02.01.13

Organspende-Skandal

Patientenschützer fordern unabhängige Kontrolleure

Wieder prüft die Staatsanwaltschaft Vorwürfe bei Organtransplantationen, diesmal in Leipzig. Die Sorge um Spendenbereitschaft steigt erneut.

Von Matthias Kamann
Foto: dpa

Das System der Organspende inn Deutschland soll noch einmal durchleuchtet werden
Das System der Organspende inn Deutschland soll noch einmal durchleuchtet werden

"Wir sind überrascht und bestürzt", sagte Wolfgang Fleig. Der Medizinische Vorstand des Universitätsklinikums Leipzig (UKL) musste am Mittwoch einen weiteren Organspendeskandal zugeben: In der Zeit von 2010 bis Anfang 2012 wurden am UKL bei insgesamt 38 Patienten die Krankenakten so manipuliert, dass die Patienten kränker wirkten, als sie waren. Durch diese Fälschungen rutschten die Patienten auf den Wartelisten für Lebertransplantationen nach oben und gelangten damit an die erhofften Organe schneller, als ihnen zugestanden hätte.

In den Krankenakten, die damals der für die Organvergabe zuständigen Organisation Eurotransplant im niederländischen Leiden zugeleitet wurden, war am UKL der Eindruck erweckt worden, bei jenen 38 Patienten läge nicht nur ein Leberschaden vor, sondern auch eine Nierenkrankheit. Angebliches Indiz für diese Nierenkrankheit war, dass die Patienten einer Dialyse unterzogen worden wären. Damit erschienen sie als besonders dringliche Patienten, die gleich mehrere organische Leiden hätten und bevorzugt eine Leber erhalten müssten.

Auf Empfängerliste hochgerückt

Doch Dialysen haben bei jenen Patienten nie stattgefunden. Durch Betrug also scheinen sie rascher an die Lebern gekommen zu sein – durchschnittlich eine Woche früher, so schätzt Fleig, als es den Regeln entsprochen hätte. Wie Fleig bestätigte, wurden der Direktor der Leipziger Transplantationschirurgie sowie zwei Oberärzte wegen der Unregelmäßigkeiten von ihren Aufgaben entbunden. Die Leipziger Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen, wollte dazu aber noch keine konkreten Auskünfte geben, weil die Unterlagen erst gesichtet werden müssten und noch unklar sei, in welcher Richtung sich Verdachtsmomente erhärten könnten.

Bereits vierte deutsche Transplantationszentrum unter Verdacht

Fest indes steht bereits, dass mit Leipzig nun das vierte deutsche Transplantationszentrum von Unregelmäßigkeiten bei der Organvergabe betroffen ist. 2012 waren ähnliche Manipulationen an Kliniken in Göttingen, Regensburg und München bekannt geworden. Allerorten regte sich damals die Forderung nach Verschärfungen am System, woraufhin die Verbände der Ärzte, Kassen und Krankenhäuser tatsächlich beschlossen, im Rahmen ihrer Selbstverwaltung verdachtsunabhängige Stichprobenüberprüfungen sowie die Kontrolle jeder Transplantation durch mehrere Ärzte einzuführen. Doch anstatt damit endlich Ruhe einkehrt, kommt in Leipzig ein weiterer Skandal hinzu.

Nein, nein, sagen aber die Befürworter der neuen ärztlichen Kontrollverfahren, in Leipzig zeige sich doch nun, dass die Prüfungen funktionierten. Das System als solches müsse nicht infrage gestellt werden, "wir müssen dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden", sagte Fleig. Tatsächlich spricht für seine Argumentation, dass sich die Leipziger Fälle vor der Einführung strengerer Regeln ereignet haben und nun gerade deshalb ans Licht kamen, weil im vergangenen Herbst beschlossen wurde, alle alten Vorgänge noch einmal zu durchleuchten. Es war eine am 10. Dezember 2012 am UKL begonnene Stichprobenüberprüfung für den Zeitraum 2007 bis 2012, wodurch die Manipulationen offenbar wurden. Folglich glaubte der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, im "Tagesspiegel" behaupten zu können, dass in Leipzig die Funktionsfähigkeit des neuen Prüfsystem belegt werde.

Unabhängige Kontrolleure

Weniger optimistisch sieht die Deutsche Stiftung Patientenschutz den Zusammenhang: Leipzig zeige, dass "die Unregelmäßigkeiten im Organspendesystem keine Einzelfälle" seien, sagte Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung. Im ganzen System herrsche eine "Manipulationsanfälligkeit", deren zentraler Grund im politischen Versagen liege: "Denn nicht der Gesetzgeber setzt die Maßstäbe und führt die Kontrollen durch. Das überlässt er privaten Akteuren", vor allem der Bundesärztekammer. Daher gebe es "niemanden, der politisch verantwortlich ist".

Deshalb müsse Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) nach Ansicht von Brysch jetzt "eine unabhängige Kommission beim Bundesgesundheitsministerium einrichten, der auch kritische Ärzte, Ethiker und Juristen angehören, die nicht am Transplantationssystem beteiligt sind und damit Geld verdienen". Zudem forderte die Stiftung, dass zur Aufklärung aller Skandale in ganz Deutschland "eine zentral arbeitende Schwerpunktstaatsanwaltschaft" eingerichtet und die Zahl der jetzt 49 Transplantationszentren deutlich reduziert wird, damit Kontrollen leichter möglich würden. Vor allem aber müsse "der Gesetzgeber das Transplantationssystem in staatliche Hände legen".

Doch das Bundesgesundheitsministerium sieht derzeit keinen Anlass für Konsequenzen: "Es wurde ja schon gehandelt", sagte eine Sprecherin und verwies auf die im vergangenen Jahr von der Selbstverwaltung beschlossenen Kontrollen. Dadurch sei bereits Transparenz hergestellt worden.

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