06.02.2013, 07:39

Kommentar Gescheitert an den eigenen akademischen Maßstäben


Für Bundesbildungsministerin Annette Schavan sieht es dunkel aus, was ihre Zukunft in der Bundesregierung anbetrifft

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Für Bundesbildungsministerin Annette Schavan sieht es dunkel aus, was ihre Zukunft in der Bundesregierung anbetrifft Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Von Torsten Krauel

Die Aberkennung von Annette Schavans Doktortitel ist heikel. Dennoch kommt sie um einen Rücktritt nicht herum, findet Torsten Krauel.

Annette Schavan wird um Konsequenzen aus der Aberkennung ihres Doktorgrads nicht herumkommen. Anlässlich der Debatte um Karl-Theodor zu Guttenberg hatte Schavan das Prüfungsverfahren der Universität Bayreuth gelobt. Schavans Argument war, dass die Wissenschaft unabhängig und glaubwürdig sein müsse.

In der "Süddeutschen Zeitung" verwies die Ministerin auf ihre eigene Dissertation: "Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich." Schavan hatte sich damit, wie manche nun finden, weit vorgewagt, obwohl ihre Äußerung damals viele begrüßten.

Schavan ist kein Paradebeispiel

Die Aberkennung ist trotzdem heikel. Die strittigen Passagen ihrer Arbeit sind nicht nur Flüchtigkeitsfehler, aber sie sind auslegungsfähig. Was sich wissenschaftlich gehört, war schon zu Einsteins Zeiten klar. Aber Schavan ist kein Paradebeispiel für vorsätzliche Täuschung. Die Passagen können als unredigiert eingefügte Zettelnotiz interpretiert werden, als Bemühen um möglichst exakte Wiedergabe des Forschungsstands, oder eben als Plagiat. Das wäre ein Grund zu Vorsicht beim Urteil gewesen.

Die Universität Düsseldorf hat sich für scharfe Eindeutigkeit entschieden. Nach der Promotionsordnung steht ihr das frei. Aber weil das nordrhein-westfälische Verwaltungsverfahrensgesetz die Rechtsgrundlage dafür war, ist der Schritt auch infam.

Im Landesgesetz gilt eine Verjährungsfrist von 30 Jahren, die im Fall der Zuerkennung des Doktorgrads an Schavan seit drei Jahren verstrichen ist. Das Schlupfloch für die Aberkennung ist die Bestimmung, ein Bekanntwerden neuer Umstände hemme die Verjährung oder lasse sie sogar neu anlaufen.

Um einen Rücktritt kommt die Ministerin nicht herum

Die Passagen in der Doktorarbeit sind aber nicht neu. Sie liegen seit 1980 zu Tage, die zitierten Werke sogar noch länger. Annette Schavan wird härter angefasst als Steuersünder, die ihr Vermögen vorsätzlich durch immer neue Lügen verschleiern.

Solche Sünder genießen 13 Jahre nach dem Veranlagungszeitpunkt Immunität. Schavan hingegen wird Ähnliches nach 33 Jahren verwehrt – in einem Fall, der von Steuerhinterziehung Lichtjahre entfernt ist. Das ist nicht in Ordnung.

Dennoch hat sie jetzt kaum eine Wahl. Nach ihrem eigenen Maßstab müsste sie ihr Amt vorerst ruhen lassen.

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