29.01.13

US-Außenminister

Wie das Nachkriegs-Berlin John Kerrys Kindheit prägte

Hillary Clinton nimmt Abschied. Ihr designierter Nachfolger kam als elf Jahre altes US-Diplomatenkind in die geteilte Frontstadt.

Foto: dapd

Die scheidende US-Außenministerin Hillary Clinton beglückwünscht John Kerry nach seiner Nominierung
Die scheidende US-Außenministerin Hillary Clinton beglückwünscht John Kerry nach seiner Nominierung

Die Diagnose der politischen Beobachter in Washington ließ keine zwei Meinungen zu: Barack Obama hätte seiner scheidenden Außenministerin kein schöneres Abschiedsgeschenk bereiten können als mit diesem gemeinsamen Fernsehinterview, das Sonnabend bei CBS gesendet wurde.

Schließlich lobte der US-Präsident seine frühere Konkurrentin Hillary Clinton da derart über den grünen Klee, dass das gleich wieder die Spekulationen um eine mögliche Kandidatur Clintons bei den Wahlen in vier Jahren anheizte. Denn Obama darf dann nicht noch mal antreten.

Großartige Jahre

Der tat zwar die Frage nach einer möglichen Nachfolgerin Clinton mit einem Lachen und dem Hinweis darauf ab, dass er doch gerade mal vor vier Tagen vereidigt worden sei ("Ihr Leute von der Presse seid unbelehrbar"). Aber Obama dürfte klargewesen sein, dass er mit diesem im Weißen Haus aufgezeichneten Auftritt zumindest indirekt das Signal setzte, dass er sich Hillary Clinton als seine Nachfolgerin wünscht. Obama begründete den Auftritt mit Clinton damit, dass er ihr für ihre Arbeit öffentlich danken wollte: "Ich glaube, dass Hillary als eine der ausgezeichnetesten Außenministerinnen in die Geschichte eingehen wird", sagte der Präsident. Die Zusammenarbeit in den vergangenen vier Jahren sei "großartig" gewesen. Als eine seiner "wichtigsten Berater" habe die Außenministerin eine "außergewöhnliche Rolle" in seiner Regierung gespielt, sagte Obama.

Die 65-jährige Clinton hatte bereits vor Obamas Wiederwahl im November angekündigt, nicht für eine zweite Amtszeit im Kabinett des Präsidenten zur Verfügung zu stehen. Mehrfach erklärte die Frau des früheren Präsidenten Bill Clinton, nach zwei Jahrzehnten als First Lady, Senatorin und Außenministerin eine "Auszeit" von der großen Politik nehmen zu wollen. In dem Interview mit Obama sorgte Clinton nun aber dafür, dass sie mit Blick auf 2016 weiter alle Karten in der Hand behält. Denn der direkten Frage nach ihren Plänen wich sie aus: Sie beteilige sich nicht an politischen Spielchen, sagte Clinton, allerdings liege ihr weiter sehr am Herzen, "was in Zukunft mit unserem Land geschieht". "Ich kann keine Voraussage machen, was morgen oder nächstes Jahr passiert", sagte sie.

Zunächst aber wird John Kerry die Amtsgeschäfte Clintons übernehmen, die voraussichtlich am Freitag ihren letzten Tag hat. Für den neuen obersten Diplomaten der Vereinigten Staaten schließt sich spätestens dann ein Kreis, wenn er zum Antrittsbesuch nach Berlin kommt. Denn hier unternahm Kerry seine ersten "Ausflüge" in die Weltpolitik – als kleiner Junge per Fahrrad durch das Nachkriegsberlin. Seine Eltern lebten hier zwei Jahre, nachdem sein Vater Richard 1954 als Rechtsberater an das US-Hochkommissariat in Dahlem versetzt wurde, in dem sich heute das US-Generalkonsulat befindet. Kerry selbst sprach häufiger über diese Zeit, er sagte auch einmal: "Was ich dort gelernt habe, hat mich ein Leben lang begleitet."

Kerry war elf Jahre alt, als er nach Berlin kam. "Ich habe unvergessliche Erinnerungen, wie ich als Kind fasziniert war von den britischen, französischen und amerikanischen Soldaten, die alle ihren Teil der Stadt bewachten. Und wie die Russen an dem kahlen Streifen Wache schoben, der Ost und West trennte", erzählte Kerry. "Ich bin Fahrrad gefahren, durch den Grunewald und zu den Trümmern von Hitlers Bunker. Im Sommer badeten wir im Wannsee. Es war ein großes Abenteuer." Kerry erlebte die Stadt nach der Blockade, das Brandenburger Tor war noch zerstört, die Mauer noch nicht errichtet. "Einmal bin ich mit dem Fahrrad in den Ostsektor gefahren. Ich wollte wissen, wie es im Sozialismus so ist." Das aber habe dann sein Vater mit Hausarrest bestraft.

Zugfahrten durch die DDR

Kerry erinert sich auch daran, wie seine Familie bei einem Segelausflug auf der Havel mal in Panik geriet, weil ihr Boot auf das von der Sowjetunion kontrollierte Ufer zudriftete. Überhaupt sei seine Mutter immer nervös gewesen, wenn der Vater sich abends verspätete. Seine Eltern entschieden daraufhin, dass er in einem Internat in der Schweiz am besten aufgehoben sei. Doch auch von dort unternahm der designierte neue US-Außenminister ab und zu aufregende Reise nach Berlin: In Frankfurt musste er dann immer in einen Militärzug umsteigen, der die DDR nur mit verdunkelten Fenstern durchqueren durfte. Wenn Kerry also das erste Mal mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zusammentrifft, die in der DDR aufwuchs, könnten sich beide einiges zu erzählen haben.

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