23.01.13

Schule in Hannover

Niemand kann sich an Stephan Weil erinnern

Jetzt, da Stephan Weil sich anschickt, Niedersachsens Regierungschef zu werden, fragen sich frühere Mitschüler am humanistischen Gymnasium: Wer war das doch gleich? Und warum war Weil in keiner AG?

Foto: picture alliance/ dpa

Stephan Weil 2006 im jugendlichen Alter von 48 Jahren vor dem Hannoveraner Rathaus. Zehn Autominuten entfernt liegt seine alte Schule, das Kaiser-Wilhelms-Gymnasium. Unser Autor ging in die Parallelklasse
Stephan Weil 2006 im jugendlichen Alter von 48 Jahren vor dem Hannoveraner Rathaus. Zehn Autominuten entfernt liegt seine alte Schule, das Kaiser-Wilhelms-Gymnasium. Unser Autor ging in die Parallelklasse

Also mal ganz ehrlich, auch wenn man so was heute gar nicht sagen darf: Karriere war für uns damals total uncool. Damals, Ende der Siebzigerjahre, am humanistischen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium (KWG) zu Hannover. Karriere, so dachten wir, das war was für Aufsteiger und Neusprachler, Leute, die auf die Tellkampfschule gingen beispielsweise, wie die nachmals notorischen Hannoveraner Giovanni di Lorenzo oder Steffen Seibert.

Aber jetzt scheint es ja doch auch mal einer von uns geschafft zu haben, alle Achtung. Stephan Weil, KWG-Abiturient von 1977. Der wird der nächste Ministerpräsident von Niedersachsen. Das ist ja nun doch irgendwie toll und ganz und gar erstaunlich, auch wenn zumindest ich persönlich mich ums Verrecken nicht erinnern kann, in irgendeinem der vielen Kurse, in die sich damals unsere Klassen auflösten, den Mitschüler Stephan Weil jemals erblickt zu haben.

Da will ich doch mal hören, wie's den anderen geht. "Mensch, hast du schon gehört, aus unserer Parallelklasse, der Stephan Weil, der wird Ministerpräsident von Niedersachsen!" Der Ulmer Opernregisseur, dem ich das erzähle, kontert, wie gewohnt, kurz angebunden: "Den Namen hab ich ja noch nie gehört." Nun gut, beruhige ich mich, es hat ihn nach Schwaben verschlagen, da kennt man natürlich die niedersächsische Prominenz nicht so.

"Schau doch mal auf dem Klassenfoto nach"

Versuch ich's also mal bei einem anderen KWGer, der jetzt in Köln Professor ist: "Sag mal, erinnerst du dich an Stephan Weil? Der ist doch unser Jahrgang!" Ich werde hier schon etwas fündiger: "Meinst du den Sozi, der jetzt in Niedersachsen knapp die Wahl gewonnen hat? Wirkt ja ganz sympathisch. Und der war auf unserer Schule? Bist du dir sicher?" – "Aber ja, schau mal in der Festschrift zum Schuljubiläum von 1975 nach, da steht er drin, da gibt es auch ein Klassenfoto, auf dem er drauf ist, nur dass ich ihn nicht identifizieren kann." – "Du immer mit deinen alten Dokumenten. Aber jetzt, wo du's sagst, Stephan Weil? Stephan Weil? Kann sein, dass ich mit dem mal Fußball spielen musste. Sicher bin ich mir nicht."

Fehlt der gesellschaftlich so ungemein gut vernetzte Berliner Theaterdirektor, zu dem ich noch Kontakt habe und den ich mal schnell anrufen kann. Er ist auch prompt im Bild, war aber zwei Klassen über Weil. "Aber du bist doch im Schülerparlament gewesen, daher kennen wir uns ja auch. Könnte da der angehende Politiker Stephan Weil nicht ebenfalls mitgemischt haben?" – "Möglich, aber aufgefallen ist er mir jedenfalls nicht."

Der Stephan war nicht in der Theater-Gruppe

Tja, wo war nur Stephan Weil? Wo fiel er auf? Im Schulorchester, in der Theater-Gruppe, in der Philosophie-AG, in den fakultativen Kursen für Französisch, Italienisch und Hebräisch – das ergeben die Recherchen – zumindest nicht. Sollte er einfach nur brav unregelmäßige Aoriste oder mathematische Formeln gepaukt und sich lediglich brav von einer Klasse in die andere versetzen lassen haben?

Und wenn ja, spricht das nun für oder gegen ihn? Sind es die Unauffälligen, die sich schließlich durchsetzen und groß rauskommen? Oder leben wir in einer Zeit, in der es diejenigen an die Spitze schaffen, die immer so mitgeschwommen sind und die infolgedessen auch niemand bemerkt hat?

Mehr wissen wir, wenn er sein neues Amt eine Weile ausgeübt haben wird. Verglichen mit Schröder, Gabriel, Steinbrück und Co. wirkt Stephan Weil jedenfalls erfreulich unsozialdemokratisch. Da kommt dann vielleicht doch der alte KWGer durch.

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