29.12.12

Parteien

Grüne überholen FDP bei der Mitgliederzahl

Die meisten Parteien verlieren Mitglieder, doch bei der FDP ist der Schwund überdeutlich. Die Grünen sind auf dem Vormarsch.

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Quo vadis, FDP? Der Parteivorsitzende Philipp Rösler steht unter Druck, den Liberalen laufen die Mitglieder davon
Quo vadis, FDP? Der Parteivorsitzende Philipp Rösler steht unter Druck, den Liberalen laufen die Mitglieder davon

Die FDP hat in diesem Jahr tausende Parteimitglieder verloren und dürfte einem Bericht zufolge zum Jahreswechsel von den Grünen überholt werden. Allein bis Ende Juni ging die Zahl der FDP-Mitglieder um knapp 3000 auf 60.181 Mitglieder zurück, wie ein Sprecher der Liberalen am Sonnabend bestätigte. Die Mitgliederentwicklung in mehreren Bundesländern deute darauf hin, dass sich der Negativtrend im zweiten Halbjahr fortgesetzt habe, berichtete die "Frankfurter Rundschau" am Samstag. Die Grünen zählten Mitte Dezember einer Sprecherin zufolge 59.727 Mitglieder.

Die Mitgliederentwicklung für das ganze Jahr 2012 werde die Partei im Januar veröffentlichen, sagte der FDP-Sprecher. Die Partei warte noch die Zahlen aus den Landesverbänden ab. "Erkenntnisse, dass es deutliche Mitgliedergewinne gegeben hat, liegen uns nicht vor", sagte der Sprecher der "Frankfurter Rundschau". In Brandenburg seien beispielsweise halbe Ortsgruppen aus der FDP ausgetreten, gleichzeitig habe es aber auch Neugründungen gegeben.

2011 hatte die FDP laut einer Umfrage der Zeitung mehr als 5000 Mitglieder verloren. Bei den Grünen nahm die Mitgliederzahl der Sprecherin zufolge kontinuierlich zu. Ende 2011 hatte sie 59.074 Mitglieder gezählt.

Politikverdrossenheit führt bei Parteien zu Mitgliederschwund

Im anhaltenden Mitgliederschwund bei fast allen Bundestagsparteien sieht der Berliner Politologe Oskar Niedermayer kein Zeichen von Politikverdrossenheit. "Es gibt heute viel mehr Möglichkeiten als früher, sich politisch zu engagieren", sagte der Parteienforscher an der Freien Universität Berlin (FU). Dem stünden aber nicht mehr Menschen gegenüber, die sich engagierten. "Viele Organisationen buhlen um dieselben Leute, darunter die Parteien." Mit Ausnahme der Grünen haben 2012 alle Bundestagsparteien Mitglieder verloren, am deutlichsten die CDU – fast 10.000 im Vergleich zum Vorjahr.

Für 2011 hat Niedermayer den auffälligen Schwund bereits genau analysiert und mit dem Stand zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung 1990 verglichen. Am stärksten traf es danach die Linke. Sie hatte – trotz des Zuwachses durch die Vereinigung von PDS und WASG – Ende 2011 über drei Viertel weniger Mitglieder als die PDS Ende 1990. Der SPD ging in diesem Zeitraum nahezu die Hälfte ihrer Mitglieder von der Fahne. Die FDP verlor nach Niedermayers Daten seit 1990 mehr als drei Fünftel ihrer Mitglieder. Bei der CDU waren es fast zwei Fünftel und bei der CSU annähernd ein Fünftel. Einzig die Grünen konnten ihre Mitgliederzahl seit 1990 steigern – um satte 43 Prozent.

2012 haben sich die Trends bei Bundestagsparteien fortgesetzt. Die SPD ist mit rund 483.000 Mitgliedern (2011: 489 638) zur mitgliederstärksten Partei geworden. Dicht dahinter – und nicht mehr davor – liegt nun die CDU mit rund 480.000 Mitgliedern (2011: 489 896). Recht stabil mit nur leichten Verlusten präsentiert sich die CSU mit rund 150.000 (2011: 150 585). Dann kommt die Linke mit 65.000 (2011: 69 458).

Parteien müssen mit weniger Mitgliedern auskommen

"Der Mitgliederschwund ist nicht nur auf eine einzige Ursache zurückzuführen", erklärte Niedermayer. Dahinter stecke auch ein längerfristiger Wandel der Gesellschaft. Bis in die 1960er-Jahre hinein habe es noch soziale Milieus – zum Beispiel Arbeiter oder Katholiken – gegeben. Eine Bindung, die auch einen Eintritt in eine dazu passende Partei nahelegte. "Heute haben wir eine individualisierte Gesellschaft", sagte Niedermayer. Die Zeiten, in denen eine Partei wie die SPD eine Million Mitglieder hatte, seien unwiederbringlich vorbei.

Parteien müssten sich also darauf einstellen, mit weniger Mitgliedern auszukommen, urteilte der Politologe. "Trotzdem müssen sie versuchen, sie zu halten. Mitglieder sind das Standbein. Ohne sie verlieren Parteien ihre Verankerung in der Gesellschaft."

Für Parteiverdrossenheit hält der Uni-Forscher die Entwicklung nicht. "Da sollte man vorsichtig sein, auch bei jungen Leuten", sagte Niedermayer. "Nur zwei bis vier Prozent der Bevölkerung lehnen Bundestagsparteien komplett ab." Junge Leute seien heute nicht politikmüde, sie mieden eher feste Organisationsstrukturen. "Wer die Welt verbessern möchte, will im Ortsverband nicht mit Leuten über 50 über die Abwasserzweckverbandsabgabe diskutieren."

Die Jugend suche andere Stile: etwas, das kurzfristig greife, Spaß mache und ein sichtbares Ergebnis bringe. "Die Piraten zeigen, dass es möglich ist, junge Leute mit dem Thema Internet zu begeistern", sagte Niedermayer. 20.000 stimmberechtigte Mitglieder haben die Piraten im Moment – allerdings bei nachlassender Begeisterung.

"Man will nicht zu den Verlierern gehören"

Große etablierte Parteien könnten ihren Mitgliederschwund vielleicht stoppen, wenn sie mehr Schnupperangebote und projektbezogenes Mitarbeiten möglich machten, regte Niedermayer an. Richtig schlechte Karten hätten zur Zeit nur Parteien wie die FDP. "Leute gehen nicht in eine Partei, die dauernd in Negativschlagzeilen ist. Man will nicht zu den Verlieren gehören", sagte der FU-Forscher. Umgekehrt funktioniere es bei den Grünen: Besonders seit Fukushima könnten sie mit ihrem Kernthema Atompolitik punkten – und neue Mitglieder anlocken.

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