25.01.13

Weltwirtschaftsforum

Tütenkleben gegen die Armut auf dieser Welt

Für eine gute Stunde schlüpfen die Millionäre und Mächtigen am Rande des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos in die Rolle von Tütenklebern, die in einem Slum in Bangladesch leben.

Foto: Crossroads Foundation

Crossroads Foundation lässt Tütenkleben für einen guten Zweck. Katy und Nilmini mit Welt-Redakteur Olaf Gersemann
Crossroads Foundation lässt Tütenkleben für einen guten Zweck. Katy und Nilmini mit Welt-Redakteur Olaf Gersemann

Tüten falten, um zu überleben. Ein Haufen Zeitungspapier, ein Eimer mit in Wasser angerührtem Mehl und zehn Minuten Zeit. "Zehn Minuten entsprechen einer Woche im echten Leben, in dieser Zeit müsst ihr genug verdienen, um Wasser, Essen und Miete bezahlen zu können", ruft David Begbie. "Denkt daran, auch Toilettenbenutzung kostet in einem Slum Geld, und ihr könnt immer nur zehn Tüten in einem Paket verkaufen. Und jetzt los."

Begbie will uns an diesem Nachmittag erfahren lassen, wie Armut sich anfühlt. Er arbeitet für die Nichtregierungsorganisation Crossroads Foundation, und dieses Crossroads-Projekt, "Struggle für Survival", Kampf ums Überleben, genannt, wird unter anderem vom Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé gesponsort.

75 Minuten haben wir dafür, und viele der 20 WEF-Teilnehmer, die in das Gebäude neben dem Zelt der Welthungerhilfe in Davos gekommen sind, sind erst einmal skeptisch. Auch wenn der Raum, in dem wir uns eingefunden haben, mit Wellblech und Brettervorschlägen verkleidet ist, damit er nach Bangladesch aussieht und nicht nach Graubünden.

Armut besitzt viele Facetten

"In unserer Vorstellung ist Armut das Gegenteil von Reichtum. Und Reichtum ist Geld - folgerichtig ist für uns Armut reduziert auf Mangel an Geld", sagt David Begbie. Dass Armut viel mehr Facetten besitzt, das sollen wir jetzt selbst lernen. Wir, das sind Katy aus Hongkong und Nilmini mit ihrem Ehemann Joel aus Washington, DC, wir bilden zusammen eine fiktive Familie aus Bangladesch oder besser gesagt, das, was davon übrig geblieben ist.

Denn der Familienvater, ein Bauarbeiter, ist nach einem Unfall gestorben, und wir, die hinterbliebene Frau samt Töchtern, leben nun in einem Slum. Und wir versuchen zu tun, was viele Menschen in ähnlicher Situation in Bangladesch tun: aus Zeitungspapier Tüten falten und kleben und die dann an Gemüse- oder Obsthändler verkaufen.

Die zehn Minuten laufen, und jetzt schreien uns David und seine Teamkollegen von Crossroads an, "Los, Tüten falten, ihr wollt doch überleben?!" Dazu laute Musik, wie es sie wohl in einem Slum nicht gibt. Aber der Krach aus den Lautsprechern, zusammen mit dem Geschrei, erzeugt eine Geräuschkulisse, die zumindest von der Dezibelzahl her einem Slum, in dem je Quadratkilometer Hunderttausende zusammen hausen, wohl nicht unähnlich ist.

Alle beginnen Tüten zu basteln

Jetzt findet keiner von uns das Rollenspiel mehr albern, im Gegenteil, alle beginnen hektisch, Tüten zu basteln. Gesprochen wir kaum ein Wort, zumindest keines, das nicht mit unserer neuen Arbeit zu tun hat. Eine erste Erfahrung stellt sich sofort ein: Armut ist Stress, und zwar kein positiver oder produktiver, dafür aber ein unablässiger, einer, der nicht freitags um 17 Uhr endet für zweieinhalb Tage.

Und einer, bei dem es um sehr viel mehr geht als bei irgendwelchen Deadlines für irgendwelche Projekte oder Präsentationen. Das ist vielleicht eine ganz gute Erkenntnis für die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums, die sich in diesem Jahr in so vielen Diskussionsveranstaltungen wie nie mit ihrem eigenen Stress und dessen Bekämpfung beschäftigen.

Katy ist die geschickteste von uns, sie klebt und faltet, Joel stapelt die Tüten, sobald zehn fertig sind, ziehe ich los, um sie zu verkaufen. In dem dunklen Kelleraum, der den Slum darstellen soll, ist es kalt, es gibt in fünf Ecken kleine Lager wie unseres mit einer Matratze und einem Tuch auf dem Boden, rundherum stehen fünf, sechs als Händler verkleidete Crossroads-Mitarbeiter, denen wir unsere Tüten verkaufen sollen.

"Nein, was fällt Dir ein, meinen Laden zu betreten und mich so anzusehen", schnauzt mich die Händlerin an. Dann reißt sie mir die Tüten aus der Hand, aber das Geld gibt sie einem anderen der drei Bittsteller neben mir. Auf meinen Protest ernte ich nur höhnisches Lachen. Also flehe ich die Frau auf Knien an, ich brauche das Geld, denn gleich muss ich 180 Pfund für Wasser und Essen zahlen und dann noch einmal 200 Pfund für die schäbige Hütte, in der wir untergekommen sind.

Ohne Geld lande ich auf der Straße

Ohne Geld zurückzukommen bedeutet, wir werden auf der Straße landen und hungern. Armut, lernen wir, hat auch sehr viel mit Rechtlosigkeit zu tun. An wendet sich der Slumbewohner, wenn er betrogen, ausgebeutet wird? Nimmt er sich einen Anwalt?

Seit zehn Jahren versucht die Crossroads Foundation, Katastrophen erlebbar zu machen. Begonnen hat Sally Begbie mit einem "Flüchtlingslauf", diesmal hat ihr Team den Akzent auf Armut gelegt. Während Sally der gute Geist des Projekts ist, ist ihr Sohn David der Aktivist im Team. Ihren Hauptsitz hat die Organisation in Hongkong, das wichtigste Anliegen ist es, große Unternehmen für Themen wie Hunger oder Vertreibung zu sensibilisieren.

Für die Tüten, die Katy, Nilmini, Joel und ich in den ersten zehn Minuten hergestellt und verkauft haben, können wir uns gerade ernähren und die Miete zahlen. Geld für die Toilettennutzung hatten wir keines mehr übrig, und so sind in der nächsten Runde zwei von uns krank, sie müssen fünf Minuten aussetzen, wertvolle Zeit, in der unsere fiktive Familie nur noch halb so viele Tüten basteln kann wie sonst.

Eine Option – eine Niere verkaufen

Ein Händler schlägt mir schließlich vor, ich könne eine Niere verkaufen. Ich winke ab, verrückte Idee. Doch nach ein paar Minuten willige ich ein, sehe keine andere Möglichkeit mehr, das Geld zusammenzubringen. Es geht schließlich um Leben und Tod.

Als da ein Entwicklungshelfer-Darsteller anbietet, für könnten für 500 Pfund ein Kind zur Schule schicken, erscheint mir das so absurd, als habe er mir eine Reise zum Mond angeboten. An die Zukunft zu denken, gar in sie zu investieren, ist ein Luxus. Die Gegenwart in unserem Slum ist alles, es geht allein darum, den Status quo, so erbärmlich er auch ist, um beinahe jeden Preise abzusichern.

Als das Rollenspiel zu Ende ist: allgemeine Nachdenklichkeit. Armut ist wirklich viel mehr als die Abwesenheit von Geld. Wenn es nur ums Geld ginge, sagt David Begbie noch, bevor er uns hinauslässt in die Davoser Alpensonne, dann wäre das ganze Armutsproblem längst gelöst.

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