16.12.2012, 19:54

Terrorismus Die Anleitung für die Bombe in Bonn kam aus dem Netz


Standbild einer Überwachungskamera in einem Schnellrestaurant im Bonner Hauptbahnhof: Es zeigt einen Mann mit einer blauen Tasche. In dieser Tasche wurde später der Sprengsatz entdeckt

Foto: Polizei / dapd

Von Florian Flade und Miriam Hollstein

Bombe in Bonn - Bundespolizei und Bahn machen sich verantwortlich für fehlende Videos. Bauanleitungen für Sprengsätze kursieren im Netz.

Die Absperrgitter sind verschwunden. Auf dem Bonner Hauptbahnhof ist wieder Alltag eingekehrt. Äußerlich deutet nichts mehr darauf hin, dass vor einer Woche am Gleis 1 eine blaue Sporttasche mit potenziell tödlichem Inhalt gefunden wurde. Wäre der hochgegangen, hätte er wohl viele Menschen getötet.

Der Psychologe Bernhard Breuer pendelt täglich mit dem Zug nach Köln. Dass am Bonner Hauptbahnhof etwas passiert sein musste, merkte er am vergangenen Montag daran, dass alle Züge nach Bonn über Beuel umgeleitet wurden. Erst am Abend erfuhr er aus den Nachrichten den Grund. Die Bombe war auf jenem Bahnsteig 1 deponiert, von dem Breuer immer abfährt. "Das war schon ein mulmiges Gefühl."

Angst, den Zug zu nehmen, hat der Psychologe nun aber nicht. Er kann es sich nicht erklären, warum die Terroristen den eher verschlafenen Bonner Hauptbahnhof ausgesucht haben. "Es gibt auch in Bonn spektakulärerer Ziele, mit denen man in der verqueren Terroristenlogik politisch mehr Aufsehen erregt hätte."

500 Fahnder suchen die Täter

Rund 500 Ermittler der Soko Anschlag fahnden derzeit nach den Tätern. Die Spur führt dabei ins Salafisten-Milieu. Einem Bericht des Magazins "Der Spiegel" zufolge wird gegen mindestens drei verdächtige Männer ermittelt, von denen zwei mit der blauen Sporttasche gesehen wurden. Eine Videodatei des nahe gelegenen McDonald's-Restaurants zeigt, wie ein hellhäutiger Mann die Filiale mit der Tasche betritt.

Zeugen vom Bahnsteig beschrieben der Polizei einen zweiten Mann, der die Tasche dort abgelegt hat. Es handelt sich dabei um einen 30- bis 35-Jährigen mit dunkler Hautfarbe, der etwa 1,90 Meter groß und schlank ist. Es gibt Hinweise, dass der Gesuchte Mitglied der radikal-islamistischen Gruppierung Deutscher Shabaab ist und Verbindungen zu al-Qaida hatte.

Ein weiteres Indiz für das islamistische Milieu der Täter ist demnach für die Ermittler die Ankündigung eines derzeit in Somalia lebenden Deutschen, es müsse in Europa mal wieder etwas passieren. Zudem entspricht die Machart des Bonner Sprengsatzes einer Anleitung aus einem islamistischen Online-Magazin, das von der jemenitischen al-Qaida-Filiale herausgegeben wird.

Bombenbauanleitungen kursieren im Netz

Die Bombe am Bonner Gleis 1 verdeutlicht einen besorgniserregenden Trend. Per Download im Netz gelangen islamistische Terroristen mühelos an Anleitungen zum Bau von Bomben. "Gift in PDF-Form", nannte ein deutscher Terrorermittler das Magazin daher im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Pakistanische oder irakische Bombenbauanleitungen seien für hiesige Extremisten oftmals unbrauchbar. Die Bestandteile seien in Europa meist nicht erhältlich oder hätten andere Namen.

Zudem seien viele Islamisten im Westen, insbesondere Konvertiten, nicht in der Lage, die fremdsprachigen Bauanleitungen zu verstehen. Häufig gebe es Übersetzungsfehler aus dem Arabischen oder Urdu. Diese Lücke habe die englischsprachige Website geschlossen – auch wenn die Hauptautoren, der US-jemenitische Prediger Anwar al-Awlaki und der Amerikaner Samir Khan, durch US-Drohnen im Jemen getötet worden seien.

Unterdessen streiten Politiker darüber, welche Konsequenzen aus dem versuchten Anschlag in Bonn gezogen werden müssen. Während Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) auf Anfrage der Berliner Morgenpost vor einer Debatte über schärfere Gesetze warnte, forderte der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU), den Straftatbestand der Bildung einer terroristischen Vereinigung zu erweitern.

Bayern will Videoüberwachung verschärfen

Der entsprechende Paragraf 129a des Strafgesetzbuches müsse auch bei Brand- und Sprengstoffdelikten angewendet werden. Leutheusser-Schnarrenberger betonte, die Prävention terroristischer Gewalttaten erfordere effektiv handelnde Sicherheitsbehörden: "Wir sollten dafür sorgen, dass Bomben die Bahnhöfe gar nicht erst erreichen können."

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) spricht sich indes für einheitliche Standards für die Videoüberwachung aus. "Ich finde es nicht logisch, dass zum Beispiel bei einer Notbremsung in einer Münchner S-Bahn Videoaufzeichnungen bis zu sieben Tage gespeichert werden, um die Ursache ausfindig zu machen, dass aber auf Bahnhöfen wie etwa in Bonn die Aufnahmen mancher Kameras überhaupt nicht aufgezeichnet werden", sagte der CSU-Politiker der Berliner Morgenpost. Der Anschlagsversuch in Bonn habe deutlich gemacht, "dass die bisherige Einigung zwischen Bundespolizei und Bahn, nur an zentralen Bahnhöfen Aufzeichnungsgeräte mitlaufen zu lassen, nicht ausreicht".

Auch der Innenausschussvorsitzende im Bundestag, Wolfgang Bosbach (CDU), bemängelt die Videoüberwachung der Bahn AG. Videoüberwachung an Gefahrenschwerpunkten sei ein "wichtiges Hilfsmittel zur Abwehr und Aufklärung von Straftaten", sagte er der Berliner Morgenpost. Auf dem Bonner Bahnhof gab es zwar zwei Kameras, deren Bilder wurden aber nicht gespeichert. Die Polizei hatte sich deshalb nach dem Bombenfund an die anliegenden Geschäfte gewendet.

Bosbach forderte Bahn AG und Bundespolizei auf, "Art und Umfang der notwendigen Sicherheitsmaßnahmen" besser abzustimmen. Die Bürger hätten kein Verständnis dafür, wenn der Schwarze Peter jetzt zwischen Bahn und Bundespolizei hin- und hergeschoben werde. Doch genau das geschieht gerade.

Ein Sprecher der Deutschen Bahn warf der Bundespolizei in der Zeitung "Bild am Sonntag" vor, keinen Auftrag zur Aufzeichnung im Bahnhof erteilt zu haben. Die Bundespolizei weist den Vorwurf ihrerseits zurück. Die Bahn, so ein Sprecher, sei vielmehr nicht bereit, zusätzliche Aufzeichnungskapazitäten zu bezahlen.

(Mitarbeit: J. Gaugele, M. Lutz)
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