10.01.13

Niedersachsen

Giftiges Duell – Büroklammer fordert Gut-Gebügelt heraus

Neue Umfragedaten und die Aggressivität des Ministerpräsidenten McAllister (CDU) erwischen Stephan Weil (SPD) erst auf dem falschen Fuß. Dann entdeckt er jedoch die Vorzüge des Herausfordererstatus.

Foto: dapd

David McAllister (CDU, r.), amtierender Ministerpräsident von Niedersachsen und Stephan Weil, Oberbürgermeister von Hannover und Spitzenkandidat der SPD duellierten sich im Fernsehen
David McAllister (CDU, r.), amtierender Ministerpräsident von Niedersachsen, und Stephan Weil, Oberbürgermeister von Hannover und Spitzenkandidat der SPD, duellierten sich im Fernsehen. Zu Anfang sieht noch alles nach einem Sieg des Amtsinhabers aus

Bloß keine falsche Bewegung! Bloß kein Patzer! Bloß keine Blöße! Vorsicht ist die Mutter des TV-Duells. Zumal wenn es spitz auf Knopf steht in den Umfragen wie derzeit in Niedersachsen. Zwar weiß kein Mensch genau, wie groß der Einfluss dieser inzwischen ritualisierten Vorwahl-Events auf das Wahlverhalten der Zuschauer wirklich ist. Aber man kann ja nie wissen. Also erwarten alle eine Packung Wattebäuschchen an diesem Abend im Messestudio des NDR in Hannover.

Zur Rechten: David McAllister (CDU, Ministerpräsident, Amtsinhaber). Von außen: Typ jugendlicher Held, immer gut gebügelt. Von innen: sich selbst sehr bewusst, dass er auch nur mit Wasser kochen kann. Vor laufenden Kameras eher weniger als mehr Wasser. Er wirkt dann häufig recht stocksteif.

Zur Linken: Stephan Weil (SPD, Oberbürgermeister, Herausforderer). Von außen: Schon wieder eine Büroklammer. Von innen: Tja, das weiß man noch nicht ganz so genau. Eher verschlossen, lässt sich garantiert nichts anmerken, aber manchmal wartet man geradezu darauf, dass ihm doch noch mal der Kragen platzt. Passiert aber nicht.

Die Erwartungen sind deshalb nicht allzu hoch geschraubt an diesem Donnerstagabend, zehn Tage vor der Niedersachsenwahl. Zumal der Dritte hier im Bunde, Andreas Cichowicz, im Hauptberuf Chefredakteur beim NDR, als Moderator eigentlich auch unter das Betäubungsmittelgesetz fällt.

Bestes Futter: Neue Umfragezahlen

Gemessen daran verläuft zumindest die erste halbe Stunde dieses Duells geradezu rasant, was vor allem daran liegt, dass Cichowicz bestes Futter für eine solche Sendung aus dem Hut zaubert. Frische Umfragezahlen. Sie bringen gleich eine wunderbare Unwucht in dieses normalerweise so sorgfältig austarierte, von den Parteien mit Argusaugen bewachte Sendeformat.

Die Zahlen, 40 Prozent für die Union, 33 für die SPD, 13 für die Grünen, 5 für die FDP. Macht einen Gesamtstand von 46 zu 45 für Rot-Grün. Heißt aber auch. Schwarz-Gelb ist wieder dran zehn Tage vor der Wahl. McAllister, der seit Tagen von einer Aufholjagd spricht, fühlt sich bestätigt und gleich obenauf. Von wegen stocksteif. Der sonst in der Öffentlichkeit eher zurückhaltend agierende Ministerpräsident nutzt den Aufwind gleich zur Attacke, wischt alle Fragen zu seiner verdeckten Leihstimmenkampagne für die FDP zur Seite und schmettert fröhlich "beide Stimmen für die CDU" in die Kamera.

Stephan Weil, bis dahin kaum zu Wort gekommen, erwischt dieser ziemlich ungerechte Start sichtbar auf dem falschen Fuß. Er rettet sich bei der Frage nach einer möglichen Tolerierung durch die Linkspartei in die Formulierung, dass er sich "um Splitterparteien" nicht kümmern wolle.

McAllister nutzt Weils Leerstelle

Die Frage darf man natürlich dennoch beantworten. McAllister nutzt diese Leerstelle, setzt nach und sieht gleich nach dem ersten Schlagabtausch wie der sichere Sieger aus. Auch, weil er sich als Amtsinhaber nicht auf die Verteidigung beschränkt, sondern in die Offensive geht: "Sie eiern, Herr Weil."

Beim Thema "Betreuungsgeld" gelingt es Stephan Weil auch nicht, seinen christdemokratischen Kontrahenten in die Ecke zu drängen. McAllister kontert auf der Stelle, lobt die Erziehungsleistungen der allermeisten Eltern und lenkt den Blick dann recht gekonnt auf die mangelnde Aufmerksamkeit, die frühere SPD-Regierungen in Niedersachsen dem Thema geschenkt haben. Zum Abschluss dann noch eine landesväterliche Versöhnungsgeste, "rechts und links" sollten bei diesem Thema doch allmählich von den Bäumen krabbeln. Weil wirkt etwas konsterniert.

Bevor sich der Herausforderer wieder erholt – und das tut er in der zweiten Hälfte dieser Sendung – werfen wir kurz einen Blick auf das Äußerliche der beiden Kandidaten. Staatsmännisch, Krawatte, kein offener Kragen. Alles, wie es sich gehört.

Bei Stephan Weil lenkt zuweilen ein optischer Effekt an der Brille von den Inhalten ab. Ein kleines blaues Dreieck ist der Studiotechnik geschuldet. Ansonsten wirkt der Duelldebütant, als habe er das schon Hunderte Male hinter sich, schaut gelegentlich eine Spur zu spöttisch aus der Wäsche. McAllister, das linke Auge mehr geschlossen als das rechte, kommt nach dem ersten Überschwang zuweilen ein wenig abwartend, fast lauernd, gelegentlich auch unangemessen überheblich rüber.

Weil nutzt das Recht des Herausforderers

Das liegt auch daran, dass sich die Unwucht der Sendung in der zweiten halben Stunde gegen ihn richtet. Beim Durchkauen der diversen landespolitischen Themen – Schule, Wirtschaft, Arbeitsplätze, Energie – gerät ein Amtsinhaber quasi zwangsläufig in die Defensive. Stephan Weil nutzt diese Konstellation und behauptet, sowohl die Krise bei der SIAG-Nordseewerft als auch die Energiewende besser managen zu können als sein Gegner. Das ist das gute Recht des Herausforderers.

Weil nimmt es sich, fast ein wenig zu zögerlich, immerhin bei der Energiewende wirft er Schwarz-Gelb in Bund und Land eine "chaotische Politik" vor. Auch beim niedersächsischen Dauerstreitthema "Gorleben" setzt er am Ende mit der Bemerkung "erst das Land und dann die Partei" noch einen Punkt, den man eigentlich vom Amtsinhaber erwartet hätte.

Zitterpartie am 20. Januar

Fazit: Könnte sein, dass es am Wahlabend noch knapper wird zwischen den beiden als ohnehin schon vermutet. McAllister hat die Rolle des Titelverteidigers an diesem Abend jedenfalls hinreichend offensiv bestritten. Weil konnte nach schwachem Beginn am Ende unter Beweis stellen, dass er auch Ministerpräsident könnte, wenn der Wähler ihn denn ließe.

Am Ende mag es darauf ankommen, welches Lager den fauleren Teil seiner Wähler bis zum 20. Januar besser motivieren kann, am Wahlsonntag dann doch noch mal seine Stimme abzugeben. Gemessen daran war dieses sehr muntere, manchmal sogar giftige TV-Duell für beide Seiten ein Erfolg.

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