16.12.12

Kommentar

Warum Steinbrück und Trittin ein spannendes Duo sind

Vier Fäuste, halleluja! Im Doppelpack könnten die zwei Politiker viel erreichen, so Hajo Schumacher über Merkels rot-grüne Herausforderer.

Von Hajo Schumacher

Die Cowboy-Phase ist eigentlich vorbei in der deutschen Politik. Entweder regieren starke Frauen wie Merkel, Kraft, Kramp-Karrenbauer, Lieberknecht oder eher unauffällige Männer wie Scholz, Sellering, Kretschmann und McAllister. Aus der Mode kam der Typus des klassischen Alphamännchens, dem man zutraut, morgens nach Rocky-Manier ein paar rohe Eier zu verdrücken, das sich lieber zofft, als eine Entspannungsmeditation zu machen, und die Traute hat, "Gedöns" zu sagen.

Doch nun ist die Langeweile vorbei. Knarzend öffnet sich die Saloon-Tür, Musik von Ennio Morricone liegt in der Luft, das Publikum hält die Luft an. Ja, es ist noch ein wenig gewöhnungsbedürftig, wenn Jürgen Trittin und Peer Steinbrück Seite an Seite die Bühne betreten; zwei Kämpfer, denen man nicht sofort enge Freundschaft zutraut.

Immerhin: Die beiden bieten ein kraftvolles, durchaus aggressives, jedenfalls nicht langweiliges Motiv, das die Pofalla-haltige Berliner Welt bereichert – zwei Himmelhunde auf dem Weg zum Kanzleramt. Jeder für sich ist ein wenig merkwürdig, aber im Doppelpack bilden die beiden ein strategisches spannendes Duo, das die auseinanderdriftenden Wählerwelten links von Merkel bedient – wenn die beiden zusammenhalten.

Trittin ist einer der wenigen Kollegen, die Peer Steinbrück halbwegs ernst nehmen dürfte. Der lange Grüne, den immer noch die K-Vergangenheit umweht, gehört zu den erfahrensten Politikern des Landes. Er hat schon mit Schröder in Niedersachsen regiert, er litt an Fischer, war aber der Garant dafür, dass die Grünen sich als berechenbare Regierungspartei präsentieren. Trittin beherrscht die Kunst, Realpolitik zu machen, zugleich aber die Basis mit Revolutionsrhetorik bei Laune zu halten. Er hat sein Umweltministerium ordentlich geführt, ist fleißig, vor allem aber zuverlässig. Er läuft fast jeden Tag, aber ohne Kamera.

Trittin ist berechenbarer als Steinbrück und für den SPD-Kandidaten ein Geschenk. Denn so einen Desperado gibt es in der SPD nicht: links, loyal, regierungserfahren, bei Jungen und Frauen vermittelbar – das schafft Ralf Stegner in 100 Jahren nicht. Und so ersteht ein Duo wieder auf, das von 1998 in Erinnerung ist. Damals bediente der Realo Schröder die Mitte, ein gewisser Oskar Lafontaine die Klassik-Wähler.

Für 2013 tritt eben ein rot-grünes Duo an, aber mit dem gleichen strategischen Ziel – sie bedienen eine weitere Wählerkundschaft und nehmen dem jeweils anderen den Schrecken. Mit Trittin bekommt Steinbrück endlich die Beinfreiheit, die er sich selbst durch Überanpassung an die Folkloregruppen der SPD bereits zu nehmen drohte.

Die strategischen Vorteile sind offenkundig. Erstens stehen die beiden für Ausgleich. Wem der eine zu extrem ist, dem gibt der andere das Gefühl: wird schon nicht so schlimm. Zweitens: Gemeinsam sprechen die beiden Wählergruppen von Schröders Neuer Mitte bis weit ins Lager der Linkspartei an. Drittens bilden die beiden knorzigen Kerle einen stabilen kulturellen Gegenentwurf zur Kanzlerin. So kann es geschehen, dass Merkel zwar die Wahlen gewinnt, aber Steinbrück und Trittin die Mehrheit haben. Schwarz-Grün darf man getrost als Option für äußerste Notfälle betrachten. Zumal es nur einen gibt, der, wenn überhaupt, der Öko-Partei diesen radikalen Kulturbruch vermitteln könnte: Jürgen Trittin.

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