30.01.13

Holocaust-Gedenken

Inge Deutschkron ließ das Gefühl von Schuld nie los

Im Bundestag beeindruckte die Holocaust-Überlebende mit einer sehr persönlichen Rede. Bis heute fühlt sich die 90-Jährige schuldig.

Von Richard Herzinger
Foto: dapd

Bundespräsident Joachim Gauck bedankte sich bei Inge Deutschkron für ihre eindrucksvollen Worte
Bundespräsident Joachim Gauck bedankte sich bei Inge Deutschkron für ihre eindrucksvollen Worte

Bundespräsident Joachim Gauck stützt sie, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesratspräsident Winfried Kretschmann geben ihr Geleit. So betritt die 90-jährige Inge Deutschkron den Plenarsaal des Deutschen Bundestages.

Ihr hohes Alter erinnert daran, dass das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus bald ohne Zeitzeugen wird auskommen müssen. Für dieses Mal aber setzt Inge Deutschkron mit einer leisen, sehr persönlich gehaltenen Rede zum Holocaust-Gedenktag ein Beispiel, wie tief Opferberichte aus erster Hand berühren können.

Weil der internationale Holocaust-Gedenktag, der 27. Januar, dieses Jahr ein Sonntag war, hatte der Bundestag seine seit 1996 jährlich stattfindende Feierstunde zum Gedenken an die Opfer der NS-Vernichtungspolitik in die folgende Woche verlegt. Und so fiel die Sitzung auf ein weiteres geschichtsträchtiges Datum: den 30. Januar, den 80. Jahrestag des Machtantritts Adolf Hitlers.

Lammert übt Kritik an ARD und ZDF

Bundestagspräsident Norbert Lammert gab dieser doppelte Anlass die Gelegenheit, beide Daten in einer souveränen Einleitung miteinander zu verknüpfen. Der 30. Januar steht für ihn als Mahnung, dass uns unsere heutige Demokratie "nicht für immer geschenkt" sei. Sie müsse stets neu ausgestaltet und verteidigt werden.

Die Errichtung der NS-Diktatur sei kein "Betriebsunfall" gewesen, betonte Lammert. "Sie war weder zufällig noch zwangsläufig." Das Vernichtungslager Auschwitz, das am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde, nannte Lammert die "Chiffre" für den "Zivilisationsbruch", den der "staatlich organisierte Völkermord" der Nationalsozialisten bedeutet habe.

Der Bundestagspräsident nutzte seine Ansprache übrigens auch zu neuerlicher Kritik an ARD und ZDF. Zwar sei es zu begrüßen, dass Phönix die Gedenkstunde live übertrage, sagte Lammert. "Noch schöner" wäre es jedoch gewesen, hätten die öffentlich-rechtlichen Sender die Veranstaltung "einer breiteren Öffentlichkeit im Hauptprogramm" zugänglich gemacht, so die Anmerkung Lammerts. Die Abgeordneten applaudierten nach dieser Kritik lebhaft.

Mit dem Blick des Kindes

Sie blieb freilich der einzig kontroverse Aspekt dieser Feierstunde. Inge Deutschkron verzichtete weitgehend auf die Beschwörung von Lehren aus der Geschichte wie auf aktualisierende Analogien. Sie nahm den Blickwinkel des Kindes und der Jugendlichen ein, als die sie die Verfolgung durch das NS-Regime durchleben musste. Intensiv beschrieb sie, wie das war, mit einem gelben Stern – zu tragen "in Herzhöhe" – als dem Stigma "diskriminierender Isolation" herumlaufen zu müssen. Sie schilderte ihr damaliges Grübeln darüber, ob dieser "gelbe Lappen" womöglich "als Zielscheibe" gedacht gewesen sei.

Manche Menschen steckten ihr heimlich Lebensmittel zu, andere überschütteten sie mit hasserfüllten Worten und Gesten. Die meisten aber, sagte Inge Deutschkron, hätten einfach weggeguckt, sich weggeduckt.

"Müde und erschöpft"

Besonders eindringlich sind die Passagen über die Deportation der letzten Berliner Juden in die deutschen Vernichtungslager, der sie und ihre Mutter in Verstecken entkamen. "Dann waren sie alle weg, meine Familie, meine Freunde. Ich begann, mich schuldig zu fühlen. Dieses Gefühl von Schuld verfolgt mich bis heute, es ließ mich nie wieder los."

Inge Deutschkron, geboren 1922 im brandenburgischen Finsterwalde, aufgewachsen seit 1927 in Berlin, ging nach dem Krieg nach England zu ihrem Vater, der 1939 auf die Insel hatte emigrieren können.

Sie fand ihn, den sie als kämpferischen Sozialdemokraten gekannt hatte, "müde und erschöpft". Täglich wartete der Lehrer, den man 1933 aus dem Schuldienst entfernt hatte, darauf, wieder nach Deutschland zurückgerufen zu werden – vergeblich. Schließlich entschloss er sich, die britische Staatsangehörigkeit anzunehmen. Als er das Dokument in Händen hielt, so beobachtete es die Tochter, sah er einsam schweigend zum Fenster hinaus. Mit der Frage, was in diesem Moment wohl in ihm vorgegangen sein mag, endete Inge Deutschkrons nachdenklicher Vortrag.

Eine schlagfertige Berlinerin

"Lass dir nichts gefallen", hatte ihre Mutter ihr einst auf den Weg gegeben. Daran hat sich Inge Deutschkron gehalten. Als Korrespondentin der israelischen Zeitung "Ma'ariv" (was so viel heißt wie Abendzeitung) war sie in den späten 50er- und in den 60er-Jahren Korrespondentin in Bonn, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Dort erlebte sie die deutschen Nachkriegs-Verdrängungsübungen, nicht ohne dagegen aufzubegehren und gegen das Vergessen zu kämpfen. Im Jahr 1972 zog sie – abgestoßen nicht zuletzt durch die antiisraelische Haltung der 68er, von denen sie eigentlich positiv gedacht hatte – nach Israel.

Erst 1988, als das Grips-Theater ihre Erinnerungen zu dem Stück "Ab heute heißt du Sara" bearbeitete, kam sie nach Berlin zurück. Dass die waschechte, schlagfertige Berlinerin schließlich hierblieb, ehrt die Stadt wie die ganze Republik.

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