21.12.12

Kommentar

In Berlin steht der Ruf des "Made in Germany" auf dem Spiel

Auf den Baustellen in Berlin regieren Pleiten, Pech und Pannen. Manches, meint Jochim Stoltenberg, war "einst" verlässlicher im Gebrauch.

Foto: dpa

Der Berliner Fernsehturm im Nebel: Auf immer mehr Baustellen der Hauptstadt regiert der Pfusch
Der Berliner Fernsehturm im Nebel: Auf immer mehr Baustellen der Hauptstadt regiert der Pfusch

Das "S" der über Jahre ausgehungerten Bahntochter steht denn wohl auch weiterhin symbolisch eher für "Spät"-Bahn. Das Berliner Nahverkehrssystem galt einst als eines der besten weltweit. Daran glaubt seit Jahren keiner mehr, die S-Bahn hat ihren Nimbus als verlässlicher Allwetter-Transporteur verloren. Und Besserung ist noch immer nicht in Sicht.

Das zumindest prognostiziert der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. Das passt leider zu all den anderen Bau- und Planungspannen in dieser Stadt. Einst galt Berlin auch als Zentrum industriellen und technologischen Erfindungsreichtums. Nicht nur theoretisch, auch praktisch funktionierte, was bei Siemens oder Borsig erfunden wurde.

Und so fragt man sich: Was nur ist aus deutscher Wertarbeit geworden? Wie verlässlich ist deutsche Technologie noch? Was können vermeintliche deutsche Hightech-Unternehmen heute überhaupt noch? Fragen, die sich nicht länger verdrängen lassen, seit sich Deutschland nicht allein in Berlin mit technologischen Pleiten, Pech und Pannen blamiert. In Wahrheit steht der gute Ruf des "Made in Germany" auf dem Spiel.

Wenn Weltfirmen wie Bosch und Siemens noch immer keinen verlässlichen Brandschutz am BER garantieren können, wenn sich auch Millionen Touristen über ein ziemlich marodes S-Bahn-System ärgern; wenn Opernfreunde aus aller Welt auf die Wiedereröffnung der Staatsoper warten müssen, weil man bei den Bauarbeiten irgendwelche Holzklötze im Boden unterschätzt hat; oder wenn am erst vor ein paar Jahren grundsanierten Bahnhof Friedrichstraße Betonbrocken aus der Decke fallen – dann ist das Pfusch.

Oder technologische Überforderung, die keineswegs mehr allein berlintypisch ist. In Hamburg ist die großmannssüchtige Elbphilharmonie zur Millionenposse geworden. In Stuttgart wirft der Milliarden verschlingende neue Bahnhof immer neue technische und finanzielle Probleme auf. Das Weltunternehmen Siemens kann der Deutschen Bahn keine verlässlich funktionierenden, aber dringend benötigten neuen ICE-Züge liefern. Und selbst die, die fahren, haben offenkundige Macken. Vor ein paar Tagen wurden Reisende im ICE von Berlin nach Köln gar von einer bislang einmaligen Durchsage überrascht: "Entschuldigung, wir haben uns verfahren …"

Allem technischen Fortschritt und aller Elektronik und Digitalisierung zum Trotz: Manches, hat man das Gefühl, war "einst" verlässlicher im Gebrauch. Und so bleibt uns wohl nur noch eine Chance, alles wiedergutzumachen. Es der ganzen Welt doch noch einmal zu zeigen. Wozu dieses Land fähig ist. Was in ihm steckt. Technologisch natürlich. Als erstes und bislang einziges Industrieland der Welt wollen wir unsere Atomkraftwerke abschalten und voll auf saubere, vorwiegend alternative Energiequellen setzen.

Das ist eine gewaltige technologische und finanzielle Herausforderung. Die Welt betrachtet dieses Experiment mit Spannung. Können wir sie überzeugen, dass wir es können, sind alle Zweifel an deutscher Ingenieurkunst schnell vergessen. Schon deshalb muss die Energiewende gelingen.

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