun. Rund 38 Milliarden Euro werden jährlich an Witwen und Witwer ausgeschüttet. Zuständig ist für diesen Posten – wie im Übrigen für andere auch – nicht das Bundesfamilienministerium, sondern in diesem Fall das Arbeitsministerium. Die Witwenrente ist nicht Teil der Evaluation.

Das Ehegattensplitting

Ist ebenfalls Teil der "Fördermilliarden", aber keine familien-, sondern eine Maßnahme, die auch kinderlosen Paaren zugutekommt. Mit einem Anteil von 19,8 Milliarden Euro fällt sein Volumen nur knapp halb so hoch wie die Witwenrente aus. Es ist zugleich einer der politisch umstrittensten Posten und Teil der Evaluation.

Kindergeld

Bei den familienbezogenen Leistungen machen die steuerrechtlichen Maßnahmen mit 45,6 Milliarden Euro den größten Anteil aus. Unter diesen ist das Kindergeld mit 38,8 Milliarden Euro der größte Posten. Allerdings ist nur ein Teil davon wirkliche Förderung. Der andere Teil ist eine Folge der Steuerfreistellung des Existenzminimums von Kindern und von der Verfassung vorgeschrieben. "Eine Abschaffung wäre folglich verfassungswidrig", sagt Siegfried Stresing, Geschäftsführer des Deutschen Familienverbands. Gekürzt werden könnte nur der Förderanteil, der 2010 bei 19,3 Milliarden Euro lag: "Das aber würde die treffen, die von einer Steuerrückerstattung nicht betroffen sind, also die Geringverdiener unter den Familien."

Beitragsfreie Mitversicherung

Die Maßnahmen der Sozialversicherung machen den drittgrößten Block der "Fördermilliarden" aus. Insgesamt handelt es sich dabei um eine Summe von 27,3 Milliarden Euro. Mehr als die Hälfte wird für die "beitragsfreie Mitversicherung von Kindern und Jugendlichen in der gesetzlichen Krankenversicherung" aufgewendet. "Hier wird das Verwirrspiel um die Leistungen für Familien besonders klar", sagt Stresing der Berliner Morgenpost.

"Beitragsfrei ist hier gar nichts." Weil es in der gesetzlichen Krankenversicherung keinen Kinderfreibetrag gibt, zahlen Eltern auf das Existenzminimum ihrer Kinder Sozialbeträge. "Wenn man genau rechnet, sind Familien mit minderjährigen Kindern Nettozahler in der gesetzlichen Krankenversicherung", betont Stresing.

Absetzbarkeit Kinderbetreuung

Die steuerliche Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten ist wie auch das Ehegattensplitting sowie elf weitere Maßnahmen ein Teil der Evaluation. Sie schlug im Jahre 2010 mit insgesamt 620 Millionen Euro zu Buche.

Kinderbetreuungskosten

16,2 Milliarden Euro hat der Staat 2010 für die Kinderbetreuung in Kindergärten, Kindertagesstätten sowie in der Tagespflege ausgegeben. Das ist der größte Posten unter den sogenannten Realtransfers bei den familienbezogen Leistungen und einer jener Ausgabefaktoren, die am stärksten gestiegen sind. Finanzträger sind in erster Linie die Länder und Kommunen.

Nach Ansicht Stresings wird derzeit "die falsche Diskussion" geführt. "Familien sind unsere wichtigste Ressource, wir sollten eher überlegen, wie sie gesellschaftlich aufgewertet werden können", sagt er. Wer dennoch bei der Förderung kürzen wolle, der müsse die Diskussion darüber offen führen, fordert Stresing. "Und der muss damit rechnen, dass ihm bei der Wahl das Kreuzchen auf dem Zettel fehlen wird."

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
title
Aktualisiert vor 13 MinutenLiveblog
Obama in Berlin – 100 Menschen mit Kreislaufproblemen behandelt

US-Präsident Barack Obama, Ehefrau Michelle und die Töchter Sasha und Malia sind in Berlin und absolvieren ein eng getaktetes Tagesprogramm. Der Tag der Obamas im Liveblog. mehr...

U.S. first lady Michelle Obama and her daughters Sasha and Malia place flowers as they visit the Berlin Wall memorial in Bernauer Strasse in Berlin
Aktualisiert vor 1 MinuteFirst Lady
Michelle Obama in Berlin - Siesta im Hotel Ritz-Carlton

Michelle Obama absolviert mit den beiden Töchtern zum Teil ein eigenes Programm. Dabei könnte es einige Überraschungen geben. Der Tag der First Family in Liveblog. mehr...

Obama in Berlin
14:40Obama in Berlin
Michelle Obama und die Farben des Sommers - eine Stilkritik

Besonders Michelle Obama zieht mit ihrem Outfit die Blicke auf sich. Ihre Töchter Sasha und Malia stehen ihr da in nichts nach. Wir zeigen, wie stylish der Berlin-Ausflug der Präsidentenfamilie ist. mehr...


Absperrungen in Berlin
06:42Straßensperrungen
Die Verkehrslage in Berlin während des Obama-Besuchs

Straßen sind gesperrt, Busse werden umgeleitet, Bahnen fahren eingeschränkt: Berlin ist wegen des Staatsbesuches von Barack Obama im Ausnahmezustand. Eine Zusammenfassung der Verkehrseinschränkungen. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
Top-Thema

Aus dem Bett ihrer Suite im „Ritz-Carlton“ kann das Präsidentenpaar auf den Potsdamer Platz schauen
Obamas Hotel in Berlin

Hier übernachtet die First Familiy

Video Nachrichten mehr
Berlin-Besuch Absperrungen und Hitze am Brandenburger Tor
Deutschland-Besuch Familie Obama zu Gast in Berlin
Berlin-Besuch Obama von Bundespräsident Gauck empfangen
Berlin US-Präsident Obama erreicht das Ritz-Carlton
 
Top Bildershows mehr
US-Präsident

Barack Obama und sein Tag in Berlin

Eigenes Programm

First Lady Michelle Obama in Berlin

First Lady

Das ist die Stilikone Michelle Obama

Staatsbesuch

Von Kennedy bis Bush – US-Präsidenten in Berlin

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote