01.02.13

Katholische Kirche

Kardinal Meisner ändert Haltung zur Pille danach

Ausgerechnet einer der radikalsten Abtreibungsgegner schwenkt beim Thema "Pille danach" um. Seine Kritiker vermuten eine Taktik dahinter.

Foto: dpa

Und er bewegt sich doch: Kardinal Meisner hat Mediziner zurate gezogen und seine Linie geändert
Und er bewegt sich doch: Kardinal Meisner hat Mediziner zurate gezogen und seine Linie geändert

Was ist los mit Kardinal Meisner? Der radikale Abtreibungsgegner Klaus Günter Annen versteht die Welt nicht mehr, seit der Kölner Erzbischof am Donnerstag eine Kehrtwende bei der "Pille danach" vollzogen hat. "Das ist 'ne Katastrophe, was der liebe Kardinal da produziert hat", schimpft er. "Entweder er hat's nicht richtig verstanden oder seine Berater haben ihn gelinkt!"

Viele trauten ihren Augen nicht, als ausgerechnet der politisch unkorrekteste Kirchenmann der Republik schriftlich mitteilte: "Wenn nach einer Vergewaltigung ein Präparat, dessen Wirkprinzip die Verhinderung einer Zeugung ist, mit der Absicht eingesetzt wird, die Befruchtung zu verhindern, dann ist dies aus meiner Sicht vertretbar." Und sie bewegt sich doch, möchte man meinen – in diesem Fall nicht die Erde, sondern die Kirche.

Die Mitteilung kommt zwei Wochen nach Bekanntwerden des Falles einer jungen Frau, die in Köln nach einer Vergewaltigung an zwei katholischen Krankenhäusern abgewiesen wurde. Die Ärzte hatten Angst, Probleme mit ihrem Arbeitgeber zu bekommen, wenn sie die Frau in einem Beratungsgespräch auf die "Pille danach" hinweisen würden. Denn diese Pille war aus Sicht der Kirche bisher tabu.

Vertretbar sind den Eisprung hinauszögernde Pillen

Noch vor zwei Wochen erklärte Meisners Sprecher Christoph Heckeley: "Die 'Pille danach' hat eine abtreibende Wirkung." Die Zurückweisung der Frau stieß überall auf Empörung. Meisner entschuldigte sich, zeigte sich "beschämt". Alice Schwarzer warf ihm jedoch Scheinheiligkeit vor, da er die "Pille danach" immer noch verdamme. Dabei gehe es hier nicht um Abtreibung, sondern um Empfängnisverhütung.

Meisner (79) hat daraufhin Mediziner zurate gezogen und seine Linie nun tatsächlich geändert. Zwar hält er weiterhin auch nach einer Vergewaltigung alle Medikamente für unzulässig, die das Einnisten einer bereits befruchteten Eizelle verhindern. Vertretbar sei es aber, den Eisprung hinauszuzögern.

Genau darauf beschränkt sich nach Angaben des Berufsverbandes der Frauenärzte die Wirkung neuester Pillen mit dem Wirkstoff Ulipristal. "Es ist eine relativ neue Entwicklung, und deshalb kann man der Kirche nicht unbedingt einen Strick daraus drehen, dass sie das zunächst nicht gewusst hat", sagt Verbandspräsident Christian Albring. "Wir haben von Anfang an gesagt: Wenn die Kirche mehr weiß, wird sie ihren Standpunkt revidieren."

Meisners Wende nur eine taktische Anpassung an die Realität?

Die katholische Bischofskonferenz wollte sich am Freitag noch nicht dazu äußern, ob Meisners neue Linie nun die allgemeine Haltung der katholischen Kirche wiedergibt. Inoffiziell ist aus Kirchenkreisen zu hören, es gebe schon noch Gesprächsbedarf. Das Erzbistum Köln betont, dass Meisner die anderen Bischöfe vorher einbezogen habe.

Hat Meisner nun die offizielle kirchliche Lehre angepasst? "Nein", sagt Eberhard Schockenhoff, Professor für Moraltheologie und Mitglied des Deutschen Ethikrates. Meisner habe lediglich zur Kenntnis genommen, dass es mittlerweile auch Pillen gebe, die mit der bestehenden Lehre zu vereinen seien.

Der Vatikan-Kritiker Hans Küng drückt es noch wesentlich drastischer aus: "Es wäre erfreulich, wenn es sich bei Meisners Aussage um eine grundsätzliche Wende der katholischen Kirchenleitung bezüglich Empfängnisverhütung und Abtreibung handelte. Leider geht es vielmehr um eine taktische Anpassung der rigorosen Kirchenlehre an die Realität angesichts der heftigen öffentlichen Reaktion auf die skandalöse Abweisung einer vergewaltigten Frau."

Quelle: BM/dpa
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