21.12.12

Linke

Gysi sieht "keine ausreichende Stimmung für Rot-Rot-Grün"

Linke-Fraktionschef Gregor Gysi im Interview über SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und seine Vorstellung von Abschied.

Foto: dapd

 Gregor Gysi weiß noch nicht, was er nach seinem Leben in der Politik machen soll. „Ich hab ja keine Hobbys“, sagt der Chef der Linke-Fraktion im Bundestag
Gregor Gysi weiß noch nicht, was er nach seinem Leben in der Politik machen soll. "Ich hab ja keine Hobbys", sagt der Chef der Linke-Fraktion im Bundestag

Miriam Holstein

Das Interview verzögert sich ein bisschen: Gregor Gysi, gerade von einer Dienstreise zurück, will noch eben die Kerzen des Adventskranzes in seinem Büro anzünden. Miriam Holstein sprach mit dem Linke-Fraktionschef unter anderem über sein Verhältnis zu Oskar Lafontaine und den Zoff bei der Linken.

Berliner Morgenpost: Kennen Sie den TV-Spot "Weihnachten mit Gregor Gysi"?

Gregor Gysi: Nein.

Sie werden darin von der Komikerin Anke Engelke verkörpert. Diese kritisiert, verkleidet als Ihr Ebenbild, Weihnachten als "Fest der Besserverdienenden" und fordert Einheitsgeschenke mit einem Maximalwert von fünf Euro. Stört Sie der Konsumaspekt, oder wird Gregor Gysi an Weihnachten zum hemmungslosen Schenker?

Frau Engelke irrt. Was Weihnachten betrifft, bin ich konservativ. Ich liebe den Weihnachtsbaum mit echten Kerzen, die Weihnachtsgans und Weihnachtsmusik. Ich liebe es auch, zu schenken und selbst beschenkt zu werden. Nur das Einkaufen vorher nervt.

Auf dem Parteitag in Göttingen haben Sie offenbar auch genervt in einer Brandrede vom "Hass" gesprochen, der in Ihrer Fraktion herrscht. Man hat nicht den Eindruck, dass sich seitdem viel verändert hat.

Doch. Meine Rede war wohl eher wie ein reinigendes Gewitter. Die Mitglieder sind motivierter. Viele waren froh, dass die Dinge endlich mal ausgesprochen wurden. Auch in der Fraktion wird viel sachlicher und politischer diskutiert. Manchmal habe ich auch den Eindruck, dass sich die alten Fronten verschoben haben. Mir macht es wieder Spaß, Fraktionsvorsitzender zu sein.

Laut einer neuen Studie sehen die Ostdeutschen die Westdeutschen viel negativer als umgekehrt. Vielleicht auch ein Grund für das mangelnde Zusammenwachsen in der Linken?

Das hängt mit den Machtverhältnissen zusammen. Wenn Sie mächtiger als die anderen sind, sind Sie in der Beurteilung immer großzügiger. Wenn Sie eher ohnmächtig sind, weniger. Das ist psychologisch erklärlich. Wenn Sie eine Beziehung haben, in der der Mann die Frau dominiert, würde der Mann sehr viel besser über seine Frau reden als die Frau über ihn. Das gilt auch umgekehrt.

Ist Peer Steinbrück für den Wahlkampf der Linken der Wunschkandidat?

Das glauben viele, aber das stimmt nicht. Man darf Peer Steinbrück nicht unterschätzen. Der strahlt etwas aus, was selten ist in Deutschland: Selbstbewusstsein. Viele Menschen in Deutschland sind derzeit verunsichert, da ist so etwas ein Wert. Sein sarkastischer Humor ist für die Seele der Leute hingegen nicht das Richtige. Und im Osten kommt er auch nicht gut an.

Mit dem zum rechten SPD-Flügel zählenden Steinbrück ist die Option Rot-Rot-Grün in weite Ferne gerückt. Frustriert Sie das?

Das hängt doch nicht von Steinbrück ab, sondern letztlich von der Stimmung in der Gesellschaft. Wenn eine gesellschaftliche Atmosphäre ein linkes Bündnis erzwingt, kann sich die SPD nicht drücken. So war es schon in Berlin nach der Abwahl von Eberhard Diepgen. So war es auch, als Brandt zum Kanzler gewählt wurde. Das war ganz knapp, aber die Stimmung dafür war da. Momentan gibt es noch keine ausreichende Stimmung für Rot-Rot-Grün, aber niemand kann einschätzen, wie es im September 2013 aussieht.

Sie schließen Rot-Rot-Grün für 2013 also nicht aus?

Nein. Im Übrigen hat es Herr Steinbrück ja klug formuliert: Eine Koalition mit der Linken wird es mit ihm nicht geben. Von der SPD hat er nicht gesprochen.

Umgekehrt würde die Linke ja aber auch keinen Kanzler Steinbrück akzeptieren.

Das ist nicht die Frage. Man würde Kompromisse machen müssen, zum Beispiel bei der Leiharbeit. Ich würde sie verbieten, aber wenn es eine Regelung nach französischem Vorbild gäbe, wäre das akzeptabel. Da bekommen Leiharbeiter zehn Prozent mehr als Mitarbeiter der Stammbelegschaft, dann wird es zur absoluten Ausnahme. Man darf nur nicht unkenntlich werden.

Wünschen Sie sich manchmal Oskar Lafontaine in die Bundespolitik zurück?

Oskar Lafontaine ist eine herausragende Persönlichkeit, und das bleibt er auch. Aber er trifft bestimmte Entscheidungen, die ich respektiere.

Nervt es Sie manchmal, dass er sich immer wieder einmischt?

Er ist Vorsitzender der Fraktion der Saar-Linken und Vorsitzender der Internationalen Kommission. Er ist jemand, der sich einmischt, wenn er es für geboten hält. Ich kann mich eher zurückziehen. Aber mich stört das bei ihm gar nicht. Ich bin übrigens souveräner geworden, seit wir offener miteinander umgehen. Wir sagen uns jetzt, wenn uns was am anderen nicht passt.

Sie werden in einem Monat 65 Jahre alt. Kann ein Gregor Gysi wirklich auf sein Lebenselixier Politik verzichten?

Die Frage wird mich in der Tat irgendwann beschäftigen, denn ich habe keine Hobbys. Aber ich bin ja noch Anwalt und Moderator, das kann man ausbauen. Und dann kann man auch ohne Amt politisch tätig sein. Was ich dann wieder werde lernen müssen: einen Parkplatz zu suchen. Das kennt man ja nicht, wenn man regelmäßig mit Dienstwagen und Fahrer unterwegs ist. Aber Sie müssen sich noch gedulden.

Stellen Sie sich manchmal vor, wer aus Ihrer Partei bei Ihrer Beerdigung am Grab ehrlich um Sie trauert?

Nein: Meine Asche kann doch auch auf offener See verstreut werden. Und dann könnte eine Windböe kommen, und alle bekämen die Asche ins Gesicht geweht. Dann könnten sie vor Lachen kaum noch auf dem Schiff stehen. Ich fände es schön, wenn auf meiner Beerdigung auch gelacht würde.

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