06.02.13

Plagiatsverfahren

Haben wissenschaftliche Standards noch Bestand?

Nach der Düsseldorfer Entscheidung im Fall Schavan stellt sich die Frage nach den Standards für wissenschaftliche Arbeiten.

Von Kristian Frigelj und Thomas Vitzthum

In der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf kann das Bild der hehren, anständigen, tadellosen Wissenschaft leicht Risse bekommen. An den riesigen Pinnwänden können Studenten zwischen all den Zetteln auch Unterstützung finden beim Verfassen von Diplom- und Doktorarbeiten.

Jemand hat gegen eine Bezahlung sogar "Ghostwriting" angeboten: "Ich (Promotion Philosophie) kann dich kurzfristig, diskret und hochwertig unterstützen." Man müsste einen der hellgrünen Schnipsel abreißen und an die angegebene Mail-Adresse schreiben.

An vielen Stellen lauert die Versuchung, fremde und womöglich fragwürdige Hilfe in Anspruch zu nehmen. Hinter den Milchglastüren des Dekanats, wo schemenhaft zwei Wachleute zu sehen sind, beschäftigte man sich in den vergangenen Wochen allerdings längst nicht mehr mit kleinen Rissen im Bild von Wissenschaft, sondern mit möglichen Abgründen.

Zum zweiten Mal berät am Dienstag Abend der Fakultätsrat mit seinen 15 stimmberechtigten Mitgliedern hinter verschlossenen Türen über die Aberkennung des Doktortitels von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU).

Keine Fragen, bitte

Nach fast sechs Stunden tritt der Dekan und Ratsvorsitzende, Bruno Bleckmann, im Foyer der Fakultät vor die Presse. Nachfragen sind wieder einmal nicht zugelassen. Bleckmann braucht etwas mehr als sieben Minuten, um ein vernichtendes Urteil zu verkünden: Der Fakultätsrat habe "heute die Entscheidung getroffen, die schriftliche Promotionsleistung von Frau Schavan für ungültig zu erklären und ihr den Doktorgrad zu entziehen".

Damit kommt das seit rund neun Monaten schwelende Verfahren zu einem vorläufigen Abschluss. Erste Anschuldigungen, Annette Schavan habe in ihrer 1980 eingereichten Arbeit "Person und Gewissen" gegen die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens verstoßen, wurden im Mai vergangenen Jahres anonym im Internet erhoben.

Die Entscheidung der Universität ist keine Überraschung. Nicht weil die Anschuldigungen so gravierend gewesen wären, dass kein anderes Urteil denkbar war. Anders als im Plagiatsfall des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gehen die Einschätzungen über Schavans Arbeit in der Wissenschaftsszene weit auseinander. Ihre Verteidiger dürften sich nun berufen fühlen, Schavan zu verteidigen.

Stürmische Zeiten drohen

Die Heinrich-Heine-Universität muss sich auf stürmische Zeiten einstellen. Denn souverän hat sie das Verfahren nicht gemeistert. Das Gutachten des Prodekans der Philosophischen Fakultät, Stefan Rohrbacher, gelangte früh an die Öffentlichkeit – noch bevor Schavan oder der Promotionsausschuss davon Kenntnis hatten. Aufforderungen einen zweiten Gutachter zu bestellen, wie sie aus der Politik aber auch von Seiten wichtiger Wissenschaftsorganisationen erhoben wurden, kam die Hochschule ebenfalls nicht nach.

Wenige Tage vor der entscheidenden Sitzung wurde dann noch ein Büchlein von unbekannter Stelle der Presse zugespielt, in dem die Zitierregeln für das Fach Erziehungswissenschaft zur Zeit von Schavans Promotion dargelegt wurden. Beobachter interpretierten dies als den letzten Hinweis für die bevorstehende Aberkennung des Titels, gewissermaßen als finale Rechtfertigung.

Zu erwarten ist nun eine Debatte über die Standards wissenschaftlichen Arbeitens. Die Bewertung von Abschlüssen ist nach wie vor von Bundesland zu Bundesland, ja von Uni zu Uni verschieden. Der Spielraum für Einzelentscheidungen ist groß. Ein neues, bundesweit gültiges Abschluss- und Zulassungs-Rahmengesetz gibt es nicht, auch weil es Schavan in ihrer Amtszeit versäumt hat, einen entsprechenden Vorstoß zu unternehmen. Sie fürchtete unangenehmen Widerstand – vor allem von den unionsgeführten Ländern.

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Doktortitel entzogen Soll Annette Schavan als Bildungsministerin zurücktreten?

  • 83%

    Ja

  • 14%

    Nein

  • 3%

    Ist mir egal

Abgegebene Stimmen: 227
Plagiatsverfahren gegen Schavan - eine Chronologie
  • Plagiatsverfahren

    Mehr als 30 Jahre nach ihrer Doktorarbeit ist Bundesbildungsministerin Anette Schavan (CDU) mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert. Am Dienstag teilte die Universität Düsseldorf mit, dass ihr der Doktortitel entzogen wird. Eine Chronologie der Ereignisse:

  • September 1980

    Annette Schavan reicht im Alter von 24 Jahren ihre erziehungswissenschaftliche Dissertation „Person und Gewissen“ an der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf ein. Die Arbeit wird mit „sehr gut“ benotet.

  • 29. April 2012

    Auf einer Internetplattform wird anonym der Vorwurf des Plagiats gegen Schavan erhoben.

  • 2. Mai

    Die Universität Düsseldorf beauftragt die zuständige Promotionskommission, die Vorwürfe zu prüfen.

  • 10./11. Mai

    Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht Schavan ihr Vertrauen aus.

  • 27. September

    Der Vorsitzende des Promotionsausschusses, Professor Stefan Rohrbacher, legt intern einen Sachstandsbericht vor. Das Ergebnis: An zahlreichen Stellen der Arbeit sei plagiiert worden. Es liege eine systematische Vorgehensweise und damit eine Täuschungsabsicht vor.

  • 14. Oktober

    Der „Spiegel“ zitiert aus dem vertraulichen Bericht Rohrbachers. Schavan weist eine Täuschungsabsicht zurück.

  • 15./16. Oktober

    Merkel spricht Schavan erneut das Vertrauen aus. Rückendeckung bekommt sie auch von ihrem Doktorvater Gerhard Wehle. Auf der Suche nach der undichten Stelle erstattet die Universität Strafanzeige gegen unbekannt wegen des Verdachts auf Weitergabe vertraulicher Informationen.

  • 17. Oktober

    Die Prüfungskommission berät über den internen Bericht Rohrbachers.

  • 10. November

    Schavan reicht nach Informationen der „Rheinischen Post“ bei der Uni Düsseldorf eine schriftliche Stellungnahme ein, in der sie den Vorwurf des Plagiats bestreitet.

  • 18. Dezember

    Die Promotionskommission empfiehlt nach Prüfung der Arbeit und Anhörung Schavans, ein Verfahren zur Aberkennung des Doktortitels zu eröffnen. Befinden muss darüber der Rat der Philosophischen Fakultät.

  • 22. Januar

    Der Fakultätsrat stimmt mit 14 Ja-Stimmen bei einer Enthaltung für die Einleitung des Hauptverfahrens zur möglichen Aberkennung des Doktortitels. Für den 5. Februar setzt der Rat eine weitere Sitzung an.

  • 31. Januar

    Schavan räumt im „Zeitmagazin“ Flüchtigkeitsfehler in ihrer Doktorarbeit ein, weist den Vorwurf des Plagiats oder der Täuschung aber erneut zurück.

  • 5. Februar

    Der zuständige Fakultätsrat der Universität Düsseldorf stimmt im Plagiatsverfahren für die Aberkennung des Doktortitels. Schavan hält sich zu politischen Gesprächen in Südafrika auf. Quelle: dpa

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