17.01.13

"Anne Will"

"Rudeljournalismus" über den "pissigen Peer"

Steinbrück und die Glaubwürdigkeit: Anne Will lässt erneut über den SPD-Kanzlerkandidaten diskutieren. Es geht um Eierlikör, teuren Wein, die Deutsche Bank und Rudeljournalismus.

Foto: NDR/Wolfgang Borrs

Steinbrück und die Glaubwürdigkeit: Anne Will ließ erneut über den SPD-Kanzlerkandidaten diskutieren.

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Ganz offensichtlich hat sich in den Weihnachtsferien so einiges aufgestaut. Ein Blick auf die Gästeliste zeigte zunächst viele der üblichen Talkshow-Verdächtigen: Hans-Ulrich Jörges vom "Stern" etwa oder die "taz"-Chefin Ines Pohl.

Aber auch der eloquente Kommunikationsberater Klaus Kocks hat sich in der Vergangenheit bereits zu Wort gemeldet – genauso wie der Medienwissenschaftler Norbert Bolz, der gerne mal gegen das "Geschwätz" in der ARD keilt, doch genau die Sendung von Anne Will nicht missen will, denn die Moderatorin habe ihn ja "schon ein paar Mal eingeladen".

Und Anne Will machte auch rein thematisch scheinbar genau da weiter, wo sie im vergangenen Jahr aufgehört hat: bei Peer Steinbrück und seiner Glaubwürdigkeit. Aber irgendwie hat es dann doch funktioniert, aus altbekannten Gästen und einem fast schon wieder ausgelutschten Thema eine spannende Diskussion zu machen.

Spannend, ja – allerdings nur mäßig erkenntnisreich. Zu Beginn wischte Ralf Stegner, der Landesvorsitzende der SPD in Schleswig-Holstein, die schlechten Popularitätswerte Steinbrücks weg mit der Bemerkung: "Fakt ist, dass am Ende nicht die Umfragen entscheiden." Da konnte es einen dann schon kurz gruseln: Denn ist nicht Fakt, dass man mit dieser Floskel nur Sätze beginnt, an die man selber nicht mehr glaubt?

Und hört man diese Durchhalteparole nicht in jedem Wahlkampf aufs Neue – im Wahlkampf, einer Zeit, in der Erkenntnisse und Fakten erfahrungsgemäß eher Randerscheinungen sind?

Stilfragen nach teurem Wein und Eierlikör

Dabei warf man sich nicht nur anlässlich der erst im September anstehenden Bundestagswahl ins Gefecht, sondern auch angesichts der Landtagswahl in Niedersachsen – die dann aber doch niemand in der Runde so wirklich als die Schicksalswahl für den SPD-Kanzlerkandidaten ausgeben wollte, wie Anne Will es sich offensichtlich erhofft hatte. Kocks, selbst SPD-Mitglied, war zwar sicher, der "pissige Peer", wie er Steinbrück in einem Blog-Eintrag genannt hatte, werde am darauffolgenden Montag "zerknirscht als Medienopfer" zurücktreten. Aber das habe mit dem Ausgang der Niedersachsen-Wahl nichts zu tun: "Er weiß selbst, dass er's nicht kann."

Nun ist Kocks als PR-Berater jemand, der wiederum gar nicht anders kann, als der Außendarstellung einen hohen Wert beizumessen oder, besser gesagt, dem, was vor allem von Hans-Ulrich Jörges immer wieder als bloße "Stilfragen" abgetan wurde. Also: Steinbrücks Forderung nach höherer Entlohnung des Bundeskanzlers, sein bisweilen etwas patziges Auftreten, Sprüche über teuren Wein und Eierlikör.

Liegt Steinbrücks Geld bei der Deutschen Bank?

Vor allem die mediale Aufregung über Letztere trieb Jörges geradezu zur Weißglut, von "Rudeljournalismus" war die Rede, der ihn an den Sturz Christian Wulffs erinnere: "Mich interessiert nicht, was einer trinkt, sondern nur, ob er gut regiert." Dem ist, natürlich, nichts hinzuzufügen – höchstens, dass es eine Mitarbeiterin von Jörges war, die sich im Online-Angebot des "Sterns" mit am heftigsten darüber echauffiert hatte, dass Steinbrück eines seiner groß angekündigten Wohnzimmergespräche – ob mit oder ohne Eierlikör – ausgerechnet bei der Familie eines SPD-Mitglieds abhielt. In den Begriff Rudeljournalismus verbiss Anne Will sich so heftig, dass man fast noch einen Kalauer draufsetzen darf: Getroffene Hunde bellen ja bekanntlich – und immerhin hat Will drei der letzten sechs Sendungen den Eskapaden Steinbrücks direkt oder indirekt gewidmet.

Jörges jedenfalls, der in der Vergangenheit auch schon mit Will über dieses Thema diskutieren durfte, hatte noch etwas in der Hinterhand. Der Journalist war so verblüfft wie enttäuscht über das Schweigen des Kanzlerkandidaten angesichts der Razzien bei der Deutschen Bank – und das, obwohl er sich doch einst als Bändiger der entfesselten Finanzmärkte gebärdet hatte. Jörges' Recherchen ließen ihn einen massiven Interessenkonflikt bei Steinbrück vermuten, denn dieser habe Geld bei dem in Verdacht geratenen Institut angelegt.

Der Zusammenhang von Schein und Sein

Will, offenbar auf der einen Seite Rudeljournalismus, auf der anderen eine große Enthüllung witternd, setzte gleich mehrfach nach und forderte Jörges auf, dies zu belegen. Dieser verwies auf Michael Donnermeyer, Steinbrücks Sprecher, der ihm bestätigt habe, dass sein Chef Kunde der Deutschen Bank sei.

Doch da war die Diskussion längst aus dem Ruder gelaufen. Jörges etwa forderte wiederholt eine Diskussion über Inhalte, die ihm Stegner als Wahlkampfthemenliste vom Mindestlohn bis zu bezahlbarem Wohnraum lieferte. Nebenkriegsschauplätze, fanden Jörges und Bolz und konterten die gerade geforderten Inhalte mit einer Meta-Analyse, die Steinbrücks sinkende Umfragewerte vor allem daran festmachte, dass er keine weit ausholende politische Idee habe und als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit eher unglaubwürdig scheine.

Ach ja, die Glaubwürdigkeit – ging es darum nicht schon in Wills Dezember-Runde zu Steinbrück? Dem aktuellen Talk jedenfalls hätte es besser getan, etwas konzentrierter dem komplizierten Zusammenhang von Schein und Sein nachzuforschen, statt diese nur als simple Gegensätze zu konstruieren. Um Kocks zu bestätigen oder zu widerlegen, der sagte: "Die Person muss das Programm repräsentieren."

Das sagten Anne Wills Gäste
Ralf Stegner, Landesvorsitzender der SPD Schleswig-Holstein:

"Nach der Niedersachsen-Wahl werden sich vielleicht viele etwas anderes fragen, wenn die FDP aus dem Landtag fliegt: Wo ist der Partner von Frau Merkel?"

Ines Pohl, "taz"-Chefredakteurin:

"Es wäre Aufgabe der SPD, die Politik von Frau Merkel zu entblößen."

Klaus Kocks, PR-Berater und Publizist:

"Der Mann ist sozial zynisch – das gehört sich nicht für einen Kanzlerkandidaten."

Norbert Bolz, Medienwissenschaftler:

"Im Grunde steht Peer Steinbrück Frau Merkel politisch näher als Herrn Stegner hier."

Hans-Ulrich Jörges, Journalist:

"Kein Nachfolger könnte die Sache besser machen als er."

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