06.02.13

Doktortitel entzogen

Schavan setzt auf den Erfolg ihrer Verwaltungsklage

Schavan zeigt sich in Südafrika entschlossen, Ministerin zu bleiben. Merkel gibt ihr Rückendeckung, die Opposition fordert ihren Rücktritt.

Von Christian Putsch
Foto: dpa

Schavans Kampfansage aus Südafrika dauerte nur 23 Sekunden
Schavans Kampfansage aus Südafrika dauerte nur 23 Sekunden

Annette Schavan kommt mit schnellen Schritten aus dem Konferenzraum. Ein paar Schritte hinaus in die morgendliche Sonne, ein kurzes "Guten Morgen" an die Journalisten. Dann holt sie tief Luft und legt die Hände vor dem Blazer ineinander, den schwarze Blumen auf weißem Untergrund zieren. Einen Moment hält die Bundesbildungsministerin inne, nichts an ihr soll vor den drei Kamerateams unkontrolliert oder unruhig wirken. "Die Entscheidung der Universität Düsseldorf werde ich nicht akzeptieren", sagt sie schließlich, "da ich in einer rechtlichen Auseinandersetzung mit der Universität bin, bitte ich um Verständnis, dass ich heute keinerlei weitere Stellungnahmen abgeben werde. Vielen Dank."

Schavan befindet sich seit Montag in Südafrika, am Dienstag hatte sie sich mit dem dortigen Minister für Wissenschaft und Forschung, Derek Hanekom, getroffen. Am Abend erreichte sie dann die Nachricht, dass die Universität Düsseldorf ihr wegen Plagiatsvorwürfen den Doktorgrad entzieht. Der 5.Februar hatte länger als Tagungstermin für den Rat der Philosophischen Fakultät in dieser Angelegenheit festgestanden, die Entscheidung hatte sich angedeutet. Die CDU-Politikerin war dennoch mit einer Delegation von rund 25 Experten des deutschen Bildungswesens nach Südafrika gereist; das Programm war über viele Monate hinweg ausgearbeitet worden. Schavan hielt es für selbstverständlich, die vereinbarten Termine einzuhalten. Sie ist Ministerin und will es bleiben, das zeigt diese Reise deutlich.

Exakt 23 Sekunden dauert ihre Kampfansage

Doch ihre Mitarbeiter hatten diesen Vormittag in der südafrikanischen Zentrale des Softwarekonzerns SAP zumindest in Details anders geplant. Die 57-Jährige hatte nach der Besichtigung der Ausbildungsstätten des Unternehmens zu einem kleinen Pressegespräch geladen, SAP hatte im ersten Stock von "Haus 5" extra einen Raum mit großen Leinwänden ausgestattet. Das Logo sollte im Bild sein, wenn Schavan über die recht erfolgreiche Kooperation beider Ländern bei der Berufsausbildung redet. Ein Thema, mit dem sich jedes Unternehmen gerne assoziiert sieht.

Dann aber wurde der Ort für Schavans Statement im letzten Moment an die frische Luft verlegt. So ganz recht schien es einigen SAP-Managern nicht zu sein, dass ihre Firma nun im Kontext mit einer Plagiatsaffäre auftauchen könnte. SAP und das Thema Ausbildung erwähnt die Politikerin dann tatsächlich mit keiner Silbe. Exakt 23 Sekunden dauert ihre Kampfansage an die 8800 Kilometer weit entfernte Uni Düsseldorf. Dann geht sie an den Mikrofonen vorbei und steigt in einen Geländewagen mit verdunkelten Scheiben. "Weiter geht's", sagt die Politikerin zu einer Mitarbeiterin, bevor der Fahrer die Tür zudrückt. Weiter im Programm, weiter im Amt.

Sie läuft dem Zeitplan hinterher

Die SAP-Zentrale Südafrika liegt im Norden von Johannesburg in einer der teuersten Gegenden des Kontinents. Eine halbe Stunde dauert die Fahrt in den Südwesten der Stadt in die Kontrastwelt Soweto, dem größten Township des Landes. Das Programm, das Amt, sieht einen Besuch im Builders Training Centre (BTC) der Deutschen Auslandshandelskammer vor. Seit 1986 fördert die Bundesregierung das Zentrum, eine Art Modellprogramm für die in Deutschland so erfolgreiche duale Ausbildung. Südafrikas Arbeitslosenquote beträgt 26 Prozent. Realistischere Berechnungen gehen von 40 Prozent aus, von den jungen Erwachsenen hat sogar nur jeder Zweite einen Job. Aspekte der reformbedürftigen beruflichen Bildung stehen im Vordergrund von Schavans Reise.

"Es gibt die Arbeitsplätze ja", sagt Heinrich Höse, der Direktor der Institution. "Südafrika hat Fachkräftemangel ohne Ende. Viele Firmen suchen verzweifelt, aber finden keine ausreichend qualifizierten Arbeitnehmer." Das BTC gilt als Vorzeigeprojekt der deutsch-südafrikanischen Kooperation. 3000 junge Männer und Frauen haben nach deutschem Vorbild Handwerksberufe gelernt, vier Tage im Betrieb, einen im BTC, drei Jahre lang. 90 Prozent haben im Anschluss einen langfristigen Arbeitsplatz gefunden. Helmut Kohl war in den 90er-Jahren zu Besuch, in einem Zimmer hängt ein Bild von Ex-Bundespräsident Johannes Rau. Vor einigen Monaten erst hat Höse Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) über das Gelände geführt.

Nun also Schavan. Sie läuft dem Zeitplan ein wenig hinterher, viel Raum bleibt nicht, am Nachmittag stehen Gespräche bei deutschen Firmen an. Höse spricht die Plagiatsaffäre natürlich nicht an. Er zeigt Schavan eine Werkstatt für Stahlverarbeitung, dann einen Ausbildungssaal für Installateure von Solaranlagen. Draußen, in der Mittagssonne, arbeiten Männer auf dem Dach eines kleinen Steinhauses, wie es sie viele Millionen Mal in Südafrika gibt. In Soweto haben die 50 Quadratmeter großen Gebäude unzählige Blechhütten ersetzt, ihr Bau ist einer der Schwerpunkte des Instituts.

Anspannung nicht spüren lassen

Schavan versucht, sich ihre Anspannung nicht anmerken zu lassen. Sie hat die Gabe, junge Menschen ihre Macht nicht spüren zu lassen, sich aufrichtig zu interessieren. Geduldig lässt sie sich von Mbulelo Hlazo die Arbeit an einer Schleifmaschine erklären. Der 17-Jährige hat vor längerer Zeit die Schule abgebrochen. Seit drei Wochen lernt er am BTC. "Alles Gute wünsche ich dir", sagt Schavan nach ein paar Minuten lächelnd zum Abschied. Hlazo bedankt sich. Später sagt er, er habe nicht gewusst, wer die Frau sei, "aber nett war sie".

Nach einer knappen Stunde trägt sich die Ministerin in das Gästebuch der Einrichtung ein. "Das ist ein wirklich beeindruckendes Projekt", sagt sie. "Die Betonung der praktischen Ausbildung ist für diese jungen Menschen eine wertvolle Erfahrung." BTC-Leiter Höse besteht noch auf einem Gruppenfoto zum Abschied, dann muss Schavan weiter.

Als sie gefahren ist, bleibt Höse noch auf dem Hof stehen. Wie er Schavan erlebt habe? "Offen und interessiert", sagt er. Aber halt auch, fängt er an, na ja, wie soll er das jetzt sagen? "Ein wenig angespannt, die ganze Sache bleibt ja auch nicht in ihren Klamotten hängen." Sie selbst hatte Ende Januar erklärt, die Vorwürfe würden sie "ins Mark" treffen. Eigentlich wollte er nur über die Initiative reden, aber diese Plagiatsaffäre bewegt ihn dann doch zu sehr. "Ich kann diesen Vorgang nur sehr schwer nachvollziehen", platzt es aus ihm heraus. Der gelernte Schreiner mag Menschen, die anpacken, und Schavan scheint ihm ein solcher Mensch zu sein.

Lächeln, über Stunden

Höse hat jahrelang an Entwicklungsprojekten im Kosovo und Lesotho mitgearbeitet. Seit eineinhalb Jahren leitet er das BTC in Soweto. Ein Mann, der voller Begeisterung über junge dunkelhäutige Unternehmer reden kann und mit Spott über weiße Südafrikaner, die sich nicht trauen, einen Fuß nach Soweto zu setzen.

"Was mit Schavan passiert, ist doch menschenverachtend", sagt der 60-Jährige. "In Deutschland gibt es kaum noch Respekt vor der Leistung anderer. Man sucht nach solchen Sachen, stürzt sich darauf, und die Verdienste des Menschen werden dann einfach ignoriert." Mit 48 Jahren hatte er noch einmal studiert, jetzt ist er Betriebswirt des Handwerks. Aber für ihn zählt die Tat, nicht der Titel. Er hoffe, sagt Höse, dass Schavan nicht von ihrem Amt zurücktrete.

An diesem Donnerstag wird die Ministerin in Kapstadt erwartet, dem letzten Stopp vor ihrer Rückreise nach Berlin. Tagsüber will sie die Cape-Peninsula-Universität für Technologie besuchen, am Abend vergibt sie bei einem Empfang der Deutschen Botschaft den Humboldt-Forschungspreis, bei dem drei herausragende afrikanische Forscher ausgezeichnet werden. Wieder Dutzende Hände schütteln. Diskussionen, Small Talk – und lächeln, über Stunden hinweg, auch wenn es in diesen Tagen schwerfällt. Ministerpflichten.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Multimedia
Auslandsreise

Annette Schavan ungerührt in Afrika

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Ice Bucket Challenge So cool ist Helene Fischer
Ex-Präsident Hier wird George W. Bush nass gemacht
Toter US-Journalist Wut und Entsetzen - Reaktionen auf Foleys Tod
Bombensprengung Weltkriegsbombe reißt riesiges Loch in die A3
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Schlammlawine

Viele Tote bei Erdrutsch in Hiroshima

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote