19.12.12

Sozialdemokrat

Der Parteisoldat mit der Pfeife - Peter Struck ist tot

Mann mit Charakter: Der Ex-Bundesverteidigungsminister war ein Urgestein der SPD. Am Mittwoch starb er nach einem Herzinfarkt in Berlin.

Von Thomas Schmid
Foto: dpa

Peter Struck (24. Januar 1943 bis 19. Dezember 2012). Der SPD-Politiker war von …

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Er war ein Typ: markant, manchmal schroff, oft war er sichtlich bemüht, als ein ungeschliffener Diamant zu gelten. Er trat so auf, als würde er Raufereien – verbalen, aber auch körperlichen – nur ungern aus dem Weg gehen.

Und er verkörperte die alte Sozialdemokratie, die noch sehr von einem Wir-die-Denken geprägt war und in der die geistigen Koordinaten manchmal schlicht, immer aber äußerst klar gezogen und fest gesetzt waren. Das ist das Bild, das man sich von Peter Struck leicht machen konnte. Doch war er wirklich so?

Sein Lebensweg erzählt eine andere Geschichte. 1943 in Göttingen geboren, studierte er – der immer sehr norddeutsch wirkte – nach dem Abitur 1962 in seiner Geburtsstadt und im 250 Kilometer entfernten Hamburg Rechtswissenschaft und promovierte im Jahr seines Staatsexamens mit der Arbeit "Jugenddelinquenz und Alkohol. Ein Beitrag zur Persönlichkeit des Alkoholtäters".

Ähnlich wenig kantig ging es weiter: Regierungsrat in Hamburg, dann bei der Finanzbehörde der Stadt und dann ab 1973 stellvertretender Stadtdirektor von Uelzen, wo er bis zu seinem Tod lebte und wo seine Frau stellvertretende Bürgermeisterin ist. Die äußeren Daten ließen, für sich genommen, auf eine typisch bundesrepublikanische Lebensbahn schließen: viel Verwaltung, viel Heimat.

Es kam anders. Peter Struck trat 1964 – also noch vor der Großen Koalition – in die SPD ein. Anfangs sah es nicht nach großer Karriere aus: Stadtrat in Uelzen, Kreistag in Uelzen, Bezirksvorstand SPD Hannover, Mitglied im Landesvorstand Niedersachsen. 1980 machte er den Sprung in den Bundestag, wo er eine Weile lang nicht besonders auffiel. Man wurde allmählich aufmerksam auf ihn, nachdem er 1990 zum Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion gewählt worden war. Er zeichnete sich durch eine gewisse Schärfe aus und auch einen an Herbert Wehner erinnernden Willen, seine Schafe unerbittlich beisammen zu halten. Er war keiner, der mit Charme, Verführungskraft und Verständnis Eindruck im anderen politischen Lager machen oder gar zögernde Wechselwähler herüber ziehen wollte. Das wurde noch deutlicher, als er 1998 beim rot-grünen Regierungswechsel den Job des SPD-Fraktionsvorsitzenden bekam, auf den eigentlich Rudolf Scharping begierig war (der sich dann mit dem Verteidigungsministerium zufrieden geben musste).

Peter Stuck: brummig, kultiviert, durch dick und dünn

Hier profilierte er sich als das, was man einen Parteisoldaten nennt. Brummig in Interviews, kultivierte er die Rolle des Koordinators, der für die SPD und nur für die SPD steht, durch dick und dünn. Als gäbe es keine Verhaltensalternative, äußerte er sich über den politischen Gegner, CDU und Angela Merkel voran, stets grimmig bis abfällig – Revision des Urteils undenkbar. Kostprobe: Als er von der CDU aufgefordert wurde, sich für seine scharfe Kritik an Hessens Ministerpräsident Roland Koch zu entschuldigen, erwiderte er so knapp wie möglich: "Die kann mich mal." Aber auch der grüne Koalitionspartner wurde von dem Hyperrealpolitiker, als der Struck sich gerne gab, nicht geschont – keine Spur von "Projekt" und Kumpelei. Kostprobe: "Es ist die Aufgabe der Grünen, die Stimmen zusammen zu kriegen. Wenn sie mit uns regieren wollen." So spricht der Koch über den Kellner.

Aber das war – gottlob – nicht der ganze Peter Struck. Seine politisch vielleicht glücklichste Zeit begann, als ihm Rudolf Scharping 2002 zum zweiten Mal über den Weg lief, dieses Mal durch seine Entfernung aus dem Amt des Verteidigungsministers. Peter Struck – der sicher lieber Bundesfinanzminister geworden wäre – musste nun ran. Er, der Erzzivilist, fügte sich in die Aufgabe – kalauernd könnte man sagen: ganz Parteisoldat. Da waren es noch 65 Tage bis zur Bundestagswahl, deren Ausgang höchst ungewiss war. Es schien eine kurze Episode zu werden. Doch dann schaffte es Rot-Grün noch einmal, Struck blieb im Amt und erblühte darin. Wie vor ihm Georg Leber wurde er, der Ungediente, zu einem Liebling der Soldaten. Hier kam seine Raubeinigkeit gut an, und jedem war schnell ersichtlich, dass sich hinter der sprichwörtlichen rauen Schale ein ganzer, guter Kerl verbirgt. Es hatte etwas Rührendes, wenn er "meine Soldaten" sagte. 2004 entrutschte ihm bei einer Regierungserklärung der Satz, der wie Pech an ihm kleben geblieben ist: "Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt." Es war mutig, diesen großen Bogen zu ziehen.

Strucks überzeugende Blues-Brothers-Imitation

Peter Struck war ein passionierter Pfeifenraucher und Motorradfahrer, oft war er auf großer Fahrt quer durch die Republik und ließ sich wie ein Freizeitrocker abbilden. Seine Blues-Brothers-Imitation war ziemlich überzeugend. Er war ein Mann klarer Schnitte. 2009 schied er aus dem Bundestag aus, für Interviews über die alte oder die neue Regierung, in der die SPD an der Seite der Union zu regieren hatte, stand er nicht zur Verfügung. Ganz konsequent trat er – Vater von drei Kindern und Großvater für sieben Enkel – aus der politischen Sphäre heraus. 2011 wurde er Vorsitzender des Vorstands der Friedrich-Ebert-Stiftung, deren Problem es war, dass sie sich sehr nach innen orientierte und zu viel die alten sozialdemokratischen Hausgötter pflegte. Ausgerechnet der einst schroffe Sozialdemokrat Struck war es, der den Laden peu à peu geöffnet hat.

Am Mittwoch ist Peter Struck in Berlin nach einem schweren Herzinfarkt gut einen Monat vor seinem 70. Geburtstag gestorben. Er hat die SPD, wie sie vor ihrer Eroberung durch die Lehrer war, verkörpert: ein Mann mit Bildung, Lebens- und Verwaltungserfahrung, aller proletarischer Anbiederei abhold, der sich für die Sache des kleinen und mittleren Mannes schlug.

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Peter Struck - Stationen
  • 1943:

    geboren am 24. Januar in Göttingen als Sohn eines Autoschlossers und einer Kioskbesitzerin.

  • 1963-67:

    Jurastudium in Göttingen und Hamburg.

  • 1964:

    Struck wird Mitglied der SPD.

  • 1971:

    Nach Staatsexamen und Promotion wird er Regierungsrat in der Hamburgischen Verwaltung, bis 1972 ist er als persönlicher Referent des Präsidenten der Hamburger Universität tätig.

  • 1973:

    Stadtrat und stellvertretender Stadtdirektor der Stadt Uelzen.

  • 1980:

    Struck zieht erstmals in den Bundestag ein, dem er bis 2009 ohne Unterbrechung angehört.

  • 1990:

    Nach der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl wird Struck Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion. 1994 wird er in seinem Amt bestätigt.

  • 1998-2002:

    Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion als Nachfolger Rudolf Scharpings, der in der rot-grünen Koalition Verteidigungsminister wird.

  • 2002-2005:

    Nach der Entlassung Scharpings durch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wird Struck Bundesminister der Verteidigung und zählt zu den größten Befürwortern des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan.

  • 2005-2009:

    Nach der vorgezogenen Bundestagswahl und dem Verlust der rot-grünen Mehrheit übernimmt Struck erneut den Vorsitz der SPD-Bundestagsfraktion. Er folgt damit Franz Müntefering, der in der großen Koalition unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Arbeitsminister und Vizekanzler wird.

  • 2008:

    Ende April kündigt Struck seinen Rückzug aus der Bundespolitik an.

  • 2010:

    Struck übernimmt den Vorsitz der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung.

  • 2012:

    Der SPD-Politiker stirbt am 19. Dezember an den Folgen eines Herzinfarkts. Quelle: dpa

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