05.01.13

SPD-Kanzlerkandidat

Als Peer Steinbrück Sparkassen-Chef werden wollte

Wie der SPD-Kanzlerkandidat einmal in Schleswig-Holstein diesen Job wollte – um seiner Ministerpräsidentin Simonis zu entfliehen.

Von Daniel Friedrich Sturm
Foto: Getty Images

Wahlkampf mit Schwierigkeiten: Peer Steinbrück (rechts hinten) mit Niedersachsens SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil in Emden
Wahlkampf mit Schwierigkeiten: Peer Steinbrück (rechts hinten) mit Niedersachsens SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil in Emden

Peer Steinbrück ist die Politik leid, genauer gesagt das Regieren unter einer Chefin, deren Attitüden er verachtet und über deren kleines Karo er sich mokiert. Fünf Jahre lang schon ist er als Minister tätig, nun sucht er den Ausstieg aus der Politik. Seinen Kabinettsposten möchte er dafür abgeben. Er liebäugelt mit dem Bankensektor. Peer Steinbrück will Präsident des schleswig-holsteinischen Sparkassen- und Giroverbandes werden.

Gut 14 Jahre ist es her, dass Peer Steinbrück den Plan verfolgt, das politische Parkett zu verlassen, für alle Zeiten. Im Herbst 1998 ist Steinbrück Wirtschafts- und Verkehrsminister in Schleswig-Holstein. Er liefert sich in diesem Amt ständige Konflikte mit seiner Ministerpräsidentin und Parteifreundin Heide Simonis, stets zofft er sich auch mit dem grünen Koalitionspartner.

Eine gemeinsame Wellenlänge indes verbindet den sozialdemokratischen Minister Steinbrück mit einem Enfant terrible aus der Opposition, FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki. Immer wieder sucht Steinbrück Kubicki in dessen Landtagsbüro auf, gemeinsam leeren sie manche Flasche Wein, sie spotten und sie lästern, vor allem über Parteifreunde. Öffentlich legt sich der Landesminister Steinbrück mit dem SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine und mit Simonis an.

Steinbrück hält die Kieler Regierungschefin für unprofessionell, er wirft ihr vor, keinen Plan zu haben. Obgleich Steinbrück selbst ein hoch emotionaler Politiker ist, kann er Simonis' eruptive Gefühlsausbrüche nicht ertragen. Für einen "Nordstaat" plädiert Steinbrück, also eine Fusion Schleswig-Holsteins mit Hamburgs. Kluge, vorausschauende, ja visionäre Gedanken notiert Steinbrück in einem Konzept, über das er aber die Ministerpräsidentin nicht einmal in Kenntnis setzt. Es sei keine Zeit mehr für "Kirchturmpolitik, politische Empfindlichkeiten und populistischen Föderalismus", konstatiert Steinbrück. Simonis versteht das Papier – zutreffend – als Attacke gegen sich. Eine Provokation.

Freche Sprüche, schlechte Taktik

Es kommt zur Machtprobe. Simonis ruft Steinbrück zur Raison, und der keilt zurück. "Politisches Klein-Klein auf Pepita Niveau", lästert er über Simonis. Über "Steinbrück freche Sprüche" amüsiert sich der "Spiegel", der sich sonst eher selten mit Ministern kleiner Bundesländer befasst. Der Minister überzieht, eskaliert, bindet die eigenen Leute nicht ein. Er weckt Widerstände anstatt diese zu schmälern. Steinbrücks "Nordstaat"-Pläne, so klug sie sind, landen im Papierkorb.

In dieser Situation plant Steinbrück, damals 51 Jahre alt, die Flucht. Das Amt des Präsidenten des Sparkassenverbandes im hohen Norden ist neu zu besetzen. Als Volkswirt, Minister mit Finanzverstand und Sozialdemokrat sieht er sich prädestiniert. Und wie unabhängig würde ihn diese Aufgabe machen! Steinbrück wäre Simonis los, er müsste sich nicht weiter mit mittelmäßigen Landtagsabgeordneten abgeben. Außerdem locken Bezüge von 400.000 Mark im Jahr. Das ist doppelt so viel, wie die Ministerpräsidentin verdient, und sogar weit mehr als der Bundeskanzler bekommt.

Steinbrück und seine Familie könnten mit dieser Perspektive im geliebten Schleswig-Holstein bleiben. Es bekümmert Peer Steinbrück nicht, dass der Sparkassenpräsident nur ein gut dotierter Frühstücksdirektor ist. Politischer Einfluss und Gestaltungskraft jenes Postens sind gering. Bekannt werden Steinbrücks Pläne ausgerechnet zwei Wochen vor der Bundestagswahl Ende September 1998.

Viel deutet vor dieser Wahl auf einen Erfolg der SPD. Kanzler Helmut Kohl ist nach 16 Jahren im Amt ermattet. Sollte diese Bundestagswahl Steinbrück nicht (wenigstens indirekt) neue Perspektiven verschaffen? Steinbrück hat schließlich enge Verbindungen in die Spitze der SPD. Deren Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder schätzt er, dessen wirtschaftspolitische Pläne hat er schon öffentlich unterstützt. Vor allem pflegt Steinbrück enge Verbindungen nach Nordrhein-Westfalen. Der dortige Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) ist ein alter Freund.

Steinbrück aber sieht für sich keine politischen Perspektiven. Groß indes ist sein Wille, das Kieler Kabinett zu verlassen. Seinen Widerwillen, weitere Jahre mit Simonis regieren zu müssen, verbirgt er erst gar nicht mehr. Doch neben Steinbrück interessiert sich Flensburgs sozialdemokratischer Oberbürgermeister Olaf Cord Dielewicz für das Amt des Sparkassenpräsidenten. Flensburgs OB versteht es, seine Truppen zu sammeln, auch Simonis favorisiert ihn. Dielewicz umgarnt Landräte und Bürgermeister, die bei den Sparkassen in öffentlicher Trägerschaft den Ton angeben. Er sucht nach einer Verbündeten in der Verbandsversammlung, die den Präsidenten wählt.

Steinbrück zieht zurück

Während sein vergleichsweise blasser Gegenkandidat eine Mehrheit unter Kommunalpolitikern und Sparkassenfunktionären schmiedet, überschätzt Steinbrück die eigene Stärke. Die Lage zu sondieren und Truppen zu sammeln aber ist Steinbrücks Sache nicht. Mit vergiftetem Lob bäumt sich das Regierungs-Establishment gegen Steinbrück auf. Simonis nennt ihn plötzlich: unverzichtbar.

Steinbrück vertraut zu lange sich selbst. "Dem Vernehmen nach hat der 51-Jährige seinen Einfluss im Sparkassenverband überschätzt", schreibt das "Hamburger Abendblatt". In einer Mischung aus Wagemut und Ungeschick lässt er es zu einer offenen Situation kommen, wird schließlich vom Oberbürgermeister von Flensburg ausgebremst. Steinbrück zieht seine Kandidatur zurück. Unter dem Druck von Regierungschefin, Partei und Fraktion bleibt er im Amt. Doch er bleibt nicht mehr lange. Zwei Wochen später bittet ihn Clement, Wirtschafts- und Verkehrsminister in Nordrhein-Westfalen zu werden. Steinbrück sagt zu.

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