05.02.13

Plagiatsvorwurf

Doktortitel aberkannt - Schavan stürzt Koalition in Krise

Die Uni Düsseldorf hat Schavan den Doktortitel entzogen. Das hat auch Auswirkungen auf Schwarz-Gelb. Rufe nach einem Rücktritt werden laut.

Foto: dpa

Doktortitel aberkannt: Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) will gegen die Entscheidung juristisch vorgehen
Doktortitel aberkannt: Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) will gegen die Entscheidung juristisch vorgehen

Die Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität erkennt Bundesbildungsministerin Annette Schavan den Doktortitel ab. Der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät habe dies am Dienstag mit zwölf Ja-Stimmen bei zwei Nein-Stimmen und einer Enthaltung entschieden, sagte Dekan Bruno Bleckmann.

Schavan habe "systematisch und vorsätzlich gedankliche Leistungen vorgegeben, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hat", sagte Bleckmann. Damit dürfte die 57-Jährige als Ministerin schwerlich zu halten sein – auch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), als deren Vertraute sie gilt, ihr mehrfach das Vertrauen aussprach. Schavan steht nach der Aberkennung der Promotion ohne jeden Studienabschluss da.

Doch sie reagierte prompt auf die Hiobsbotschaft: Über ihre Rechtsanwälte ließ sie erklären, dass sie gegen die Entscheidung vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf klagen werde: "Die Entscheidung ist in einem fehlerhaften Verfahren zustande gekommen und sie ist auch materiell rechtswidrig." Schavans Anwälte begründen dies mit umstrittenen Indiskretionen im Prüfungsverfahren: "Die gesetzlich vorgeschriebene Vertraulichkeit des Verwaltungsverfahrens wurde durch mehrfache selektive Information der Öffentlichkeit verletzt.

Anwälte gehen in die Offensive

Die gebotenen Ermittlungen zur Feststellung einer Täuschung der Gutachter im damaligen Promotionsverfahren sind unterblieben. Förmlich gestellte Beweisanträge, die sich darauf beziehen, wurden übergangen. Das gilt beispielsweise auch für den Antrag auf Einholung eines externen Fachgutachtens", heißt es in der Erklärung.

"Eine Täuschung hat es nicht gegeben." Schavans Anwälte halten die Entscheidung zudem für "unverhältnismäßig". Es gebe gemessen am Umfang der Doktorarbeit und der Literaturnachweise nur eine "geringfügige Zahl behaupteter Zitierverstöße, die sich zudem fast alle im referierenden Teil der Arbeit befinden". Dies rechtfertige nicht die Rücknahme der Promotion".

Die unangenehme Nachricht erreichte Annette Schavan fern der Heimat. Während das zuständige Gremium an der Düsseldorfer Universität nach stundenlangen Beratungen seine Entscheidung fällte, weilte die Bildungsministerin in Südafrika. Dort wollte sie mit Politikern und Forschern über Wissenschaftskooperationen reden.

Ruf nach Rücktritt

In der SPD wurde der Ruf nach einem Rücktritt Schavans laut. Der bildungspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Ernst Dieter Rossmann, sagte der "Berliner Zeitung", mit dem Verlust des Doktortitels habe Schavan nicht mehr die Überzeugungskraft, um als Vorbild zu dienen. Seine Linke-Kollegin Petra Sitte forderte Schavan auf, die Konsequenzen zu ziehen.

Aus den Regierungsparteien wurde das Verfahren dagegen als unfair kritisiert. "Die letzten neun Monate waren von Mutmaßungen und mangelnder Fairness, von frühzeitigen Veröffentlichungen und einem Vorgehen geprägt, das mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben hat", kritisierte der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Patrick Meinhardt. Der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Fraktion, Michael Kretschmer, sprach von einer politisch motivierten Kampagne gegen eine erfolgreiche Ministerin.

Die Uni hatte das Hauptverfahren zur Aberkennung des Titels vor zwei Wochen eingeleitet. Die Prüfung der Arbeit "Person und Gewissen" dauerte aber bereits rund neun Monaten an. Als Vorinstanz hatte die Promotionskommission die Dissertation Schavans geprüft und das Aberkennungsverfahren empfohlen. Dekan Bleckmann sagte, der Rat lehne es ab, an die Arbeit aus dem Jahr 1980 andere Maßstäbe anzulegen als heutzutage. Schavan habe in ihrer schriftlichen Stellungnahme zu der umstrittenen Dissertation auf "Besonderheiten" der Promotionskultur der 80er Jahre hingewiesen.

Vorwürfe immer zurückgewiesen

Klar sei aber, dass die Zitierstandards der Erziehungswissenschaft zum Entstehungszeitpunkt der Arbeit die gleichen gewesen seien wie in der übrigen philosophischen Fakultät. In einschlägigen Leitfäden sei deutlich gemacht, dass nicht gekennzeichnete wörtliche Übernahmen fremder Texte als Textplagiate zu werten seien und Sanktionen nach sich ziehen müssten.

Die CDU-Politikerin hat die erstmals im vergangenen Mai im Internet aufgetauchten Plagiatsvorwürfe immer wieder zurückgewiesen und erklärt, sie wolle auch nach der Bundestagswahl Ministerin bleiben. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich hinter Schavan gestellt und betont, sie habe volles Vertrauen in die Arbeit der Ministerin.

Offen ist jedoch, wie es politisch mit ihr weitergeht. Beim Bundesparteitag der CDU in Hannover hatte sie sich von ihrem Amt als stellvertretende CDU-Vorsitzende zurückgezogen. Doch Ende Januar nominierte die CDU in Ulm die Ministerin mit einem Rekordergebnis wieder für den Bundestag. Ihre Lust auf Politik sei ungebrochen, sagte sie unlängst.

>>> Die Erklärung der Universität Düsseldorf in Gänze finden Sie hier <<<

Quelle: BM
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Doktortitel entzogen Soll Annette Schavan als Bildungsministerin zurücktreten?

  • 83%

    Ja

  • 14%

    Nein

  • 3%

    Ist mir egal

Abgegebene Stimmen: 227
Plagiatsverfahren gegen Schavan - eine Chronologie
  • Plagiatsverfahren

    Mehr als 30 Jahre nach ihrer Doktorarbeit ist Bundesbildungsministerin Anette Schavan (CDU) mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert. Am Dienstag teilte die Universität Düsseldorf mit, dass ihr der Doktortitel entzogen wird. Eine Chronologie der Ereignisse:

  • September 1980

    Annette Schavan reicht im Alter von 24 Jahren ihre erziehungswissenschaftliche Dissertation „Person und Gewissen“ an der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf ein. Die Arbeit wird mit „sehr gut“ benotet.

  • 29. April 2012

    Auf einer Internetplattform wird anonym der Vorwurf des Plagiats gegen Schavan erhoben.

  • 2. Mai

    Die Universität Düsseldorf beauftragt die zuständige Promotionskommission, die Vorwürfe zu prüfen.

  • 10./11. Mai

    Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht Schavan ihr Vertrauen aus.

  • 27. September

    Der Vorsitzende des Promotionsausschusses, Professor Stefan Rohrbacher, legt intern einen Sachstandsbericht vor. Das Ergebnis: An zahlreichen Stellen der Arbeit sei plagiiert worden. Es liege eine systematische Vorgehensweise und damit eine Täuschungsabsicht vor.

  • 14. Oktober

    Der „Spiegel“ zitiert aus dem vertraulichen Bericht Rohrbachers. Schavan weist eine Täuschungsabsicht zurück.

  • 15./16. Oktober

    Merkel spricht Schavan erneut das Vertrauen aus. Rückendeckung bekommt sie auch von ihrem Doktorvater Gerhard Wehle. Auf der Suche nach der undichten Stelle erstattet die Universität Strafanzeige gegen unbekannt wegen des Verdachts auf Weitergabe vertraulicher Informationen.

  • 17. Oktober

    Die Prüfungskommission berät über den internen Bericht Rohrbachers.

  • 10. November

    Schavan reicht nach Informationen der „Rheinischen Post“ bei der Uni Düsseldorf eine schriftliche Stellungnahme ein, in der sie den Vorwurf des Plagiats bestreitet.

  • 18. Dezember

    Die Promotionskommission empfiehlt nach Prüfung der Arbeit und Anhörung Schavans, ein Verfahren zur Aberkennung des Doktortitels zu eröffnen. Befinden muss darüber der Rat der Philosophischen Fakultät.

  • 22. Januar

    Der Fakultätsrat stimmt mit 14 Ja-Stimmen bei einer Enthaltung für die Einleitung des Hauptverfahrens zur möglichen Aberkennung des Doktortitels. Für den 5. Februar setzt der Rat eine weitere Sitzung an.

  • 31. Januar

    Schavan räumt im „Zeitmagazin“ Flüchtigkeitsfehler in ihrer Doktorarbeit ein, weist den Vorwurf des Plagiats oder der Täuschung aber erneut zurück.

  • 5. Februar

    Der zuständige Fakultätsrat der Universität Düsseldorf stimmt im Plagiatsverfahren für die Aberkennung des Doktortitels. Schavan hält sich zu politischen Gesprächen in Südafrika auf. Quelle: dpa

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