23.12.12

Demenz und Alzheimer

Auch ohne Pflegestufe gibt es Geld vom Staat

Auch wer bereits Leistungen bezieht, sollte Kontakt mit der Pflegekasse aufnehmen. Bis zu 700 Euro Aufwandsentschädigung im Monat zahlt der Staat – wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.

Foto: dpa

Eine Altenpflegerin spricht mit Senioren in einer Pflege-WG für Demenzkranke in Hammoor bei Hamburg über den Tagesablauf
Eine Altenpflegerin spricht mit Senioren in einer Pflege-WG für Demenzkranke in Hammoor bei Hamburg über den Tagesablauf

Pflegebedürftige mit einer Demenzerkrankung bekommen ab kommender Woche – genauer ab dem 1. Januar 2013 – mehr Geld von der Pflegeversicherung. Mit dem Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz (PNG) erhalten zudem erstmals auch Menschen Pflegegeld und Pflegesachleistungen, die noch keine Pflegestufe haben, aber trotzdem Betreuung brauchen.

Für sie ist es ganz wichtig, möglichst bald einen Antrag bei ihrer Pflegekasse zu stellen. Denn vorher rührt sich die Pflegeversicherung nicht. Sie zahlt erst ab dem Tag, an dem der Antrag eingeht.

Aufwandsentschädigung für Pflegende

Die Pflegereform, für die das Bundesgesundheitsministerium eine 1,2 Millionen Euro schwere Kampagne fährt, beinhaltet nicht, wie von vielen Experten gefordert, einen neuen Begriff von Pflegebedürftigkeit.

Weiterhin gelten Menschen nur dann als pflegebedürftig, wenn sie Unterstützung bei der körperlichen Pflege brauchen. Demenzkranke, die sich zwar noch selbst anziehen oder waschen können, dafür aber Anleitung brauchen, bekommen auch in Zukunft keine Pflegestufe. Sie können aber mehr Leistungen in Anspruch nehmen.

Bisher bekommen nur Menschen mit Pflegestufe I, II oder III Pflegegeld oder entsprechende Sachleistungen. Das Pflegegeld beträgt je nach Pflegestufe zwischen 235 und 700 Euro pro Monat.

Es ist als Aufwandsentschädigung für pflegende Angehörige oder andere ehrenamtliche Pfleger gedacht. Wird ein professioneller Pflegedienst engagiert, erhält der Pflegebedürftige Sachleistungen. Sie liegen je nach Pflegestufe bei 450 bis 1550 Euro pro Monat. Der Pflegedienst rechnet die Sachleistungen direkt mit der Pflegekasse ab.

Erhebliche Einschränkungen

Künftig erhalten Menschen mit Pflegestufe I und II mehr Geld, wenn eine "erhebliche Einschränkung der Alltagskompetenz" vorliegt. Das ist bei vielen Demenzkranken der Fall. Für sie steigt das Pflegegeld in der Stufe I um 70 Euro auf 305 Euro, in der Stufe II um 85 Euro auf 525 Euro. Die Sachleistungen erhöhen sich in der Stufe I um 215 Euro auf 665 Euro, in der Stufe II um 150 Euro auf 1250 Euro. In der Pflegestufe III bleibt alles beim Alten.

In der sogenannten Pflegestufe 0 beträgt das Pflegegeld 120 Euro im Monat, die Pflegesachleistung liegt bei 225 Euro.

Außerdem können diese Menschen künftig wie alle anderen Pflegebedürftigen bis zu 1550 Euro im Jahr für eine Ersatzpflege in Anspruch nehmen, wenn die Hauptpflegeperson ausfällt. Müssen sie ihre Wohnung barrierefrei umbauen, zahlt die Pflegekasse bis zu 2557 Euro als Zuschuss.

Dieses Geld gibt es aber nicht automatisch. Demenzkranke ohne Pflegestufe müssen einen Antrag bei der Pflegeversicherung stellen, erklärt Ann Marini, Sprecherin des GKV-Spitzenverbandes. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) prüfe dann, ob eine erhebliche Einschränkung der Alltagskompetenz vorliegt.

Störung der Hirnfunktionen

Ein Kriterium dafür ist beispielsweise, dass höhere Hirnfunktionen gestört sind, die zu Problemen bei der Alltagsbewältigung führt: Der Betroffene findet zum Beispiel seine Wohnung nicht mehr oder vergisst nach kurzer Zeit Absprachen.

Menschen, bei denen eine erhebliche Einschränkung der Alltagskompetenz festgestellt wurde, erhalten schon jetzt zusätzliche Betreuungsleistungen in Höhe von 100 bis 200 Euro im Monat.

Damit können Demenzkranke zum Beispiel niedrigschwellige Angebote wie die Betreuung in einer Alzheimer-Gruppe finanzieren. "Viele der Anbieter rechnen direkt mit den Pflegekassen ab", erklärt Konstanze Pilgrim vom Verein Angehörigenberatung Nürnberg.

Manche schickten aber auch eine Rechnung, die der Demenzkranke bei seiner Pflegekasse einreichen muss. Künftig bekommen Erkrankte außerdem Pflegesachleistungen oder Pflegegeld. Beide Leistungen sind unabhängig voneinander, so Marini. Um an sie heranzukommen, gelten aber die gleichen Voraussetzungen.

Vertrag mit der Pflegekasse

Die Pflegesachleistungen muss der Betroffene bei einem Pflegedienst einkaufen, der einen Vertrag mit der Pflegekasse hat und direkt mit dieser abrechnen kann. Günther Schwarz geht davon aus, dass Menschen, die bereits zusätzliche Betreuungsleistungen beziehen, automatisch Pflegegeld oder Pflegesachleistungen bekommen. "Sie sollten aber ihrem Kontoauszug prüfen", rät der Experte der Alzheimer Beratung Stuttgart.

Das gilt auch für Menschen, die bereits eine Pflegestufe haben und zusätzliche Betreuungsleistungen bekommen. Sie sollten ebenfalls prüfen, ob die neuen Leistungen bei ihnen eingehen. Ann Marini empfiehlt, sicherheitshalber mit der Pflegekasse Kontakt aufzunehmen. Demenzkranke mit Pflegestufe, die noch keine zusätzlichen Betreuungsleistungen erhalten, sollten sich möglichst schnell um eine neue Begutachtung kümmern, rät Pilgrim.

Mehr Geld für Behinderte

Denn nur, wenn der MDK eine erhebliche Einschränkung der Alltagskompetenz feststellt, erhalten sie die höheren Leistungen. Von dem zusätzlichen Geld profitieren übrigens nicht nur Demenzkranke, auch Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen, so Marini.

Wer unsicher ist und Fragen zu den neuen Leistungen hat, sollte sich an seine Pflegekasse wenden. Denn mit der Pflegereform wird auch die Beratung deutlich gestärkt, sagt Pilgrim. Stellt ein Versicherter einen Antrag auf Pflegeleistungen, müssen die Kassen ihm künftig innerhalb von zwei Wochen einen Beratungstermin anbieten.

Quelle: got/dpa
© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Endspurt: Die Baukräne am Kapelle-Ufer drehen sich für das Bildungsministerium. Es soll 2014 fertig sein.
22.05.13Baustellen
Es geht voran - In Berlin werden doch Großprojekte fertig

Eines der größten Bauvorhaben des Bundes in Berlin geht in die Zielgerade. Für den Neubau des Innenministeriums wurde jetzt Richtfest gefeiert. Auch andere große Bauvorhaben in Mitte kommen gut voran. mehr...


Sängerin Beyoncé ist in der O2 World in Friedrichshain zu Gast
22.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Donnerstag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Donnerstag, den 23. Mai. mehr...


Spurensicherung im Londoner Stadtteil Woolwich. Hier wurde ein Mann mit einer Machete getötet
Aktualisiert vor 17 MinutenMit Machete ermordet
Tödliche Attacke in London war offenbar Terrorakt

In London ist ein Mann mit einer Machete getötet worden. Laut Premierminister Cameron gebe es "starke Anzeichen" für einen terroristischen Hintergrund. Videos zeigen Teile des Geschehens. mehr...


Der SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß war von der großen Mehrheit für seinen Vorschlag selbst überrascht
22.05.13Landespolitik
Berliner SPD-Vorstand billigt Bundestagsliste von Jan Stöß

Erfolg für den SPD-Landesvorsitzenden Jan Stöß: Der Landesvorstand hat am Mittwochabend seinem Vorschlag für die Bundestagsliste mit großer Mehrheit zugestimmt. Spitzenkandidatin soll Eva Högl werden. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Der "Pflege-Bahr"
  • Neue Produkte

    In den kommenden Tagen wird Versicherungsgesellschaft um Versicherungsgesellschaft mit neuen Produkten à la „Pflege-Bahr“ auf den Markt kommen. Dabei gilt: Wer eine förderfähige Pflege-Police abschließt und selbst mindestens zehn Euro im Monat auf sie zahlt, erhält vom Staat monatlich fünf Euro dazu. Die Zulage können alle volljährigen, pflege-pflichtversicherten Bürgerinnen und Bürger erhalten.

  • Bedingungen

    Die Anbieter sind verpflichtet, jeden Bürger – ohne Gesundheitsprüfung und unabhängig von einer Vorerkrankung – zu versichern. Auch Risikozuschläge und Leistungsausschlüsse sind nicht erlaubt. Die Zusatzversicherung muss zudem für alle Pflegestufen Leistungen vorsehen, für Pflegestufe III mindestens 600 Euro im Monat. Ein Leistungsanspruch besteht aber auch bereits in der Pflegestufe 1 oder 2, sowie bei erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz, vor allem einschlägig bei bei Demenz (Pflegestufe 0).

  • Modelle

    Experten raten dazu, die Angebote der Versicherungsgesellschaften erst einmal zu prüfen und keinesfalls übereilt abzuschließen. Es gibt vier Modelle für die private Pflegezusatzvorsorge – daran wird sich aller Voraussicht nach nichts ändern. Die allgemein empfohlene Variante ist Pflegetagegeld. Hier zahlt der Versicherer eine vereinbarte Summe pro Tag. Variante zwei ist eine Pflegekostenversicherung. Hier erhalten Versicherte ihre entstandenen Kosten zurück. Von den Varianten drei und vier, einer Pflegerentenversicherung oder auch einer Pflegerentenrisikoversicherung, raten Experten hingegen ab.

Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Oklahoma Wiedersehen nach dem schweren Tornado
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
US-Kongress Apple verteidigt Steuersparmodell
Xbox One Microsoft stellt neue Spielkonsole vor
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote