22.01.13

"Hart aber fair"

Erst Steinbrück bringt Inhalt in die Diskussion

Das erstaunliche FDP-Ergebnis in Niedersachsen war das große Thema bei Plasberg. Schönrednerei und gegenseitige Vorwürfe trafen auf wenig produktive Weise aufeinander. Bis Steinbrück zum Thema wurde.

Von Tim Slagman
Foto: ARD

Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen das Thema „Chaostruppe FDP – Steinbrücks beste Wahlhelfer?“
Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen das Thema "Chaostruppe FDP – Steinbrücks beste Wahlhelfer?"

"Dazu kommen wir später" – so lautete der Running Gag bei Frank Plasberg, der sich eine sehr ordentliche Schablone zurechtgedacht hatte für den Verlauf seiner Diskussion. "Chaostruppe FDP", damit hatte es zu beginnen.

Während der Moderator zähnefletschend auf den schleswig-holsteinischen Liberalen Wolfgang Kubicki losging, um diese These an ihm auszutesten, vertröstete er andererseits jeden der Gäste auf später, der die Frage erörtern wollte, ob die FDP-Riege "Steinbrücks beste Wahlhelfer" sei – wie der Titel der Sendung suggerierte.

Dumm nur, dass die Diskutanten sich dieses Mal noch weniger als ohnehin bei Polit-Talks üblich an diese Regie halten wollten. Zum einen, weil der ansonsten um Klartext nicht gerade verlegene Kubicki sich in einer Art Trotzhaltung verschanzte. "War Brüderle zu feige oder zu klug, um den Parteivorsitz anzunehmen?", fragte Plasberg.

Was wolle die FDP überhaupt mit einem Spitzenkandidaten? Und eine Aussage Brüderles erinnere doch wohl verräterisch an die legendäre Mauerbau-Lüge von Walter Ulbricht: "Ich hatte nie die Absicht, Vorsitzender zu werden."

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Dann gab es noch einen weitgehend sinnfreien Einspielfilm zu sehen. Der Reporter versuchte hier, Menschen auf der Straße das Geständnis zu entlocken, ihre Stimme bei der niedersächsischen Landtagswahl an die FDP verliehen zu haben. "Wir können Sie auch unkenntlich machen, den Balken habe ich dabei."

Kubicki, in der jungen Vergangenheit selbst ein profilierter Rösler-Kritiker, hatte angesichts dieses Bombardements recht schnell keine Lust mehr, differenziert zu argumentieren oder wenigstens unterhaltsam scharfzüngig zu polemisieren.

Womöglich war es aber auch dem erstaunlichen FDP-Ergebnis in Niedersachsen zu verdanken, dass aus Kubicki wenig mehr herauszuholen war als unterschiedliche Varianten des folgenden Satzes: "Sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass wir solche Erfolge einfahren."

Wer es bis dahin noch nicht gemerkt hatte: Es ist längst Wahlkampf. Oder, besser gesagt, wir befinden uns in einer seltsamen Zwischenphase, auf die wie selten sonst folgende Phrase passt: Nach der Wahl ist vor der Wahl.

So kam es zu einer Gemengelage, in der Selbstzufriedenheit, Schönrednerei und gegenseitige Vorwürfe auf wenig produktive Weise aufeinandertrafen. Noch einmal Kubicki: "Wenn die SPD nur drei Promille der Stimmen weniger gehabt hätte, dann müssten wir Herrn Oppermann hier Taschentücher reichen." Der angesprochene Thomas Oppermann, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion, konterte: 9,9 Prozent für die FDP, das sei ein vollkommen unrealistisches Ergebnis, durch Leihstimmen "aufgeblasen wie ein Luftballon". Für Oppermann war ganz klar: "Die Leute haben taktisch gewählt."

Volle Säle, flaches Niveau

Um die Analyse zu entkräften, viele FDP-Stimmen seien der darbenden Partei quasi als Almosen zugeschustert worden, zählte Kubicki die Ergebnisse vergangener Wahlen auf. Und überhaupt, als er im Wahlkampf durch Niedersachsen gezogen sei, da waren die Säle immer voll. Deshalb sei eine Prognose von zwei Prozent ja vollkommen lächerlich gewesen.

Egal, ob dies nun eher etwas über Kubickis Verständnis von Empirie und Statistik oder über die Bevölkerungsdichte Niedersachsens aussagt: Auf diesem flachen Niveau dümpelte die Sendung lange Zeit vor sich hin.

Für eine der spannenderen Beobachtungen sorgte der Journalist Wulf Schmiese, der die Personalentscheidungen in der FDP-Spitze als Coup der Macht Röslers interpretierte: "Brüderle sollte öffentlich sagen, dass er niemals Parteivorsitzender werden wollte und will. Der kann Rösler nun nicht mehr beißen."

Da mag einiges dran sein. Aber an die Existenz von Machtspielchen, von Ehrgeiz und Intrigen mochte in Wahlkampfzeiten nun keiner der anwesenden Politiker erinnert werden – da gibt man sich lieber volksnah, nebulös und kämpferisch.

"Diese Bundesregierung hat in keinem relevanten Bereich etwas zustande gebracht", polterte Oppermann. "Ach so, deswegen stehen wir auch in ganz Europa als Vorbild da", kommentierte Plasberg sarkastisch. Erkenntnisgewinn für den Zuschauer? Null.

Steinbrück als Retter des Abends

Umso verblüffender, dass ein in den vergangenen Monaten schon reichlich zu Tode diskutiertes Thema die Sendung gegen Ende noch einigermaßen retten konnte. Denn irgendwann war es so weit, und Plasberg ließ das Gespräch über den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück zu. Die Gäste dankten es ihm, indem sie endlich anfingen, eine inhaltliche Diskussion zu führen.

Wulf Schmiese erklärte Steinbrücks frühere Popularität mit seiner Fähigkeit, auch genau das System zu kritisieren, in dem er sich gerade bewegt – als Finanzminister die spekulierenden Banken, als SPD-Politiker die SPD.

Kubicki erklärte die schwindenden Sympathiewerte für den Kandidaten mit Steinbrücks Wankelmut: "Peer Steinbrück gewinnt keine Sozialkompetenz, aber er büßt im Ansehen vieler Menschen seine Wirtschaftskompetenz ein."

Dass Thomas Oppermann all das anders sah, ja anders sehen musste – geschenkt. Wenn es in den nächsten Monaten aber noch andere diskussionswürdige Themen geben sollte als Wahlausgänge, Wahlprognosen und Peer Steinbrück, dann wäre dies ein Geschenk an die Zuschauer.

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