17.01.13

FDP in Niedersachsen

Röslers Kampf zwischen Himmel und Hölle

Die Niedersachsen-Wahl sollte der Todesstoß für FDP-Parteichef Rösler werden. Aber so einfach wird das nicht – und so müssen auch seine beiden Töchter zunächst auf ein Haustier verzichten.

Foto: dpa

Philipp Rösler strahlt auf einem Plakat – trotz düsterer Aussicht
Philipp Rösler strahlt auf einem Plakat – trotz düsterer Aussicht

Wolfgang Kubicki, breitbeinig wie eh und je, bestens aufgelegt, hat sich verschätzt. Gibt er gleich zu. Mitte Dezember, so erzählt er fröhlich, habe er sich nicht vorstellen können, dass Niedersachsens FDP die Kurve tatsächlich noch kriegen könnte. "Keine Chance". Nicht für Niedersachsens Liberale. Und nicht für Philipp Rösler, den Bundesvorsitzenden. So dachten damals alle.

Vier Wochen später ist von einer sicheren Wahlniederlage der Liberalen keine Rede mehr. Im Gegenteil: Kubicki, der gleich eine Ansprache halten soll im Lux-Festsaal von Northeim, sieht die hiesigen Freidemokraten am Sonntag mit Blick auf die jüngsten Rohdaten der Meinungsforscher schon mal steil bei sieben Prozent.

So ist das eben heutzutage in der Politik. Zwischen Himmel und Hölle passt gerade mal ein Jahreswechsel.

Eher hintenrum statt vorne raus

Selbst nach Neujahr, zu Dreikönig, waren sie sich in der FDP noch sicher: Niedersachsen, das wird dem ungeliebten Chef den Rest geben. Keine Chance habe der Bundeswirtschaftsminister, nach der zu erwartenden krachenden Niederlage Parteichef zu bleiben.

Die einzige Frage, die blieb, war, ob er das selbst noch einsieht gleich am Wahlabend. Dann könne er zumindest Minister bleiben. Oder ob es noch einer Nacht und eines weiteren kräftigen Schubsers aus den eigenen Reihen bedarf. So redeten sie damals in der FDP.

Die Wahrheit ist: So denken immer noch viele in der FDP. Auch hier in Northeim. Eher hintenrum inzwischen – statt vorne raus. Sei es, weil manche Freidemokraten tatsächlich der Ansicht sind, dass der Liberalismus in Deutschland untergehe, wenn Rösler die Partei weiter führe; sei es aus verletzter Eitelkeit, weil Rösler zu Beginn seiner Amtszeit, allzu viel auf einmal wollte und dabei viele führende Parteifreunde brüskiert hat; sei es aus kaum verhohlenem Ressentiment. Dann wird es allerdings ganz schnell peinlich für die "weltoffene, liberale FDP", wie sich die Partei gerne selber bezeichnet.

Der fröhlich gemeinte Vergleich zwischen "Bambus" und "Eiche", das bekommen Niedersachsens FDP-Wahlkämpfer in diesen Tagen oft genug im Gespräch mit den eigenen Anhängern zu spüren, spiegelt am Ende eine gar nicht so fröhliche liberale Wirklichkeit.

Kubicki ist ein prima Polit-Unterhalter

Es ist nicht die leichteste Übung, nach Wolfgang Kubicki ans Rednerpult zu treten. Schleswig-Holsteins FDP-Fraktionschef ist ein prima Polit-Unterhalter, der sich auch für die platten Sprüche nicht zu schade ist; er nimmt mit, was gerade mitzunehmen ist.

Der Rest kann dann ja sehen, was übrig bleibt. Steinbrück-Witze sind also schon aus, als Philipp Rösler sich kurz strafft in Northeim und dann ans Rednerpult tritt.

Der 39-Jährige Parteivorsitzende engagiert sich in Niedersachsen wie nie zuvor in einem Wahlkampf. Dutzende Auftritte hat er in den vergangenen Wochen absolviert zwischen Harz und Heide. Er hat Betriebe besucht und Handwerkskammern. Er hat beim Presse- und Opernball in Oldenburg getanzt und sich viel Zeit genommen für Niedersachsens Regionalzeitungen.

Er hat auch keine der großen Kundgebungen ausgelassen, die die Niedersachsen-FDP landauf, landab organisiert hat. Rösler kämpft.

Jetzt erst recht nicht

Für seine "Heimat", wie er selbst die FDP und Niedersachsen zugleich nennt. Aber natürlich auch für sich selbst. Um seinen Ruf, um seine Ehre; gegen die Blamage, gegen das unrühmliche Ende einer allzu steilen Karriere. Zwanzig Monate ist er gerade mal im Amt.

Mit 45 wollte er der Politik wieder den Rücken kehren, nicht mit 39. Jetzt erst recht nicht. So tritt er hier an.

Man hat nicht viel Gutes gelesen über Röslers Redekunst in den vergangenen Wochen. Blass sei er gewesen beim Dreikönigstreffen, eine wolkige, nichtssagende Rede habe er gehalten, eine die Aufgabe signalisierte, nicht Kampfesmut. In Northeim, vor rund 300 durchaus skeptischen Parteifreunden, ist von solcher Blutleere, von solcher Resignation nichts zu spüren.

Rösler spricht emotionaler als der Spitzenkandidat

Rösler redet engagierter als Kubicki, der immer quasi en passant vorträgt. Er spricht emotionaler als der hiesige Spitzenkandidat Stefan Birkner, der auch heute wieder so wirkt, als trage er gerade den Bericht der Kassenprüfer vor. Rösler greift stattdessen sofort an.

Er attackiert das gegnerische Lager, Rot-Grün, von denen CDU und FDP 2003 ein Land in desolater Lage übernommen und zu neuer Blüte geführt habe.

Er führt dann kurzerhand die SPD-Ministerpräsidenten Klaus Wowereit und Matthias Platzeck durch die Northeimer Manege, weist auf den "massiven Imageschaden" hin, den das Berliner Flughafen-Desaster auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland bedeute.

Rösler wettert gegen Staatsgläubigkeit und Bürokratismus, gegen die Grünen. Er spannt den Bogen vom "Rinnen-Unkraut" auf dem Hannoverschen Klagesmarkt über die Steuerpolitik von Francois Hollande zum EEG, zur Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank. Seine Freiheit ist konkret, nicht wolkig.

Rösler kämpft, zackig, abgehackt, fast militärisch, manchmal streut er auch noch eines seiner Witzchen ein. Leicht will es Philipp Rösler seinen Widersachern jedenfalls nicht machen.

Für Bravo-Rufe muss man sehr genau hinhören

Unterm Strich hält der Parteichef eine Rede, die zu weiten, nicht regional eingefärbten Teilen auch für die nächsten Monate taugen wird. Rösler ist mit seiner rhetorischen Vorbereitung auf den Bundestagswahlkampf deutlich weiter als zum Beispiel die Kanzlerin, der derzeit Durchschnittauftritte genügen, um ganze Jubelstürme zu entfachen in Niedersachsens Wahlkampfarenen.

In Northeim reicht es für Rösler immerhin zu einem anständigen Applaus, vereinzelten Bravo-Rufen sogar, aber da muss man schon sehr genau hinhören.

Andererseits: Wenn man hinterher durch die liberalen Reihen streift und die Zuhörer fragt, ob Rösler denn wohl Parteichef bleiben sollte über den kommenden Mai hinaus, dann sagen alle, die keine Funktionäre sind: "Ich hoffe das". Oder auch: "Er wird sich durchsetzen".

Fragt man dagegen diejenigen hier, die ein Amt haben in der FDP, dann schaut man in deutlich skeptischere Gesichter. Einige schütteln dann mit dem Kopf, wobei nicht so ganz klar wird, ob daraus Ablehnung spricht oder eher Mitleid.

Will er sich das alles weiter antun?

Am Ende wird die Frage womöglich sein, ob Rösler seine Wahlkampfrede nach dem 20. Januar, dem Tag der Niedersachsen-Wahl tatsächlich noch vortragen will. Ob er weitermachen will, allem Widerstand, allen Unkenrufen, auch allen Bosheiten zum Trotz, die er in den vergangen Monaten über sich ergehen lassen musste. Ob er sich das alles weiter antun will.

Er selbst sagt dazu: nichts. Keinen Satz mehr zu der Frage, ob er im Mai wieder antreten werde für den Bundesvorsitz seiner Partei, nicht mal einen Fingerzeig, kein Augenzwinkern, nichts.

Die Münchner "Abendzeitung" hat Rösler Anfang des Jahres mit der Aussage zitiert, ab 5,1 Prozent werde er um sein Amt kämpfen. 14 Tage später klopft er dem Fragesteller jovial auf die Schulter. "Netter Versuch". Was einem bleibt ist Kaffeesatzleserei.

Kein Hund für die Töchter – "nicht in diesem Jahr"

Es gibt eine Passage in Philipp Röslers Niedersachsen-Wahlkampf-Rede, da kommt er auf seine Kinder zu sprechen. Er sucht dieses Gelegenheit zum Ausflug ins Private.

Seine beiden Töchter hätten gerne einen Hund, berichtet der stolze Papa dann, erteilt diesem großen Wunsch aber im gleichen Atemzug eine klare Absage. Den Hund werde es nicht geben. "Nicht in diesem Jahr". Vielleicht hat Philipp Rösler 2013 doch anderes vor, als lange Spaziergänge zu machen.

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