09.01.13

Missbrauchsskandal

"Schlammschlacht" zwischen Kirche und Kriminologe

Nach dem Stopp der Aufarbeitungsstudie beschimpfen sich katholische Kirche und Christian Pfeiffer gegenseitig. Es steht Aussage gegen Aussage.

Von Lucas Wiegelmann
Foto: dapd

Opfer im Blick: Klassenfoto vom Berliner Canisius-Kolleg aus den 80er-Jahren, auf dem auch damalige Betroffene abgebildet sind
Opfer im Blick: Klassenfoto vom Berliner Canisius-Kolleg aus den 80er-Jahren, auf dem auch damalige Betroffene abgebildet sind

Jeder wusste, dass es wehtun würde. "Eine schmerzhafte Operation" stehe der Kirche bevor, meinte der Kriminologe Christian Pfeiffer damals. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann, in der Bischofskonferenz für Missbrauchsfragen zuständig, sprach von "einer schmerzhaften Zahl von Fällen". Und doch: Die Zuversicht schien zu überwiegen. Damals saßen die beiden Männer noch nebeneinander in der Pressekonferenz in Bonn und versuchten der skeptischen Öffentlichkeit zu erklären, warum nun Schluss sei mit Vertuschung und Verschleppung. Warum der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche jetzt auf denkbar beste Weise aufgearbeitet werde: Die Bistümer sollten ihre bis dahin geheimen Archive öffnen, und ein externes Expertenteam sollte die wichtigsten Fragen klären. Wie viele Übergriffe gab es? Wie konnten sie geschehen? Und wie verhielt sich die Kirche? Er sei "wirklich froh", das kriminologische Forschungsprojekt vorstellen zu kennen, sagte Ackermann. Und Pfeiffer lobte, in keinem anderen Land habe sich die katholische Kirche zu einer so umfassenden Aufarbeitung bereit erklärt.

Das war im Juli 2011. Heute ist der Optimismus verflogen: Nach monatelangem Gezanke über das Wie und Wann haben die deutschen Bischöfe nun Pfeiffers Aufarbeitungsmission gestoppt. Der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) kündigte den Vertrag mit Pfeiffers Kriminologischem Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN). Begründung: Es bestehe kein Vertrauensverhältnis mehr. Man habe sich über Untersuchungsmethoden und Datenschutzfragen nicht einigen können. Die komplizierte Operation Aufklärung wurde abgebrochen. Was den Schmerz wieder einmal unnötig vergrößert.

Aussage gegen Aussage

Nun versuchen sich beide Seiten gegenseitig die Schuld für das Scheitern zu geben. Die Aufarbeitung der misslungenen Aufarbeitung hat begonnen. Naturgemäß haben die Bischöfe dabei die schlechteren Karten. Ihre Glaubwürdigkeit ist seit Bekanntwerden des Missbrauchsskandals beschädigt. Entsprechend verfänglich sind die Anschuldigungen des Kriminologen Pfeiffer: Seine Untersuchung sei "an Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche" gescheitert sowie daran, "dass eine KFN-Anfrage, ob systematisch Akten von belasteten Priestern vernichtet worden sind, unbeantwortet geblieben ist". Es habe "wachsende Widerstände" der Bistümer gegeben, die "mit der Freiheit wissenschaftlicher Forschung" nicht vereinbar gewesen seien. Pfeiffer erweckt den Eindruck, die Kirche habe die heikle Studie manipulieren wollen.

Kirchenvertreter erzählen natürlich eine ganz andere Geschichte. In dieser Erzählung erscheint Pfeiffer als der Schuldige, der die Verhandlungen über die genauen Projektmodalitäten immer wieder verschleppt haben soll. Bei dem man ständig habe befürchten müssen, dass er eigenmächtig Daten veröffentlicht. Und der sich nun auf Kosten der Bischöfe profilieren will. Pater Hans Langendörfer, Sekretär der Bischofskonferenz und VDD-Geschäftsführer, sagte der Berliner Morgenpost: "Das Verhältnis zu Herrn Professor Pfeiffer hat sich in den vergangenen Jahren zusehends verschlechtert. Anfangs hatten wir ein wechselseitig respektvolles Verhältnis. Jetzt beginnt er eine Schlammschlacht." Zensur und Kontrolle habe es nicht gegeben – nur "berechtigte Datenschutzinteressen der Betroffenen". Aussage gegen Aussage also.

Den Bischöfen jedenfalls schadet der Stopp der Untersuchung mehr als Pfeiffer, weil sie wieder als die Vertuscher dastehen. Ein Imageschaden, den man eigentlich nicht leichtfertig in Kauf nimmt. Langendörfer jedenfalls sagt: "Wir wollten diese Untersuchung und wir wollen sie immer noch." Jetzt werde ein neuer externer Forschungspartner gesucht, der die Arbeit fortsetzt. Auch Pfeiffer will weitermachen – ohne Unterstützung des Klerus.

Wer auch immer sich an weitere Untersuchungen macht, er wird sich orientieren müssen an den hehren Zielen, die 2011 verkündet wurden. "Wir wollen eine ehrliche Aufklärung", sagte Bischof Ackermann damals. "Die Opfer haben ein Recht darauf." Pfeiffer wollte dazu Rechercheteams in neun ausgewählte Bistümer schicken (Rottenburg-Stuttgart, München, Mainz, Trier, Köln, Erfurt, Osnabrück, Hildesheim und Hamburg). Sie sollten dort kirchliche Personalakten der Jahre 1945 bis 2000 auf bisher unbekannte Missbrauchsfälle hin untersuchen. Die Ergebnisse sollten anonymisiert ans Institut weitergegeben und dort ausgewertet werden. In den übrigen 18 deutschen Bistümern sollten nur die Akten der vergangenen zehn Jahre analysiert werden. Parallel wollte Pfeiffer Fragebögen an Betroffene verschicken und Tonbandinterviews mit Opfern und Tätern führen. Am Ende, so die Hoffnung der Kirche, hätte es zum ersten Mal einen Überblick über das Ausmaß des Skandals gegeben.

Aber es dauerte nicht lange, bis das Projekt ins Stocken geriet. Die Bischöfe versäumten es, ihren Priestern zu erklären, welche Akten unter welchen Datenschutzbestimmungen geöffnet werden sollen. Konservative Bündnisse wie das Netzwerk katholischer Priester kritisierten, das Forschungsvorhaben stelle Geistliche unter Generalverdacht.

Seit Frühjahr 2012 verstrickten sich der Diözesenverband und Pfeiffer in langwierige Nachverhandlungen. Anwälte legten dicke Akten an, stritten über Veröffentlichungsrechte, Abgabefristen und den Wortlaut der Fragebögen. Parallel sickerten Gerüchte durch, die Bistümer Dresden, München und Regensburg seien wegen Datenschutzbedenken aus dem Projekt ausgestiegen. Was bei dem Forensiker Pfeiffer wiederum den Argwohn verstärkt haben soll, die Kirche könnte Angst vor der eigenen Courage haben und sei an ernsthafter Aufarbeitung doch nicht mehr interessiert. Überflüssig zu sagen, dass über dem Hickhack die eigentliche Arbeit liegen geblieben ist. Die Untersuchung der Akten, die seit anderthalb Jahren hätte laufen sollen, hat noch gar nicht begonnen, von kleineren Stichproben abgesehen.

"Mit der Aufarbeitung überfordert"

Opfervertreter forderten angesichts des Scheiterns erneut eine unabhängige Aufklärung der Vorfälle durch den Bundestag. "Die katholische Kirche ist offensichtlich mit der Aufarbeitung überfordert", teilte der Opferzusammenschluss Eckiger Tisch am Mittwoch in Berlin mit. "Wir stehen nun drei Jahren nach den ersten Veröffentlichungen im Januar 2010 wieder am Anfang." Ähnlich wie in den Niederlanden solle nun eine vom Parlament eingesetzte Kommission tätig werden.

Das Erzbistum Berlin betonte, man halte das Thema der Untersuchung von Christian Pfeiffer weiterhin für "sinnvoll und richtig". "Wir wischen nichts vom Tisch und ziehen keinen Schlussstrich", sagt Sprecher Stefan Förner der Berliner Morgenpost. Seit Beginn der Zusammenarbeit "haben wir im Erzbistum 'unsere Hausaufgaben' gemacht", so Förner, sowohl in Hinblick auf Prävention als auch auf die Aufarbeitung früherer Fälle. Bisher seien 19 Kleriker, vom Erzbischof beauftragte Ordensangehörige und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen beschuldigt. Acht der Vorwürfe seien nicht mehr zu klären, da beispielsweise die beschuldigte Person bereits verstorben ist. Fünf Fälle seien abgeschlossen, in sechs Fällen laufe das Verfahren noch. Bei diesen Zahlen, so Förner, handele es sich aber ausdrücklich um einen Zwischenbericht.

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) warnte die Bischöfe davor, die Aufklärung zu verschleppen. "Die dramatischen Erschütterungen des Jahres 2010 dürfen nicht in einer halbherzigen Aufarbeitung versickern", sagte sie der "Süddeutschen Zeitung". Die Bischofskonferenz solle den Vorwurf der Zensur schnell aus der Welt schaffen.

Ob das gelingt, hängt vor allem von der Kooperation aller Bistümer ab. Bischofskonferenzsekretär Langendörfer sagte der Berliner Morgenpost, bisher wisse er von keinem Bischof, der aus dem Projekt aussteige. "Aber selbst wenn das einer tun sollte: Wenn einer ausschert, dann sind es eben nicht mehr 27, sondern meinetwegen 26 Bistümer. Das ist als Grundlage für eine empirische Forschungsarbeit immer noch hervorragend." Offenbar zweifelt Langendörfer selbst, alle Bischöfe von der Fortsetzung des Projekts überzeugen zu können. Jedenfalls steht eine neue schmerzhafte Operation an.

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