28.01.13

Late Night

Jauchs Sexismus-Talk am Rande der Peinlichkeiten

Rainer Brüderle ist der Mann der Stunde – jedoch höchst unfreiwillig. Auch bei Jauch ging es um das "Stern"-Porträt von Laura Himmelreich. Leider traute sich die Journalistin nicht selbst ins Studio.

Von Ralf Dargent
Foto: dpa

Die "Herrenwitz"-Geschichte über Rainer Brüderle hat schon Tage nach ihrem Erscheinen einen Platz in der bewegten Geschichte der Illustrierten sicher. Da kam auch Günther Jauch nicht an dem Thema vorbei. Hier sitzt er neben Anne Wizorek, die auf Twitter die Initiative #Aufschrei initiiert hatte.

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Wann wurde über den "Stern" seit dem Desaster mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern je so oft gesprochen wie jetzt? Die "Herrenwitz"-Geschichte über Rainer Brüderle hat schon Tage nach ihrem Erscheinen einen Platz in der bewegten Geschichte der Illustrierten sicher.

Auch Günther Jauch stieg auf das Thema ein: Er schmiss kurzfristig das Thema "In Gottes Namen - wie gnadenlos ist der Konzern Kirche?" aus dem Programm, um über Brüderles angebliche Anzüglichkeiten zu diskutieren.

Es passiert selten, dass Jauchs Team so spontan reagiert. Eine Adelung für die junge Journalistin Laura Himmelreich, die mit ihrem Porträt über Brüderle das Thema der Stunde gesetzt hat. Leider kam Himmelreich nicht selbst zu Jauch. Nachdem sie ihr eigenes Erleben so stark in ein Urteil über die Person Brüderles eingebracht hat, fehlt ihr nun offensichtlich der Mut, die Geschichte hinterfragen zu lassen.

Osterkorn vertritt Himmelreich

Für Himmelreich kam ihr Chefredakteur Thomas Osterkorn. Der sagte, dass die ganze Story nicht auf dieser einen, geschilderten Erfahrung von vor einem Jahr beruht.

Es handle sich um "das Substrat aus einer einjährigen Beobachtung" - ein Grund mehr zu bedauern, dass statt der jungen Frau ihr doppelt so alter und männlicher Chef kam. Es zeigte sich nämlich, dass die "Herrenwitz"-Geschichte eine Geschichte ist, die vom Prinzip wie ein Spiegel wirkt: Jeder, der hineinsieht, bekommt auch ein Bild von sich selbst zurück.

Bei Himmelreich ist es das Bild der Begegnung mit Brüderle. Bei Osterkorn ist es dagegen das Bild des Chefredakteurs: Er hat bemerkt, dass seine Mitarbeiterin einen Nerv von Millionen Menschen getroffen hat. Die nächste Titelgeschichte ist schon dem alltäglichen Sexismus reserviert - wesentlich mehr hatte Osterkorn in der Runde nicht beizutragen.

Dafür gaben Literaturkritiker Hellmuth Karasek, die Feministin Alice Schwarzer, die Journalistin Wibke Bruhns, die FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin sowie Anne Wizorek bei Jauch wieder, was sie aus der Story lesen.

Twitter-Hashtag "Aufschrei" explodiert

Wizorek ist Kommunikationsberaterin und hat bei Twitter nach dem "Stern"-Bericht den Hashtag "Aufschrei" initiiert, unter dem seither Tausende Erfahrungen mit dem alltäglichen Sexismus veröffentlichten. Wizorek ist 31 Jahre alt und gehört damit zur Frauengeneration der "Stern"-Journalistin. Ihr Empfinden über Brüderle dürfte dem Himmelreichs innerhalb der Runde am nächsten kommen.

"Wir leben in einer sexistischen Gesellschaft", sagte Wizorek und erklärte sich so den Erfolg ihres Onlineaufrufs. "Explodiert" sei dieser über Nacht. Es zeige sich hier das Redebedürfnis über ein offensichtlich bestehendes Problem.

So engagiert Wizorek sprach, so wenig Verständnis bekam sie von Wibke Bruhns. Die 74-Jährige hat die Geschichte über Brüderle gelesen, jedoch völlig anders als Wizorek empfunden: Die Story als solche fand sie schwach, sagte die als erste Moderatorin der ZDF-Nachrichtensendung "heute" zu Bekanntheit gekommene Bruhns.

Auch über den angeblichen Brüderle-Satz "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen" beim Blick auf Himmelreichs Busen denkt die ehemalige Berichterstatterin der Bonner Republik ganz anders als die "Stern"-Autorin: "Es ist ja nicht so, dass wir Opfer sind, was soll das denn", echauffierte sich Bruhns. "Man kann sich ohne Schwierigkeiten wehren."

Karaseks 70er-Jahre-Gag

Bruhns und Karasek waren zusammen mit Alice Schwarzer die ältesten Diskussionsteilnehmer. Und die beiden lieferten unbewusst eine Erklärung dafür, warum der Sexismus in der von Männern geprägten Gesellschaft der vergangenen Jahrzehnte so gut funktioniert hat.

Bruhns versuchte jede Problematisierung abzutun. Allein durch die Natur von Mann und Frau werde es dabei bleiben – ansonsten müsse aus dem Stier ein Ochse werden. Karasek wiederum wand sich altväterlich, um nur ja nicht die jungen Damen in der Runde zu beleidigen.

Doch seine eigene Haltung illustrierte er mit einem eigenen Herrenwitz, der den zigarrenschwangeren Mief der 70er Jahre trug: "Im Kino wird es dunkel. Eine Frauenstimme sagt: Nehmen Sie sofort die Hand da weg! Nicht Sie, nicht Sie!". Übersetzt aufs männliche Handeln: Ein Mann muss grapschen, um zu merken, ob die Frau es will oder nicht.

Jauch: Frauen bestimmen, was sexistisch ist

Diese Episoden waren das Dilemma dieser Runde. Jeder trug von dem vor, was er vor allem aus persönlicher Lebenserfahrung in der "Stern"-Geschichte las. Aber ein Teil der Gäste bewegte sich dabei am Rande der Peinlichkeit. Und dem anderen Teil fehlt die zündende Idee, was denn die Lehre aus dem offensichtlich von Millionen als Problem gesehenen Sexismus sein könnte.

Silvana Koch-Mehrin, die Brüderle eine "saloppe Ausdrucksweise" vorhielt und sich selbst als mit den Jahren abgehärtet gegen Anzüglichkeiten beschrieb, wünschte sich einen gesellschaftlichen Wandel. Sie habe sich über die Jahre ein Rüstzeug zugelegt, um mit Sexismus umzugehen.

"Für meine Töchter möchte ich das nicht", sagte die Mutter. "Ich finde, das ist in einer aufgeklärten Gesellschaft nicht mehr zeitgemäß." Doch für den Weg, wie es dazu kommen soll, brachte die FDP-Politikerin keine Idee mit.

Das mag an einem von Wizorek geschilderten Kernproblem liegen: "Die Grenzen, was als sexisistisch empfunden wird, sind natürlich sehr individuell." Woraufhin Jauch konstatierte, dass also "die Frau bestimmt, was als sexistisch empfunden wird."

Wenn Himmelreich ein Mann gewesen wäre

Bei Jauch wirkte es ein bisschen so, als ärgere ihn die Debatte. Mehrmals verwies er darauf, dass es eine angebliche Ungleichbehandlung zwischen Mann und Frau gebe. Schwarzer warf Jauch deshalb eine Verniedlichung des Problems vor. Doch der blieb bei seiner Linie.

Man müsse sich nur vorstellen, ein junger Journalist in Himmelreichs Alter wäre spätabends zu einer Politikerin in Brüderles Alter gegangen und hätte - so wie Himmelreich zu Brüderle - gesagt: "Und Sie in ihrem Alter wollen nun also Hoffnungsträgerin ihrer Partei sein?" Das wäre gar nicht gegangen, meinte Jauch. Da hat er wohl Recht.

Aber hätte, um in der Szene zu bleiben, irgendeine Politikerin dem jungen Mann dann auf den Po gestarrt und gesagt, "in ihrer Jeans können Sie ja Walnüsse knacken"? Schwer vorstellbar.

Die Sexismusdebatte, die der "Stern" wohl mehr zufällig eröffnet hat, ist eine Debatte über Männerverhalten. Die Art, wie bei Jauch darüber diskutiert wurde, war einer echten Debatte leider vor allem hinderlich.

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