17.12.12

Geburtenrückgang

Warum viele deutsche Frauen kinderlos bleiben

Eine Studie zur Geburtenrate beleuchtet die Gefühlslage der Deutschen und erklärt, was berufstätige Frauen vom Kinderkriegen abhält.

Von Claudia Ehrenstein
Foto: dpa

Eine Säuglingsstation in Seligenstadt. Die Zahl der jährlich geborenen Kinder sinkt in Deutschland stetig
Eine Säuglingsstation in Seligenstadt. Die Zahl der jährlich geborenen Kinder sinkt in Deutschland stetig

Weihnachten ist das Fest der Kinder. Und ausgerechnet in die Vorfreude auf diese Feiertage platzt das Wiesbadener Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) mit einer Studie, die erklärt, warum gerade in Deutschland so viele Frauen kinderlos bleiben. In kaum einem anderen Land werden so wenige Kinder geboren, ist der Kinderwunsch so wenig ausgeprägt - trotz Kindergeld, Elterngeld, Betreuungsgeld und anderen familienpolitischen Maßnahmen.

Vor allem in nordeuropäischen Ländern wie Schweden, Norwegen und Dänemark aber auch in Frankreich ist die Geburtenrate deutlich höher als in Deutschland. Hierzulande finden es immer weniger junge Frauen und Männer erstrebenswert, Eltern zu werden. Oft schieben sie die Familiengründung so lange hinaus, bis es zu spät ist. Um diesen Trend zu erklären, hat die Studie erstmals nicht nur statistische Daten ausgewertet, sondern die Gefühlslage der Deutschen analysiert und mit Ergebnissen der Familienforschung kombiniert. Dabei hat sich eine ganze Kombination von Grünen herauskristallisiert.

Kinder haben anderen Stellenwert

So sind es keineswegs nur wirtschaftliche Überlegungen, die im konkreten Fall gegen ein Kind sprechen. Vielmehr sind es oft vor allem soziale und kulturelle Umstände, die Frauen davon abhalten, Mutter zu werden. So befürchten gerade hochqualifizierte Frauen, dem gesellschaftlichen Ideal der "guten Mutter" nicht gerecht zu werden, wenn sie ein Kind groß ziehen und weiterhin arbeiten. Unter Akademikerinnen ist der Anteil kinderloser Frauen denn auch mit rund 30 Prozent besonders groß.

Was nach Einschätzung der Studie fehlt, ist die Anerkennung für berufstätige Mütter. 63 Prozent der Befragten in Westdeutschland befürchten, ein Kleinkind würde darunter leiden, wenn die Mutter berufstätig sei. In Ostdeutschland ist die Grundeinstellung zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch deutlich optimistischer. Nur 36 Prozent der Befragten sind der Meinung, es sei nicht gut für ein Kleinkind, wenn es in den ersten Lebensjahren nicht von der Mutter, sondern in einer Kita betreut wird.

Auch die grundsätzliche Einstellung zu Kindern hat sich im vergleich zu früheren Jahrzehnten verändert. Nur noch 45 Prozent der kinderlosen Frauen und Männer glauben, das Kinder ihr Leben bereichern und glücklicher machen würde. "Kinder stellen nicht mehr für alle Deutschen einen zentralen Lebensbereich dar", heißt es in der Studie. Hobbys, Freundschaften und Erfolge im Beruf sind heute für viele Menschen sehr viel wichtiger als Kinder.

Im Zweifel bleiben viele Frauen lieber allein

Noch in den 50er und 60er Jahren waren junge Frauen und Männer erst als erwachsene Personen voll anerkannt, wenn sie ihre eigene Geld verdienten, verheiratet waren, eine eigene Wohnung und Kinder hatten. Heute dagegen sind nur noch wenige kinderlose Erwachsene der Ansicht, dass Kinder ihr gesellschaftliches Ansehen erhöhen würden. Und: Menschen mit hohem Anspruch an Elternschaft bleiben häufiger als andere kinderlos, "weil sie fürchten, ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden".

Kinderlosigkeit, so resümiert die Studie, ist zu einem großen Teil gewollt und ganz bewusst gewählt. Während Frauen im Jahr 1865 im Durchschnitt noch 4,7 Kinder hatten, lag dieser Wert 1965 nur noch bei 1,55. Seit Mitte der siebziger Jahre schwankt die Kinderzahl pro Frau zwischen 1,24 und 1,45 Kindern. Die Zahl der jährlich geborenen Kinder sank in Deutschland von mehr als 900.000 Anfang der 60er Jahre auf heute knapp 680.000 - mit Tendenz nach untern. Vor allem in ländlichen Regionen gehen die Geburtenzahlen weiter zurück.

Auch Angesichts dieses negativen Trends bleibt der Wiener Verhaltensanthropologe Martin Fieder gelassen. "Kinderlosigkeit steckt nicht in den Genen", sagt Fieder im Gespräch mit der "Morgenpost". "Menschen, die in der Vergangenheit keine Kinder bekommen haben, sind nicht unsere Vorfahren." Mit der Zahl der Kinder steigt viel mehr der evolutionäre Erfolg. Es sind damit Frauen und Männer mit starkem Kinderwunsch, die sich in der Menschheitsgeschichte durchsetzten.

Ob sich eine Frau für oder gegen Kinder entscheidet, hängt vor allem von ihrer sozialen Stellung in der Gesellschaft ab. Mit dem Status steigen die Ansprüche an einen Partner. Je erfolgreicher eine Frau ist, desto weniger ist sie gewillt, Kompromisse einzugehen und einen Mann zu akzeptieren, der nicht mit ihr auf Augenhöhe steht. Umso schwieriger wird für sie, einen potenziellen Vater zu finden. Im Zweifel bleiben viele Frauen daher inzwischen lieber allein - und ohne Kind.

Studie plädiert für flexiblere Arbeitszeiten

Ein Dilemma, das sich nach Ansicht Fieders aus dem vorherrschenden Familienmodell "Vater, Mutter, Kind" ergibt. Noch ist eine sehr deutliche Mehrheit von 86 Prozent der Deutschen der Ansicht, dass Kinder mit beiden Elternteilen aufwachsen sollten. Die vorherrschende Lebensform ist denn auch mit 30,8 Prozent das verheiratete Paar mit zwei Kindern.

Ein Drittel der Kinder in Deutschland aber werden heute schon von unverheirateten Müttern geboren. "Das Reproduktionsverhalten passt sich schnell der Gesellschaft an", sagt Fieder und fordert die Politik auf, alleinerziehende Mutter besser zu unterstützen und ihre Stellung in der Gesellscahft damit zu stärken.

Die Konsequenz sinkender Geburtenzahlen soll nun aber nicht sein, Frauen aus der Arbeitswelt fern zu halten. Die Studie plädiert für mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten, um es jungen Müttern und Vätern in der sogenannten Rush Hour des Lebens zwischen 30 und 40 zu erleichtern, ihre Familie und den Beruf unter einen Hut zu bringen.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) fordert von der Wirtschaft mehr Betriebskindergärten, mehr Anerkennung für Teilzeit-Arbeit, mehr Rücksicht auf familiäre Belastungen. "Bei allem was Politik tut, darf sie aber nicht den Eindruck erwecken, sie könnte unmittelbar die Geburtenrate beeinflussen", erklärte ein Ministeriumssprecher

Fieder rät gerade gut ausgebildeten Frauen, ihren Kinderwunsch möglichst noch während des Studiums zu realisieren. Dann erlaubt erstens der Studienplan noch mehr Flexibilität bei der Zeiteinteilung. Und zweitens sind Unterschiede im Status noch nicht so ausgeprägt - was es für Frauen und Männer leichter macht, einen passenden Partner zu finden.

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