18.12.12

Armutsbericht

Junge Menschen haben weniger Geld als Alte

Arm sind in Deutschland nicht alte Menschen, sondern junge. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten über Altersarmut.

Quelle: Reuters
18.12.12 2:17 min.
Die Nationale Armutskonferenz (nak) wirft der Regierung vor, mit ihrem Armutsbericht die soziale Situation zu verschleiern. Der Bericht ist äußerst umstritten, da kritische Passagen gestrichen wurden.

Besonders alleinerziehende Mütter und ihre Kinder sowie Einwanderer sind in Deutschland von Armut betroffen. Zu diesem Ergebnis ist der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium in einem Gutachten über Altersarmut gekommen. Danach beziehen 2,6 Prozent der Rentner in Deutschland Grundsicherung und gelten als arm. In der Gesamtbevölkerung sind es 7,4 Prozent.

Jeder sechste der über 65-Jährigen ist laut Studie zwar von Armut bedroht. Bei alleinerziehenden Müttern ist es aber jede zweite, bei jungen Migranten jeder vierte. Als armutsgefährdet gilt, wer als Alleinstehender weniger als 952 Euro im Monat zum Leben hat.

Gutachter befeuern Rentenstreit der Koalition

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte bis zum Beginn der parlamentarischen Weihnachtspause mit den Rentenexperten der Koalition verhandelt. Aber das von ihr angekündigte Reformpaket zur Bekämpfung der Altersarmut konnte nicht mehr rechtzeitig vor dem Fest auf den Weg gebracht werden. Hauptstreitpunkt ist die von der Ministerin angestrebte "Lebensleistungsrente", die langjährig versicherte Geringverdiener erhalten sollen. Die CSU hat Bedenken, staatliche Fürsorge und Versicherungsleistung zu vermengen. Die FDP findet die Zuschussrente schlicht überflüssig.

Unterstützung erhalten die Skeptiker vom wissenschaftlichen Beirat von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP). In dem bereits erwähnten Gutachten legen die Regierungsberater dar, dass die Warnungen von der Leyens vor einer stark steigenden Altersarmut übertrieben seien. "Selbst bei einer ungünstigen Entwicklung am Arbeitsmarkt wird der Anteil der Empfänger von Grundsicherung im Alter bis 2030 höchstens von jetzt 2,6 auf fünf Prozent steigen", sagte Studienleiter Axel Börsch-Supan.

Damit bliebe das Armutsrisiko der Senioren auch in Zukunft unter dem Niveau der Gesamtbevölkerung. Eine andere Umfrage zeigt aber, dass mittlerweile 38 Prozent der Haushalte fürchteten, im Alter in die Armut abzurutschen. Börsch-Supan kritisierte, dass die seit Monaten geführte Debatte über Altersarmut "diesen extremen Pessimismus ausgelöst habe, der im krassen Gegensatz zur Wirklichkeit" stehe.

Absenkung des Rentenniveaus nicht der Hauptgrund für Altersarmut

Von der Leyen hatte gewarnt, dass selbst Durchschnittsverdiener später armutsgefährdet seien und dies auf die Rentenreformen der vergangenen Jahre zurückgeführt. Sozialverbände und Gewerkschaften fordern, die Leistungskürzungen zurückzunehmen.

Der Vorsitzende des Beirats, Achim Wambach, sagte dagegen, die Absenkung des Rentenniveaus sei nicht der Hauptgrund für Altersarmut. Die Ursache geringer Rentenansprüche liege vielmehr in "unzureichenden Erwerbsbiografien".

Konkret führen lange Zeiten der Arbeitslosigkeit oder Erwerbsunterbrechungen zu Rentenlücken. "Solche Probleme müssen jedoch am Arbeitsmarkt angegangen werden. Es wäre falsch, an den Symptomen herumzudoktern", unterstrich Wambach.

Nicht nur die Regierung, sondern auch die Opposition plädiert dafür, niedrige Renten aufzustocken. "Bevor wir viele Milliarden in Zusatzrenten versenken, sollten wir sie bei jungen Leuten investieren", sagte Studienleiter Börsch-Supan. Nötig seien etwa gezielte Maßnahmen zur besseren Integration von Migranten oder Alleinerziehenden in den Arbeitsmarkt. Beide Gruppen seien besonders oft von Arbeitslosigkeit betroffen und hätten somit auch ein hohes Risiko, im Alter schlecht abgesichert zu sein.

Die Koalition hat angekündigt, langfristig versicherten Geringverdienern eine "Lebensleistungsrente" knapp oberhalb der Grundsicherung im Alter zu gewähren. Derzeit liegt diese Sozialleistung bei rund 690 Euro, schwankt allerdings regional aufgrund der unterschiedlichen Lebenshaltungskosten. Börsch-Supan warnte, dass eine Aufstockung von Minirenten negative Folgen hätte. Viele Geringverdiener würden dann keiner Beschäftigung mehr nachgehen, wenn sie die erforderlichen 40 Jahre beisammenhätten. Dabei zeige die Studie, dass der spätere Renteneintritt einen Großteil der Leistungseinschnitte infolge der Rentenreformen wieder ausgleicht.

Von der Leyen ließ den Vorwurf der Schwarzmalerei nicht auf sich sitzen und hielt dem Beirat vor, die künftigen Rentenprobleme kleinzureden. "Bei einem Stundenlohn von acht Euro muss ein Arbeitnehmer 63 Jahre Beiträge zahlen, um auf Grundsicherungsniveau zu kommen", rechnete die CDU-Politikerin vor. "Wir brauchen Mindestlöhne, und wir brauchen die Lebensleistungsrente", sagte von der Leyen.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Mit dem Männergefängnis am Heidering leistet sich das klamme Berlin ein neues Gefängnis
12:21Technische Mängel
Verlegung von Gefangenen in JVA Heidering erneut geplatzt

Berlin hat eine Baustelle mehr. Neben den andauernden Problemen am BER, hat nun das neue Männergefängnis am Heidering mit der Technik zu kämpfen. Die geplanten Verlegungen müssen verschoben werden. mehr...


Der vermeintliche Täter Roy B., soll einen Suizidversuch unternommen haben. Ein Rettungsarzt hatte den Mann gerettet. Zuvor hatte das Mädchen Sharlyn die Kripo-Beamten zu der Wohnung geführt
12:14Kidnapper
Mutmaßlicher Entführer von Sharlyn in Psychiatrie eingewiesen

Der vermeintliche Entführer der 8-jährigen Sharlyn ist nun in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert worden. Er hatte am Pfingstmontag das Mädchen von einem Spielplatz zu sich nach Hause gelockt. mehr...


Die 13.000 BVG-Beschäftigten können sich über ein Lohnplus von knapp 4,8 Prozent in zwei Jahren freuen
07:16Kommentar
Die BVG ist einen bemerkenswerten Kompromiss eingegangen

Die Berliner Verkehrsbetriebe und die Gewerkschaften haben sich rasch auf einen neuen Tarifabschluss geeinigt. Nun ist die Landespolitik gefordert, die sich klar zu ihrer BVG bekennen muss. mehr...


Finanzsenator Ulrich Nußbaum
12:37Verfahren eingestellt
Geldstrafe nach Brand in Büro von Senator Nußbaum

Das Verfahren mit Verdacht auf Brandstiftung im Büro des Finanzsenators Nußbaum wurde am Donnerstag eingestellt. Es wurde jedoch eine Geldbuße in Höhe von 8000 Euro verhängt. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
USA Bär spaziert durch Vorort von Los Angeles
London Islamisten töten britischen Soldaten
DW In Norditalien kommt die Erde nicht zur Ruhe
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote