16.01.2013, 11:34

Patientensicherheit Erbitterter Streit über Anreize für unnötige OPs


Niemand weiß genau, wie oft Menschen in Deutschland unters Messer kommen, ohne dass die Erfolgsaussichten hoch sind oder die Notwendigkeit groß

Foto: Peter A.Schmidt / dpa

Niemand weiß genau, wie oft Menschen in Deutschland unters Messer kommen, ohne dass die Erfolgsaussichten hoch sind oder die Notwendigkeit groß Foto: Peter A.Schmidt / dpa

Von Basil Wegener

Patienten werden viel zu häufig an der Wirbelsäule, den Gelenken und dem Herzen operiert. Die Krankenkassen vermuten dahinter Methode. Eine Regelung soll nun Abhilfe schaffen. Experten sind skeptisch.

Marc Lindberg wollte seine Rückenschmerzen loswerden – und entschied sich zur Operation. "Das Ergebnis ist aber sehr schlecht ausgegangen", sagt der 45-Jährige. Nach mittlerweile drei Eingriffen und dem Einsatz von 20 Metallteilen im Rücken sagt der Frührentner in einer ARD-Dokumentation: "Ich fühle mich wie ein Versuchskaninchen." Nun führt er einen Rechtsstreit.

Niemand weiß genau, wie oft Menschen in Deutschland unters Messer kommen, ohne dass die Erfolgsaussichten hoch sind oder die Notwendigkeit groß. Doch die Krankenkassen vermuten, dass unnötige OPs etwa an Wirbelsäule, Herz und Gelenken Methode haben.

Selbst die Gesellschaften für Chirurgie und Orthopädie warnen vehement davor. Nun hat die Koalition ihren wochenlangen Streit um gesetzliche Abhilfe beendet.

Wo bleibt das ärztliche Ethos?

Die Missstände an den Krankenhäusern kamen vor allem durch die Tricksereien bei Spenderorganen hoch. Ärzte mehrerer Kliniken sollen Patienten auf dem Papier kränker gemacht haben, um sie operieren zu können. Wie kommen Ärzte dazu, ihre OP-Zahlen ohne Not in die Höhe zu treiben – entgegen medizinischen Gründen und ärztlichem Ethos?

Eine Studie im Kassen-Auftrag zeigt: Bei den orthopädischen Behandlungen gab es innerhalb von vier Jahren einen Anstieg von gut 14 Prozent, bei kardiologischen Fällen von 17 Prozent. Dass es immer mehr Ältere gibt, erklärt nur den kleineren Teil.

Operationen werden zum Patientenrisiko

Dass Operationen wohl immer mehr zum Patientenrisiko werden, liegt vor allem am Bezahlsystem – die Kliniken werden anders als früher nicht mehr nach der Zeit der Patienten auf Station bezahlt, sondern nach Behandlungsfällen.

Und auch die Bezahlung vieler Chefärzte richtet sich teils danach, mit Aufschlägen für viele Eingriffe.

Entsprechende Bonusvereinbarungen haben laut einer Studie der Personalberatung Kienbaum von 5 Prozent 1995 auf heute 45 Prozent zugenommen. Im Gegenzug sank das Grundgehalt.

Mehr Transparenz ist notwendig

"Grundsätzlich muss sich ein Patient darauf verlassen können, dass er aus medizinischen Gründen operiert wird und nicht, weil sein Arzt finanziell was davon hat", sagt der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn. Er dringt schon länger darauf, Kliniken zur Offenlegung solcher Boni zu verpflichten – und scheiterte an der FDP, wie er in einem Brief an die Unionsabgeordneten schrieb.

Nun einigten sich Union und FDP: Es soll neue Muster für Vereinbarungen von Klinik und Chefarzt geben – Ziel: unabhängige medizinische Entscheidungen.

Die Kliniken müssen sich daran halten oder aber öffentlich machen, ob sie für Rücken-OPs, Knie-OPs oder anderes solche Vereinbarungen geschlossen haben. "Damit schaffen wir Transparenz", sagt FDP-Gesundheitsexperte Heinz Lanfermann.

Bei der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, die seit längerem auf Reformen zum Schutz der Patienten dringt, reagiert man zurückhaltend. Denn laut den Gesetzesplänen soll die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) gemeinsam mit der Bundesärztekammer die maßgeblichen Empfehlungen herausgeben. "Das irritiert", sagt der Generalsekretär der Chirurgen-Gesellschaft, Hans-Joachim Meyer.

Offenlegung von Bonusvereinbarung

Denn zwischen den Klinikvertretern und der Ärztekammer tobt schon lange ein Streit um das Thema. Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery ist für eine Offenlegung von Bonusvereinbarungen. Die Ärztekammer richtete eine Kontaktstelle ein, bei denen man Verträge prüfen lassen kann. Per offenem Brief griff daraufhin DKG-Präsident Alfred Dänzer Montgomery an – dieser unterstelle den Klinikärzten Fehlverhalten.

Nun sollen sich beide Seiten auf die neuen Empfehlungen einigen.

Die AOK hält von den Plänen wenig. "Schnellen und wirksamen Schutz von Patienten bringt nur ein sofortiges gesetzliches Verbot aller mengenabhängigen Zielvereinbarungen", sagt Uwe Deh, Geschäftsführender Vorstand des AOK-Verbands. "Ich plädiere dafür, durch ein sofortiges Verbot den finanziellen Anreizen zu medizinisch nicht notwendigen Behandlungen die Rechtsgrundlage zu entziehen."

Chirurg Meyer sagt: "Wir haben immer wieder geraten, statt Quantität Qualität einzufordern." Das unterstützen auch die Kassen, wie Verbandssprecher Florian Lanz deutlich macht: "Bonuszahlungen müssen sich daran orientieren, wie gut den Patienten geholfen wird, ob zum Beispiel die Komplikationsrate nach Operationen besonders gering ist."

(dpa/ph)
Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter